Berlinale 2026: Siri Hustvedt – Dance Around the Self – Kurzkritik

Ausgehend von ihrem literarischen Werk und unter Verwendung zahlreicher Werkzitate porträtiert Regisseurin Sabine Lidl in Siri Hustvedt – Dance Around the Self die titelgebende US-amerikanische Schriftstellerin. Neben Hustvedt selbst kommen in Interviews auch ihre drei Schwestern, Freund:*nnen sowie „Lebensmensch“ Paul Auster zu Wort. Sie beschreiben das Leben von und mit der Autorin, lesen Passagen aus ihren Büchern und ordnen diese biografisch ein. Hustvedt selbst ist in ihren Aussagen vor der Kamera zum Teil so beeindruckend wortgewandt, dass eins sich ein Transkript zum Nachlesen wünscht – so dicht und kunstvoll gewählt sind ihre Worte, so reich an Bedeutung. Überhaupt besticht die Protagonistin vor allem durch ihren Intellekt, der jedoch niemals überheblich, sondern neugierig auf die Welt und ihre Zusammenhänge erscheint.___STEADY_PAYWALL___

© Medea Film Factory

Dass Paul Auster in diesem Dokumentarfilm über seine Ehefrau so viel Raum einnimmt, ist unter anderem dem geschuldet, dass sich Siri Hustvedt – Dance Around the Self als Pendant zu einem früheren Film Sabine Lidls verhält, der Auster selbst gewidmet war. Zudem sind die über 40 Jahre währende Beziehung zwischen den Eheleuten und ihr selbsternannter „Lebensmensch“ von großer Bedeutung für Hustvedt und ihr Werk. Diese privaten und zum Teil intimen Einblicke verleihen ihr als Protagonistin dieses Films darüber hinaus eine persönliche Ebene, zu der das Publikum in Verbindung treten kann. Siri Hustvedt wird so vom Idol zum menschlichen Gegenüber. Dabei gelingt es Lidl, Auster, der im Laufe der Filmaufnahmen verstirbt, niemals in den Vordergrund treten zu lassen, ihn stets als einen von vielen Teilen des Mosaiks zu betrachten, aus dem sich die Person Siri Hustvedt zusammensetzt. Es ist ganz sie, die hier im Zentrum steht, die wir als Publikum kennen und vielleicht ein wenig verstehen lernen, und sie ist die Künstlerin, deren Schaffen hiermit ein filmisches Denkmal erhält. 

© Medea Film Factory

Die Erzählung durch Interviews, Literaturzitate, Animationen und nachgestellte Szenen im Retro-Look hat trotz Ausflügen in die persönliche Entwicklung der Protagonistin vor allem das Ziel, uns Siri Hustvedt als Autorin näherzubringen. Private Themen schneidet Lidl vor allem dann an, wenn sie diese sinnvoll mit dem literarischen Schaffen Hustvedts verbinden kann. So vermeidet sie die in Frauenporträts gern verwendete Ausbeutung privater Tiefschläge zur empathischen Rührung des Publikums und begegnet ihrer Protagonistin stets professionell, wenn auch spürbar einfühlsam. Ein Nebeneffekt dieses Ansatzes ist, dass ihr Dokumentarfilm vor allem ein Kino für Kenner*innen und Literaturliebhaber*innen geworden ist.

Siri Hustvedt – Dance Around the Self ist als Weltpremiere bei der Berlinale 2026 zu sehen.

Dieser Text ist zuerst als Kurzkritik auf unserem Instagram-Kanal erschienen.

Sophie Charlotte Rieger