Berlinale 2026: Traces – Kurzkritik
In ihrem Dokumentarfilm Traces porträtiert die ukrainische Regisseurin Alisa Kovalenko Frauen, die im Zuge des russischen Angriffskriegs sexualisierte Gewalt und Folter erlebt haben. Kovalenko selbst bleibt unsichtbar und nur ein einziger Satz kurz vor dem Abspann verweist darauf, dass sie die Erfahrungen ihrer Protagonistinnen teilt. Im Zentrum von Traces steht Iryna Dovhan – nicht nur mit ihrer eigenen Gewalterfahrung, sondern vor allem ihrem Aktivismus in der ukrainischen Frauenorganisation SEMA, die sich für Betroffene von sexualisierten und geschlechtsspezifischen Kriegsverbrechen einsetzt.

© Alisa Kovalenko
Dovhan und die anderen porträtierten Frauen kommen ausführlich über ihre Gewalterfahrungen zu Wort, während Alisa Kovalenko diese Erzählungen mit Aufnahmen von Alltagstätigkeiten wie Gartenarbeit, Naturbildern oder Wohnräumen illustriert. So stellt die Regisseurin die Protagonistinnen mit ihren zutiefst intimen Geschichten für das Kinopublikum nicht aus, wahrt jene Würde, die ihnen durch die russischen Angreifer genommen wurde. Gleichzeitig sind die Schilderungen der Betroffenen sehr detailliert und anschaulich, sodass wir als Zuschauer*innen, vor allem aber als Zuhörer*innen, trotz Brechung zwischen Bild und Ton durchaus intensiven inneren Bildern und Emotionen ausgesetzt sind.___STEADY_PAYWALL___

© Alisa Kovalenko
Die Stärke von Alisa Kovalenkos Herangehensweise an die Thematik ist die von ihr eröffnete Perspektive. Sie bleibt eben nicht in einem Elendsvoyeurismus stecken. So ungefiltert furchtbar die Berichte der Protagonistinnen auch sein mögen, keine der Frauen ist anhaltend hoffnungslos. Dabei gibt es durchaus Unterschiede zwischen den individuellen Bewältigungsstrategien einzelner Betroffener, nicht alle wirken gleichsam traumatisiert oder körperlich beeinträchtigt. Was diese Auswahl an Frauen jedoch gleichzeitig eint, ist ihr Zusammenschluss zu Kämpferinnen. Traces betont, was wir eigentlich schon wissen und doch zu selten umsetzen: Die Kraft liegt im Kollektiv, im Bilden von Banden. Und so schafft Alisa Kovalenko vor dem Hintergrund des noch immer wütenden Angriffskrieges gegen die Ukraine sowie zahlreicher weiterer Konflikte weltweit, die durch sexualisierte Gewalt immer auch auf den Körpern von Frauen ausgetragen werden, einen Funken Hoffnung zu säen.
Traces ist bei der 76. Berlinale in der Sektion Panorama Dokumente zu sehen.
Dieser Text ist zuerst als Kurzkritik auf unserem Instagram-Kanal erschienen.
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