Berlinale 2026: Lady

Titelheldin Lady (Jessica Gabriel’s Ujah) kann sich durchsetzen. Mit ihrem „Resting Bitch Face“, hinter dem spürbar eine kaum kontrollierbare Wut schlummert, besteht sie als Taxifahrerin in Lagos in einer reinen Männerwelt und spart Geld für ein besseres Leben in Freetown, der Hauptstadt Sierra Leones. Einst gegründet durch ehemalige Sklav*innen steht Freetown in Ladys Augen für eine Alternative zu (post)kolonialen Strukturen. Ihre Wandcollage mit Artikeln und Bildausschnitten aus dem westafrikanischen Land hat keinen Platz für politisch weniger attraktive Realitäten und spiegelt vielmehr ihre utopische Idee eines besseren Lebens in Freiheit. Doch was ist das eigentlich Freiheit?

Ladys stringenter Plan ändert sich mit dem Auftauchen ihrer Kindheitsfreundin Pinky (Amanda Oruh), die inzwischen als Sexarbeiterin ihr Leben bestreitet. Zwischen den beiden schwelt ein Konflikt: Ladys ablehnende Haltung gegenüber Pinkys Erwerbstätigkeit ist spürbar. Schließlich siegt jedoch die in der Kindheit begründete Verbindung und Lady lässt sich trotz nagender Zweifel darauf ein, ihre Freundin und deren Kolleginnen nachts zu den Kunden zu fahren. Immerhin zahlt Pinkys Zuhälter so gut, dass die Ausreise nach Freetown für Lady in greifbare Nähe rückt. 

Lady sitzt in ihrem roten Taxi. In das offene Fenster gelehnt blickt sie hinaus und uns an. Hinter ihr sitzt eine geschminkte Frau und blickt ebenfalls aus dem offenen Fenster rechts aus dem Bild.

© Peter Okosun, Ossian International Limited

Wie Regisseurin Olive Nwosu in der Eingangsszene andeutet, steckt hinter Ladys grundlegender Ablehnung von Sexarbeit mehr als nur eine moralisch-ethische Haltung. Auch scheint in diesem Erlebnis der frühen Kindheit der Ursprung jener Wut zu liegen, die sich nonverbal in jeder Mimik und Gestik der Hauptfigur Bahn zu brechen sucht. Nicht zuletzt umgibt Pinky ebenso ein düsteres Geheimnis: Weshalb stand sie jetzt, nach fünf Jahren ohne Kontakt, plötzlich wieder vor der Tür ihrer Freundin?___STEADY_PAYWALL___

Olive Nwosu erzählt vor dem Hintergrund zunehmender Proteste in Lagos, steigender Öl- und Benzinpreise, wachsender Armut, eskalierender Kriminalität und Korruption. Das nigerianische Volk ist in Aufruhr, fordert Veränderung. Doch Lady hält von all diesen revolutionären Bestrebungen wenig. Statt Energien in vermeintlich sinnlose Demonstrationen zu investieren, bleibt ihr Fokus streng auf Freetown gerichtet. Wo nichts besser werden kann, ist es besser, zu gehen.

Damit etabliert Nwosu einen weit über Nigeria hinausreichenden inneren Konflikt all jener Menschen, die sich zwischen dem vielleicht vergeblichen Kampf für positive Veränderung im eigenen Land und Migration entscheiden müssen. Dabei spielt das Thema Sexarbeit für die Heldin dieses Films eine zentrale Rolle. 

Pinky und ihre Kolleginnen sind keine selbstbestimmten Sexarbeiterinnen. Sie arbeiten für einen Zuhälter. Ihr Job mag selbst, aber deshalb noch lange nicht frei gewählt sein. Vielmehr vermitteln die Gespräche der Frauen immer wieder die Alternativlosigkeit in der nigerianischen Gesellschaft. Der Körper, so meinen sie, sei das einzige Kapital, das ihnen zur Verfügung stünde. Lady verachtet diese Haltung, kann nicht nachvollziehen, weshalb Pinky diesen und nicht ihren, Ladys eigenen Weg gewählt hat. Je mehr Einblick Lady in die Arbeitsrealität der Sexarbeiterinnen hat, desto größer scheint die Kluft zwischen den beiden Freundinnen zu werden.

So ist Lady letztlich auch ein Film über Freundinnenschaft. Eine Kindheitsbeziehung mag uns für immer gedanklich verbinden, aber sie schützt uns nicht davor, später im Leben grundverschiedene Wege einzuschlagen, die uns voneinander entfernen. Wo es als Kinder nur eine gemeinsame Realität gibt, driften Lebenswelten später auseinander und werden nur zu oft füreinander unerreichbar. Olive Nwosu erzählt von zwei Frauen, die trotzdem aneinander festhalten wollen. Mit Ehrlichkeit – zueinander und sich selbst. 

Dabei steht Ladys Entwicklung im Fokus. Leider vermischt Olive Nwosu, die auch das Drehbuch geschrieben hat, Themenkomplexe wie Sexualität, Sexarbeit und sexualisierte Gewalt miteinander, statt sie differenziert in den Kontext einer sexistischen Gesellschaft einzubetten. Hierdurch öffnen sich Türen zu Rape-Culture-Mythen und Pauschalurteilen über Sexarbeit, durch die das Publikum zwar nicht hindurchgehen muss, aber durchaus kann.

Umso erfrischender ist Ladys Finale, mit dem Olive Nwosu deutlich macht, dass der größte Befreiungsschlag – nicht nur, aber eben auch von Frauen – darin besteht, das Konzept der Individualschuld abzulegen und stattdessen das System in die Verantwortung zu nehmen. Und damit ist dieser Film dann trotz kritikwürdiger Elemente letztlich doch ziemlich emanzipatorisch wertvoll.

 

Lady ist Teil der Sektion Panorama bei der Berlinale 2026.

Sophie Charlotte Rieger