Berlinale 2026: Dust
Es ist ein ungewohnter Blick in die jüngere Vergangenheit, den Anke Blondé in ihrem belgischen Berlinale-Wettbewerbs-Beitrag Dust wagt. In unserer Gegenwart, in der reiche Tech-Unternehmer die Sicherheit, Privatsphäre und Lebensqualität der ganzen Welt für ihre Gewinne aufs Spiel setzen, fühlt es sich nahezu historisch an, darüber nachzudenken, dass eben solche Tech-Unternehmer um die Jahrtausendwende herum noch mit simplen Speech-to-Text-Systemen die digitale Welt revolutionieren konnten. In dieser Entwicklung ist die Handlung des Films angesiedelt, der sich an einige Genrekonventionen des Wirtschaftsthrillers anschmiegt, aber am Ende keiner wirklich entspricht.
Geert (Arieh Worthalter) und Luc (Jan Hammenecker) sind die erfolgreichen Köpfe eines innovativen Technologieunternehmen, dessen Börsengang vor Start der Filmhandlung den wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens und der ganzen Region im ländlichen Flandern stark vorangetrieben hat. Am Abend einer wichtigen Konferenz, in deren Rahmen die beiden den nächsten großen Schritt ihres digitalen Fortschritts für Politiker und Investoren vorstellen, konfrontiert sie der Journalist Aaron (Anthony Welsh) mit den Ergebnissen einer weitreichenden Recherche zu den kriminellen Tätigkeiten des Unternehmens. Er gibt ihnen zu verstehen: Wenn in 36 Stunden der Report gedruckt wird, ist eine Verhaftung unausweichlich.___STEADY_PAYWALL___

© A Private View – Toon Aerts
Mit diesem knappen zeitlichen Handlungsrahmen und der klar abgesteckten Frist, weckt Anke Blondè in Dust die Erwartungen an eine formelhafte Thriller-Erzählung und geht doch einen anderen Weg. Das Publikum begleitet Geert und Luc dabei, wie sie unabhängig voneinander nach den letzten Strohhalmen greifen, um die Kontrolle über ihr Ansehen, ihr Vermächtnis und ihren Erfolg wiederzuerlangen, die ihnen so jäh entrissen wurde – nicht unbedingt, um ihre eigenen Köpfe zu retten, sondern vor allem um ihr Umfeld zu schützen. Denn das Leben der beiden kennt keine Trennung von Geschäftlichem und Privatem: Ihr Business, ihre Strategien und ihr Erfolg haben alle persönlichen Beziehungen überlagert und sind mit ihnen verschmolzen. Mehrere Familienmitglieder, Freund*innen und Nachbar*innen der beiden haben ihren Wohlstand den Aktienerfolgen des Unternehmens zu verdanken. Die ländliche Region und damit alle Menschen, die Geert und Luc seit ihrer Kindheit kennen, erhofft sich einen notwendigen wirtschaftlichen Aufschwung als innovativer Technologiestandort. Der Film entwirft einen erschreckenden Einblick in ein Lebenskonzept, das durch Geld zusammengehalten wird – und zerbröckelt, sobald dieses Geld verschwindet.
Arieh Worthalter und Jan Hammenecker spielen die beiden Männer dabei mit viel Tiefe. Die vielschichtige Figurenzeichnung, das überzeugende Schauspiel und ein raffiniertes Drehbuch machen Dust zu einem handwerklich starken Film. Anke Blondé verweigert Dust allerdings jeglichen Sozialkommentar. Statt den Fokus auf lang- und kurzfristige Konsequenzen für all jene zu legen, die durch die skrupellosen Entscheidungen der beiden Hauptfiguren existenzbedroht zurückbleiben, nimmt sie sich viel Zeit ihre Beziehungen zu beleuchten – ohne eine Gewissensfrage zu stellen. Dabei hätte es durchaus Momente und Anknüpfungspunkte für Kritik und Haltung gegeben, denn Dust nimmt sich viel Zeit, um das Geert und Luc umgebende soziale Konstrukt zu beleuchten. Und ob des ruhigen Tons und langsamen Erzähltempos hätte die ein oder andere radikalere Drehbuchentscheidung der Memorabilität des Films gut getan. So bleibt es bei einem Werk mit dem Anke Blondé sich sowohl als talentierte Filmschaffende beweist, als auch als zurückhaltende und wenig kritische Stimme.
Dust läuft im Wettbewerb der 76. Berlinale.
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