Vorstellungskräfte bündeln: Tucké Royale im Interview

In langsamen, intensiven Bildern folgt Neubau Markus Hawemann (Tucké Royale), der hin und hergerissen ist zwischen seinem Wunsch, die Uckermark Richtung Berlin zu verlassen und der Sorge um seine beiden alternden Omas und Liebhaberinnen Sabine (Monika Zimmering) und Alma (Jalda Rebling). Während queere Geister Markus in traumartigen Szenen fortzuziehen scheinen, hält ihn eine beginnende Beziehung mit Duc (Minh Duc Pham) im Hier und Jetzt des heißen Brandenburgischen Sommers. Mit Neubau haben Tucké Royale (Drehuch/Darsteller) und Johannes M. Schmit (Regie) einen ebenso zarten wie starken Film gemacht über queere Liebe, Fürsorge, Altern, Trauer und das Leben auf dem Land.

Zwei Personen lehnen an der Kühlerhaube eines türkisen Autos und sehen sich an. Die linke Person trägt ein ärmelloses graues Shirt. Die rechte Person hat trägt ein pastellfarbenes gemustertes Hemd. Im Hintergrund ist eine sommerliche Wiese zu sehen, Gras und Sträucher.

© Salzgeber

___STEADY_PAYWALL___Ich war begeistert davon, wie unaufgeregt fesselnd und berührend Neubau queere Beziehungen, trans* Erfahrung, Liebe und Intimität in unterschiedlichen Lebensabschnitten und auch Tod und Trauer behandelt und damit einen starken Gegenpol schafft zu Klischees und Fremddarstellung.

Mit Tucké Royale habe ich über kollektives Arbeiten, Repräsentation und die #ActOut-Kampagne gesprochen, in der sich im Februar 2021 185 Schauspieler:innen im Magazin der Süddeutschen Zeitung als lesbisch, schwul, bi, queer, nicht-binär und trans* geoutet haben, um Sichtbarkeit zu schaffen. Denn: “Es gibt weitaus mehr Geschichten und Perspektiven als nur die des heterosexuellen weißen Mittelstands, die angeschaut und gefeiert werden.“

Im rechten Bildviertel ist eine Person von hinten zu sehen, die auf ein Gruppe von Menschen blickt, die in Schwimmkleidung an einem See stehen. Die Person trägt ein blaues Shirt und eine dünne Kette. Von den Personen am See sitzen einige, die anderen stehen am Ufer und im See. Im Vodergrund sind von oben die grünen Blätter und die Blüten eines Baumes zu sehen.

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Was hat euch als Künstler:innen-Kollektiv dazu inspiriert, einen „queeren Heimatfilm“ zu machen?

Wir sind ja kein festes Kollektiv, sondern zunächst mal eine Arbeitsverabredung für eben diesen Film. Alle, die mitgemacht und sich eingebracht haben, wollten einen Film aus queeren Perspektiven machen und zwar auch in einem dafür sensiblen Team. Wir lieben alle unsere Berufe und haben für den Film unser bestes gegeben. Es war uns ein Anliegen unsere Vorstellungskräfte zu bündeln und selbstverständlich von queerem Leben im ländlichen Raum, Fürsorge, Sexualität und Sehnsucht zu erzählen – gegen alle Vorurteile.

Was sind die Vorteile, aber auch die Herausforderungen dabei, unabhängig und in einem Kollektiv zu arbeiten?

Die Vorteile liegen auf der Hand: die Geschichte aus den Figuren motiviert zu erzählen. Da wir uns vertraut haben, konnten wir beispielsweise auch in der Bildgestaltung eine große Nähe und Intimität eingehen, die uns nicht unangenehm werden musste. Wir mussten nicht vor einem argwöhnischen oder repressiven Dispositiv arbeiten. Herausfordernd war eigentlich nur, dass wir wenig Drehtage hatten und sehr effizient sein mussten. Das haben wir gut hinbekommen. Dafür bin ich sehr dankbar.

Zwei ältere Personen sitzen auf der Rückbank eines Autos. Die Person links hat kurze, graue gelockte Haare und blickt nach vorne. Die Person rechts hat lange, graubraune Haare, trägt ein geblümtes Nachthemd und blickt mit weit geöffneten Augen aus dem Autofenster. Sie hält einen Wiesenblumenstrauß.

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Und wie ist Neubau mit deiner bisherigen Arbeit verbunden?

Neubau ist aus der Sehnsucht hervorgegangen die Figuren des Geschehens in ihrem komplizierten, aber schönen, Alltag zu zeigen, sie nicht auf Grund ihrer Identitäten gegeneinander auszuspielen und sie vor allem in ihrer Selbstverständlichkeit miteinander zu zeigen. Das hat mir gefehlt in den Angeboten oder fehlenden Spielangeboten der vergangenen Jahre. Ich dachte, ich würde nie eine Rolle wie die des Markus Hawemann spielen können, also habe ich sie geschrieben. Ich wollte die Nische, in die ich verwiesen worden bin, nicht mehr. Ich wollte mich mit einem Massenmedium an ein Publikum wenden, dem ich unterstellt habe, dass es eine ähnliche Sehnsucht nach Unaufgeregtheit und Großzügigkeit, ja Lust an Landschaft, Körpern und dem Sommer hat.

Der Kopf eines jungen Mannes mit Bart und kurzen Haaren ist an einen Heuballen gelehnt. Er blickt in die Ferne. Im Hintergrund ist verschwommen eine Wiese und der Himmel zu sehen.

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Für mich haben Neubau und das #ActOut-Manifest sehr viel miteinander zu tun, zum Beispiel in Bezug auf die Frage: Wer repräsentiert wen und wie? Oder auch: Wer und welche Geschichten werden überhaupt sichtbar im Film, im Theater, in den Medien? Wie sind Neubau und dein Engagement in der #ActOut-Kampagne miteinander verbunden?

Klar, auf der Verteilungsebene gingen die Jobs nur an Kolleg:innen, denen es ein Anliegen war, diese Geschichte zu erzählen. Es wird ja häufig gefragt, wer was spielen darf. Ohne persönliche Erfahrungen wäre es uns nicht gelungen die jüdischen Komponenten des Films, die vietdeutsche Erzählung, die Transitionserfahrung komplex und nicht stereotyp zu erzählen. Das möchte ich erstmal sehen, wie das ohne Einblicke ginge. Darin liegt auch ein gewisses Dilemma begründet, nicht auf die eigenen Erfahrungen gebucht zu werden, aber sie doch erzählen zu wollen. Wir hatten das große Glück aus uns heraus arbeiten zu können und nicht auf neugierige Erwartungen reagieren zu müssen. Und klar, tangiert das auch #actout, wobei ich zum Filmdreh nichts von der Kampagne wusste, die wohl zeitgleich ihren zarten Anfang genommen haben muss. Karin Hanczewski und Godehard Giese haben sich zunächst in einem Hotelzimmer über Ausgrenzung auf einem Filmfestival empört, weil Karin ihre damalige Freundin nicht mit auf den roten Teppich nehmen sollte. So ging das los. Es war nicht klar, dass anderthalb Jahre später 185 Schauspieler:innen aus dem SZ-Magazin sprechen würden. Ich bin erst kurz vor dem Interview im Dezember 2020 dazu gekommen. Und ich habe überlegt, ob ich das mache, weil es mich die letzten Jahre so genervt hat, auf bestimmte Merkmale und Erfahrungen festgelegt zu werden. Andersrum habe ich gedacht: Wenn ich nicht ich wäre und jünger oder jünger im Beruf, es wäre für mich wichtig, von so jemandem wie mir zu hören. Das Beste an #actout ist aber doch, dass wir in unserer Annahme bestätigt worden sind, dass das Publikum auf unserer Seite ist, dass wir uns untereinander austauschen und stützen und dass wir uns mit anderen Gruppen, die vergleichbare Erfahrungen der Ausgrenzung machen vernetzen. Das ist jetzt nicht mehr aufzuhalten. Und darum bin ich froh.

Neubau läuft derzeit online in der Queerfilmnacht und demnächst im Kino.

Neubau from Salzgeber Club on Vimeo.

Autor

  • Jul Tirler forscht und schreibt zu Repräsentationspolitiken, Repräsentationskritik und feministischen Praxen und Theorien. Meistens in Wien, gerne aber auch in Paris, Madrid oder mit Blick auf die Berge. Jul interessiert sich besonders für kollektiv produzierte Filme und Film als aktivistische Praxis.

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