Berlinale 2026: Etwas ganz Besonderes
Es wäre zu einfach gewesen, den Text mit der Frage einzuleiten, die vorgibt, ein zentrales Motiv in Eva Trobischs neuestem Film Etwas ganz Besonderes zu sein: „Wer bist du und was macht dich aus?“, wird die 16-jährige Lea (Frida Hornemann) vom Produzenten der Castingshow gefragt, der einen Einspieler über sie für die Show drehen will. Die Frage und ihre vielfache Positionierung im Drehbuch inszeniert die Suche nach einer Identität als Ausgangslage für das Familiendrama, das sich über drei Generationen entspinnt. Dabei geht es in Etwas ganz Besonderes um deutlich mehr als nur die Identität einer Heranwachsenden, es ist keine Coming-of-Age-Geschichte, sondern eine Verhandlung der Konsequenzen des noch immer frappierenden Ost-West-Gefälles in Deutschland.

© Adrian Campean, Trimafilm
Im Zentrum des Films steht nicht nur Lea, sondern ihre ganze Familie im strukturschwachen, thüringischen Greiz. Vater Matze (Max Riemelt) und Mutter Rieke (Gina Henkel) sind getrennt, sie erwartet ein weiteres Kind von Leas Schuldirektor, während die ehemaligen Eheleute jedoch noch Gefühle füreinander hegen. Matzes Schwester Kati (Eva Löbau) und ihr Sohn Edgar (Florian Geißelmann) sind nach Greiz zurückgekehrt, weil Kati im Ort die Leitung des städtischen Museums übernommen hat, das durch hohe Fördersummen saniert wurde und in der Greizer Öffentlichkeit kritisch aufgenommen wird. Christel (Rahel Ohm) und Friedrich (Peter René Lüdecke), die Eltern von Matze und Kati, leiten im Kontrast dazu eine Waldpension mit Pferdehof, die sich wirtschaftlich kaum halten lässt und auf Buchungen politisch Streitbarer angewiesen ist.___STEADY_PAYWALL___

© Adrian Campean, Trimafilm
In dieser familiären Konstellation, in der an jeder Ecke Konflikte herrschen, treffen nicht nur verschiedene wirtschaftliche Realitäten aufeinander, sondern auch variierende gesellschaftliche, politische und zutiefst persönliche Perspektiven. So eskaliert beispielsweise ein Zwist zwischen Kati und Christel, als Kati ihre Familie und verschiedene Geldgeber durch das neue Museum führt. Christel, die jahrzehntelang als Weberin in dem Schloss gearbeitet hat, das nun die Museumsräume beherbergt, spürt hier eine eklatante Ungerechtigkeit. Warum muss sie in Greiz ums wirtschaftliche Überleben kämpfen – in diesem Ort, dem sie so viel gegeben hat – während ihre Tochter weggezogen ist und nun Fördergelder en masse abgreift, um die Geschichte einer Stadt zu vermitteln, die nur bedingt ihr Zuhause ist? Gleichzeitig sabotiert Edgar die Konferenz einer Vereinigung schlesischer Autonomisten in Christels Pension, weil er ihre politische Position nicht ertragen kann. Diese und alle weiteren Konfliktlinien entzünden sich entlang nicht aufgearbeiteter deutsch-deutscher Differenzen und im Großen und Ganzen den Verhältnissen der ostdeutschen Peripherie. Stellenweise drohen sie den Film inhaltlich und emotional zu überladen.
Etwas ganz Besonderes ist dabei dennoch ein Film der ruhigen Töne und der kleinen Inszenierungen. Eva Trobisch erzählt viele der Gefühle und Gedanken ihrer Protagonist*innen über kurze (Augen)Blicke, Mimiken, Gesten und das, was ungesagt bleibt. Sie erlaubt ihren Figuren eine fürs Publikum frustrierende Nicht-Kommunikation, die die Dynamik der Familie dennoch perfekt unterstreicht. Ihre Bindungen untereinander sind zu eng, um sie als dysfunktional zu charakterisieren, ihre Konflikte sind zu persönlich aufgeladen, um sie nur als Bildträger historischer Fehlentwicklungen zu deuten – sie sind greifbar, authentisch und evozieren sowohl persönlich-familiäre Erfahrungen als auch Reflektionen über die Frage, inwiefern die Krisen der Nachwendezeit auch in unseren Köpfen andauern.

© Adrian Campean, Trimafilm
Was der Film allerdings ausspart, sind Verortungen in Gegenwarts-Deutschland, die über mehr oder minder deutliche Verweise hinausgehen. Die Omnipräsenz der politisch etablierten Rechtsextremen im ländlichen Thüringen wird höchstens angedeutet, aber nie ausgesprochen. Als allzu politisch will sich Etwas ganz Besonderes dann vielleicht doch nicht verstehen, ohne das Psychogramm der Familie in einem Vakuum existieren zu lassen. Und das ist dem Anspruch des Films durchaus gerecht.
Etwas ganz Besonderes ist im Wettbewerb der Berlinale 2026 zu sehen.
- Berlinale 2026: The Loneliest Man in Town – Kurzkritik - 20. Februar 2026
- Berlinale 2026: Im Umkreis des Paradieses – Kurzkritik - 19. Februar 2026
- Berlinale 2026: Etwas ganz Besonderes - 19. Februar 2026




