Berlinale 2026: Was an Empfindsamkeit bleibt
Femizide sind Morde an Frauen, weil sie Frauen sind. Femizide sind in einer patriarchalen Machtstruktur verwurzelt. Femizide sind in Deutschland kein spezifischer Straftatbestand. Sexismus beziehungsweise Frauenhass sind in Deutschland keine besonders verwerflichen Tatmotive mit Einfluss auf das Strafmaß. Femizide passieren in Deutschland fast jeden Tag.
In Was an Empfindsamkeit bleibt erzählt die Filmemacherin Daniela Magnani Hüller als Überlebende eines versuchten Femizids, wie sie 14 Jahre nach der Tat nach Antworten auf offengebliebene Fragen sucht. Gespräche mit Personen, die sie vor oder nach dem Mordversuch begleitet haben, ergänzt sie durch assoziative Bildcollagen und Voiceover-Texte. So entsteht ein Bild davon, wie ihr Umfeld dem ebenfalls jugendlichen Täter diesen Mordversuch ermöglichte, wie die Tat polizeilich verfolgt und verhandelt wurde und sich bis in die Gegenwart zieht.

© Bildersturm Filmproduktion
Das Gesicht von Daniela Magnani Hüller bleibt über große Strecken ihres selbstreflexiven Dokumentarfilms unsichtbar. Nur zu Beginn montiert sie Eindrücke ihres jugendlichen Lebens aneinander, zum Ende wird sie als erwachsene Gesprächspartnerin und Filmemacherin immer sichtbarer. Darin manifestiert sich auf visueller Ebene eine Reise zu ihr selbst. Dabei tritt die Überlebende niemals im Stile klassischer Opfernarrative auf. Sie stellt ihre Fragen selbstbewusst und fordernd. Dies ist kein gebrochener Mensch, der sich wieder zusammenzusetzen versucht. Und doch sind die Spuren der Tat auch 14 Jahre später stets spürbar.___STEADY_PAYWALL___
Es ist offensichtlich, dass die Regisseurin ihre Bildsprache bewusst wählt. So verzichtet sie beispielsweise auf die Veranschaulichung der Tat durch ihr vorliegende Fotos und Skizzen der Behörden, beschränkt sich auf Beschreibungen und Close-ups einzelner Fragmente der Zeichnungen. Die Interviewsituationen sind nüchtern, der Fokus liegt auf ihren Gegenübern. Magnani Hüller bietet sich niemals dem Voyeurismus des Publikums an und behält so die Kontrolle über ihre Person und ihren Körper, die ihr einst durch den Täter genommen wurde. Allein die Machart ihres Films ist eine Form der Selbstbehauptung.

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Daniela Magnani Hüllers Fragen an ihre Gesprächspartner*innen sind offen genug, um weder ihnen noch uns eine Richtung oder Wertung vorzugeben, und doch konkret genug, um das Scheitern eines gesellschaftlichen Systems offenzulegen. So vermeidet die Regisseurin einen mahnenden, konfrontativen Zeigefinger und lässt doch keine Zweifel daran aufkommen, dass der versuchte Femizid einerseits vermeidbar war und die Strafverfolgungsbehörden bis in die Gegenwart darüber hinaus nicht ausreichend unternehmen, um Magnani Hüller in Zukunft vor dem Täter zu schützen. Was an Empfindsamkeit bleibt ist in seiner deutlichen Anklage ein Verweisen auf Verantwortung, ohne sich in der Schuldfrage zu verrennen. Wir alle sind hier gefragt!
Der Titel Was an Empfindsamkeit bleibt bezieht sich wörtlich auf jenen Arm, der seit den Stichverletzungen besonders sensibel ist, und im übertragenen Sinne auf all jene inneren und äußeren Spuren der Gewalttat, die Daniela Magnani Hüller trotz ihres selbstbewussten und selbstbestimmten Auftretens weiterhin begleiten. Es ist beeindruckend, wie sie ihre Suche nach Antworten an Vergewaltigungsmythen vorbei manövriert, sie zum Teil offen-, zum Teil mit ihrer eigenen Geschichte klar widerlegt, und sich dabei stets ihre Authentizität bewahrt. Hier wirkt nichts künstlich, nichts dramatisiert oder zweckentfremdet. Jedes Element, jede Einstellung fügt sich in das Gesamtporträt ihrer spezifischen, subjektiven Empfindsamkeit ein.

© Bildersturm Filmproduktion
Filme wie Was an Empfindsamkeit bleibt sind für sich genommen kein Mittel gegen die Verbreitung geschlechtsspezifischer Gewalt. Aber sie liefern einen wichtigen Beitrag. Daniela Magnani Hüller erzählt eine Geschichte, die unsere Vorstellung davon, was Femizid ist und sein kann, erweitert und uns damit sensibler macht für seine Vorzeichen und unseren Umgang damit. Und die Überlebende bietet einen Ausblick, der sich weder in einem pseudoermächtigenden Befreiungsschlag, noch in Betroffenheitstristesse verliert, sondern in der Realität bleibt. Einer bitteren Realität, die wir als solche anerkennen müssen. Und zugleich in einer Realität, in der einzelne Überlebende Filme wie diesen machen können. Mögen es immer mehr werden!
Was an Empfindsamkeit bleibt ist Teil des Forums bei der Berlinale 2026.
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