Berlinale 2026: Sad Girlz – Kurzkritik
TW: sexualisierte Gewalt
Im Mittelpunkt von Fernanda Tovars Spielfilm Sad Girlz stehen die besten Freundinnen Paula (Darana Álvarez) und La Maestra (Rocio Guzmán). Im sommerlichen Mexiko verbringen die beiden 16-jährigen den Großteil ihrer freien Zeit miteinander. Außerdem trainieren sie gemeinsam für die Junior Pan American Swimming Championships, bei denen sie Mexiko als Teil eines größeren Teams vertreten möchten.
Sie lieben es, zu tanzen, sich die Nägel zu lackieren, reden über Jungs und lernen für die nächste Klausur. Natürlich sprechen sie auch über Sex. Paula schwärmt für Daniel, der ebenfalls im Schwimmteam ist. La Maestra rät der unerfahreneren Paula, die genaue Vorstellungen davon hat, wie ihr erstes Mal ablaufen soll, das Ganze nicht zu sehr zu romantisieren.

© Rocío Guzmán, Darana Álvarez
Die Chance, über ihre erste sexuelle Begegnung selbstbestimmt zu entscheiden, wird Paula schließlich gewaltsam genommen. Als sie auf einer Party von Daniel vergewaltigt wird, müssen die Freundinnen gemeinsam, aber auch jede für sich, versuchen, das Geschehene zu verstehen und einzuordnen. Tovar positioniert ihren Debütfilm nicht in einer Reihe von Erzählungen über Sprachlosigkeit: Paula öffnet sich relativ schnell nach der Tat ihrer Freundin gegenüber; La Maestra ihrerseits möchte nicht, dass die Vergewaltigung einfach totgeschwiegen und vergessen wird.___STEADY_PAYWALL___
So erzählt Sad Girlz weniger über Schweigen als über Ratlosigkeit. Denn noch bevor sie bei echten Menschen (z.B. Eltern, Freundinnen oder Beratungsstellen) Rat suchen, wie denn in Worte zu fassen ist, was Paula widerfahren ist, wenden sie sich an einen KI-Chatbot, der ihnen sagt, dass das Geschehene Gewalt war. So verweist Favor nicht nur auf die Bindung von Jugendlichen zu Online-Räumen, sondern auch – vor allem in La Maestras Fall –, dass sexuelle Erfahrenheit nicht mit dem Verstehen der Dimensionen von sexualisierter Gewalt gleichzusetzen ist.

© Rocío Guzmán, Darana Álvarez
Soll und darf La Maestra anderen von der Tat erzählen und den Täter nennen, wenn Paula lieber dazu schweigen möchte? Dies wird zum zentralen Konflikt der Freundinnen. Favor lässt Paula und La Maestra diese Auseinandersetzung mit viel Zuneigung und Verständnis füreinander führen, konstruiert keine emotionalen Reaktionen, die nicht zur Charakterzeichnung ihrer Hauptfiguren passen. Der vertraute, ruhige Umgang der Freundinnen miteinander wird von Álvarez und Guzmán mit einem spürbaren Gefühl für die Unsicherheiten ihrer Teenagerinnen-Charaktere gespielt.
Während Tovar die Insichgekehrtheit von Paula und La Maestras Wunsch nach Konsequenzen für den Täter realitätsnah schildert und nicht überdramatisiert, ist es dennoch schade, dass die Regisseurin zumindest für einen Teil des Films Paula aus den Augen verliert. Ihr Innenleben muss La Maestras Verstrickung von Schuldgefühlen und Hilflosigkeit Platz machen. Zum Ende hin weiß die Regisseurin aber, dieses Ungleichgewicht in der Erzählung wieder auszugleichen, lässt hier Paula Zerwürfnisse wie auch Versöhnung navigieren.
Vor der Kulisse eines farbintensiv gestalteten mexikanischen Sommers entwirft Tovar so das Bild einer tiefen, intuitiven Freundinnenschaft. Sad Girlz zeigt die zerstörerische Kraft von patriarchaler Gewalt, wie sie auch diesen privaten, eigentlich sicher geglaubten Raum angreift und an seinen Säulen rüttelt.
Sad Girlz ist als Weltpremiere bei der Berlinale 2026 in der Sektion Generation 14plus zu sehen.
Dieser Text ist zuerst als Kurzkritik auf unserem Instagram-Kanal erschienen.
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