Berlinale 2026: Lola und Bilidikid – Revisited – Kurzkritik

Die diesjährige Retrospektive-Sektion der Berlinale wurde mit dem Teddy-Gewinner von 1999 eröffnet: Kutluğ Atamans Lola und Bilidikid, in dessen Mittelpunkt eine Gruppe türkischer queerer Menschen in Berlin-Kreuzberg steht, die durch romantische, freundschaftliche und familiäre Verbindungen miteinander verknüpft sind. Lola und Bilidikid beginnt mit Murat (Baki Davrak), der den Tiergarten auf der Suche nach Cruising-Spots durchstreift. Murat geht noch zur Schule und versucht seine Identität vor dessen homofeindlichem Bruder Osman (Hasan Ali Mete) zu verstecken und findet im Laufe des Films Zugang zur türkisch-queeren Subkultur Kreuzbergs. Teil dieser ist auch die Drag-Queen-Gruppe „Die Gastarbeiterinnen”, die aus Lola (Gandi Mukli), Sehrazat (Celal Perk) und Calypso (Mesut Özdemir) besteht.

Die titelgebende Lola ist Murats Bruder und mit Bili (Erdal Yıldız) zusammen, der Lola in der Türkei heiraten möchte, nachdem Lola dort physische Transitionsschritte geht. Der Grund dafür ist Bilis durch (internalisierte) Queerfeindlichkeit geprägter Wunsch, eine Frau zu heiraten und eine „normale“ Familie zu gründen. Lola selbst möchte nicht transitionieren und bezeichnet sich mal als „Mann namens Lola” oder Bruder und mal als Mädchen, trägt eine Perücke mit längeren Haaren oder Röcke auch außerhalb der Drag-Performance und scheint die Bezeichnung mit beiden binären Pronomen passend zu empfinden.

© zero fiction film

Der Film bleibt bezüglich Lolas Identität vage, aber klar darin, dass die Beziehung zu Bili aufgrund seines (teils aggressiven) Machoverhalten keine Zukunft hat. Toxische und gewaltvolle Männlichkeit zieht sich durch den gesamten Film, insbesondere in der Parallelstellung der Charaktere von Bili und Osman, deren Verhalten, wenn auch mit unterschiedlichem Resultat, eine zerstörerische Wirkung entfaltet.___STEADY_PAYWALL___

Obwohl Lola und Bilidikid in vielen Momenten komödiantische Elemente enthält, spitzt sich die dargestellte Gewalt zu, die Charaktere erfahren sowohl rassistisch und homofeindlich motivierte Gewalt durch weiße, rechte Jugendliche als auch Gewalt in der eigenen Familie und Community. Neben den Erzählsträngen von Murat sowie Lola und Bili nimmt die Beziehung zwischen dem Sexarbeiter İskender (Murat Yılmaz) und dem älteren, reichen Friedrich (Michael Gerber) Raum ein, in der zunächst Lust und dann Liebe in sehr verschiedenen Lebensrealitäten aufeinanderprallen.

In Lola und Bilidikid sind die Cuts zwischen Szenen und Erzählsträngen oft hart und plötzlich, auf eine humorvolle oder zärtliche Szene folgt direkt eine emotionale oder gewaltvolle. Manchmal ist das als Zuschauer*in schwer auszuhalten – für die Charaktere natürlich sowieso. Die verschiedenen erzählten Geschichten sind alle miteinander verwoben und alle Charaktere innerhalb der Gruppe der Protagonist*innen hätten ihren eigenen Film verdient, denn so lassen sich bspw. die Hintergründe und tieferen Motivationen von Sehrazat, Calypso oder İskender nur erahnen.

© zero fiction film

Obwohl seit der Premiere 27 Jahre vergangen sind, wurde das erzählerische Potenzial, das der Film inne hat, nicht durch folgende Werke ausgeschöpft: türkisch-queere Repräsentation ist weiterhin eine Seltenheit im deutschen Kino.

Lola und Bilidikid ist einerseits ein Zeitdokument, das ein Kreuzberg darstellt, welches aufgrund von Gentrifizierung in dieser Form nicht mehr existiert. Gleichzeitig sind die verhandelten Themen, Konflikte und die Gefahr durch rassistische und queerfeindliche Gewalt auch heute aktuell. Kutluğ Atamans Film ist kein einfacher, aber einer, der es genau wegen des Potenzials für Reibungen und Diskussionen verdient hat, eine prominentere Rolle im Kanon des queeren Kinos einzunehmen.

Lola und Bolodikid ist Teil der Berlinale-Retrospektive 2026.

Dieser Text ist zuerst als Kurzkritik auf unserem Instagram-Kanal erschienen.

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