Berlinale 2026: Drei Gedanken zu: Ich verstehe Ihren Unmut
Wie kann Arbeit im Niedriglohnsektor funktionieren, ohne mit moralischen Grundwerten zu brechen? Der Regisseur Kilian Armando Friedrich begleitet in seinem Film Ich verstehe Ihren Unmut seine Protagonistin Heike bei ihrer Arbeit als Objektleiterin in einer Gebäudereinigungsfirma. Filmlöwin Lea Lünenborg hat den Film gesehen und drei Gedanken formuliert.
Heike balanciert zwischen unzufriedenen Kund*innen, dem Chef, der ihr Druck macht, und Mitarbeitenden, die harte Arbeit leisten und sich für ihre Rechte einsetzen wollen. Sie versucht, allen Bedürfnissen gerecht zu werden, Verständnis zu zeigen, gute Arbeit in wenig Zeit zu leisten und geht dabei ständig an ihre eigenen Grenzen. Hinter der harten Arbeit verliert Heike ihren Anspruch aus den Augen, ihr persönliches Leben abseits ihrer Arbeit zu entwickeln.
In sozialdramatischer Manier von Sorry, We missed you von Ken Loach und Heldin von Petra Volpe schafft auch Kilian Armando Friedrich in Ich verstehe Ihren Unmut, uns sprachlos zu machen über die Ausweglosigkeit, in die Heike und ihre Kolleg*innen durch das nicht funktionierende Wirtschafts- und Sozialsystem gebracht werden.___STEADY_PAYWALL___
Heike sieht nicht gut aus, ihr Haaransatz wächst raus, ihre Gelnägel sind überfällig und die Weste ihrer Reinigungsfirma hängt wie eine Last auf ihren Schultern. Das ewige Rauchen zeigt ihr hohes Stresslevel. Gespielt wird Heike von Sabine Thalau, einer Reinigungskraft, die Kilian Armando Friedrich im Rahmen seiner Recherche kennenlernte und überredete, am Casting des Films teilzunehmen. Sie schafft es, der Figur Sabine eine Seele zu geben und Anteilnahme mit Menschen im Niedriglohnsektor zu entwickeln, die in der Realität häufig in fehlender Sichtbarkeit untergehen. Heike ist nicht sympathisch, aber auch durch die Nähe von Handkamera und Ton, der das laute Atmens Heike bei anstrengender körperlicher Arbeit und zermürbenden Telefonaten mit verständnislosen Kund*innen einfängt, entwickeln wir als Zuschauende ein Verständnis für ihre Entscheidungen in der Ausweglosigkeit.

© Louis Dickhaut & Frederik Seeberger _ WennDann Film
Die Frau im Niedriglohnsektor zwischen empathischer Anteilnahme und wirtschaftlichen Druck
Dass Heike eine Frau ist, ist dabei kein Zufall. Jede fünfte vollzeitbeschäftigte Frau, aber nur jeder achte vollzeitbeschäftigte Mann erzielte in Deutschland im Jahr 2023 ein Bruttomonatsentgelt, das im sogenannten unteren Entgeltbereich liegt. Heike nimmt sich der unmöglichen Aufgabe an, die wirtschaftlichen Ziele ihres Chefs erfüllen zu wollen und ihren Mitarbeitenden trotzdem mit Mitgefühl und Verständnis zu begegnen. Obwohl sie an diesen Aufgaben scheitert, spürt man ihren Drang, die harten Strukturen mit Menschlichkeit zu brechen. Die Entscheidungsträger im Film sind Männer: Heikes Chef übergibt bewusst alle unangenehmen Mitarbeitenden- und Kund*innengespräche an seine Objektleiterinnen und behält sich die Position als Nutznießer des wirtschaftlichen Erfolgs alleine vor, was sich an seinem teuren Auto ablesen lässt. In der Angestelltenebene konzentriert sich Ich verstehe Ihren Unmut wiederum darauf, die Protagonist*innen nicht in starre Geschlechterrollen zu drängen. Was im ersten Augenblick als nebensächlich wirkt, scheint auf den zweiten Blick eine bewusste Entscheidung zu sein: Obwohl Geschlecht im Niedriglohnsektor eine wichtige Rolle spielt, haben in den unteren Ebenen weitere Marginalisierungen wie vor allem Migrationshintergrund eine tragende Rolle. Subunternehmen nehmen den Angestellten die Arbeit weg und verhindern, dass Migrant*innen eine Aussicht auf eine so wichtige Festanstellung für die Aufenthaltsgenehmigung bekommen können.
Heike hat ihren moralischen Kompass verloren
Heike befindet sich zwischen alldem, sie hat sich mit 30 Jahren Arbeitserfahrung zur Objektleitung hochgearbeitet und fühlt sich dadurch einerseits den Mitarbeitenden verpflichtet, und steht andererseits dem Chef und den Kund*innen in der Pflicht. Wie ein Sieb lässt sie Ärger und Druck nach unten durch, entgegen ihrem Anspruch, sich an Tariflöhne zu halten und arbeitnehmer*innen-freundlich aufzutreten. Die Lage spitzt sich zu, als sie einem langjährigen Mitarbeiter kündigen muss und ihm aufgrund mangelnder Rechtsgrundlage Reinigungsmittel in den Rucksack steckt und ihn dann des Diebstahls beschuldigt. Heike hat ihren moralischen Kompass verloren, wird ihrer eigenen Sinnhaftigkeit nicht gerecht und verliert sich in dem Anspruch, gute Arbeit zu leisten. Erst ihre Kollegin öffnet ihr die Augen: Heike könne nicht annähernd verstehen, wie es dem Großteil ihrer Kolleg*innen ginge, die aus Ländern nach Deutschland geflohen sind, in denen Krieg herrscht und die sich um ihre Familie in ihrer Heimat sorgen und kümmern. Heike bleibt sprachlos zurück, sie hadert mit ihren eigenen Privilegien.

© Louis Dickhaut & Frederik Seeberger _ WennDann Film
„Warum tust du dir das an?“
Zuhause wartet Heikes ehemaliger Partner Detlev, der arbeitslos ist und von der Idee einer sozialistischen Gesellschaft träumt. Kurz springt der Funke beim Fest der solidarischen Landwirtschaft auch auf Heike über. Um keine Leistungen gekürzt zu bekommen, müssen Heike und Detlev regelmäßig nachweisen, dass sie in keiner Bedarfsgemeinschaft leben, ihr Bett nicht teilen und getrennte Fächer im Kühlschrank belegen. Nachdem Detlev Heike Geld für neue Schuhe stiehlt, zwingt sie ihn dazu, sie bei der Arbeit zu unterstützen. Er kapituliert vor der harten Arbeit und verärgert die Kund*innen, die im Anschluss das Arbeitsverhältnis mit Heike beenden. Er fragt: „Warum tust du dir das an?“ und impliziert damit die aktuelle Diskussion, dass schlecht bezahlte, körperlich anstrengende Lohnarbeit sich unter den aktuellen Arbeitsbedingungen kaum noch lohnen kann. Im Anschluss packt er seine Sachen und lässt Heike zurück.
Nur nebenbei erwähnt Heike, dass sie sich für alle Mitarbeitenden eine Festanstellung unabhängig von Subunternehmen wünscht – am gewerkschaftlich organisierten Streik nimmt sie wie selbstverständlich nicht teil und besticht ihre Mitarbeiten mit Gutscheinen zur Arbeit zu erscheinen statt zu streiken.
Heikes Existenz ist eine Doppelmoral
Heikes Existenz ist eine Doppelmoral und der nicht erfolgreiche Versuch, den richtigen Weg im falschen System zu finden. Nachdem sie gezwungenermaßen ihren Job kündigt, verliert sie sich in der Idee, eine kollektive Reinigungsfirma ohne Chefs, ohne Hierarchien und mit ihren ehemaligen Mitarbeitenden zu gründen. Leider verliert auch der Film hier seinen roten Faden und die langen Einstellungen werden abgelöst von schnellen Schnitten und Wechseln der Szenerie, die uns von Heike lösen und die Zuschauenden mit Fragen zurücklassen: Wie möchte Heike leben, unabhängig von ihrer Arbeit? Warum hängt sie so an der Gebäudereinigung? Heikes Wunsch, ihre Vorstellung einer kollektiv organisierten Reinigungsfirma, taucht recht plötzlich in der Geschichte auf – alle bisherigen Versuche ihrer Mitarbeitenden, sich zu organisieren, hat sie vehement abgelehnt. Dialogische Konflikte hat der Film kaum, die Protagonist*innen gehen dem ausgesprochenen Konflikt aus dem Weg und lassen Heike nach und nach einsam zurück. Die Idee einer kollektiven Reinigungsfirma klingt vielversprechend, leider hat der Film keine Zeit mehr, dieser Idee Raum zu geben und sich narrativ auf eine Ebene über der sehr gelungenen ethnografischen Beschreibung der Niedriglohnbranche zu begeben. Das Publikum erfährt zu wenig über die Person, die in Heike steckt und die durch ihre Arbeit den Weg nach außen nicht findet. Doch als Heikes Arbeitsleben vorerst ein Ende findet, ist auch der Film schon fast vorbei.

© Louis Dickhaut & Frederik Seeberger _ WennDann Film
In einer der letzten Szenen schwimmt Heike an einem kühlen Sommerabend in Unterwäsche in einem See. Die einzige Szene, in der Heike alleine und mit sich etwas Zufriedenheit zu finden scheint. Man wünscht ihr, einen eigenen Sinn im Leben zu finden, unabhängig von ihrer Arbeit als Gebäudereinigerin und dem Film, diesem Thema mehr Raum zu geben.
Insgesamt ist vor allem der erste Teil des Films sehr gelungen, in dem wir Heike in ihrem Abwärtsstrudel begleiten. Ich verstehe Ihren Unmut ist ein ungemütlicher Film, er wirkt wie eine Sozialstudie, so nah sind wir der Protagonistin. Sabine Thalau gibt dem Film Authentizität. Das Ende ist rasch und lässt Fragen unbeantwortet und uns als Zuschauende etwas sprachlos zurück. Aber das steht im Hintergrund hinter der sehr gelungenen Darstellung einer viel zu unterrepräsentierten Gesellschaftsschicht, die enorm wichtige Arbeit in unserem System leistet und mehr Aufmerksamkeit und Arbeitnehmer*innenrechte verdient.
Ich verstehe Ihren Unmut ist als Weltpremiere bei der Berlinale 2026 zu sehen.
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