Berlinale 2026: Im Umkreis des Paradieses – Kurzkritik
Auch wenn Verschwörungsmythen in der öffentlichen Debatte keine so große Rolle mehr spielen wie noch vor ein paar Jahren, sind sie heute nicht weniger verbreitet – und nicht weniger gefährlich. Yulia Lokshina erforscht in ihrem Dokumentarfilm Im Umkreis des Paradieses die Siedlung Paraíso Verde in der paraguayischen Stadt Caazapá, in der sich seit 2017 ein paar hundert europäische Aussteiger*innen in einer geschlossenen, aber weitläufigen Anlage zusammengefunden haben. Hier bereiten sie sich auf den unausweichlichen dritten Weltkrieg vor, leben geschützt vor den verhassten Geheimdiensten, die sie verfolgen, und planen ihre Strategien, um komplett aus der New World Order auszusteigen. Im Kontrast dazu begleitet die Regisseurin zwei junge paraguayische Studierende, die wiederum im nicht-europäischen Teil der Stadt Caazapá ihr Glück suchen.___STEADY_PAYWALL___

© Zeno Legner Trimafilm
Im Umkreis des Paradieses verfolgt in den formal getrennten Fokussen zwei unterschiedliche filmische Ansätze: Während das Publikum die europäischen Siedler*innen in klassischer Direct-Cinema-Manier präsentiert bekommt, werden die Mythen der Stadt Caazapá in poetischen Voiceovers erzählt. Fast schon antagonistisch stellt Yulia Lokshina diese beiden Gemeinschaften gegenüber und verfasst damit auch wortlos eine ideologische Kritik. Denn während schnell deutlich wird, dass der Film den mit den unterschiedlichsten Versatzstücken mannigfaltiger Verschwörungsmythen gespickten Weltbildern der Aussteiger*innen nicht mal einen Kommentar entgegensetzen muss, um sie zu entlarven, regt die Ergründung Caazapás durchaus die Fantasie an.

© Zeno Legner Trimafilm
Über die Dauer des zweistündigen Films ist die Konfrontation vor allem mit den Einwohner*innen von Paraíso Verde eine Herausforderung für die Geduld des Publikums, die sich an manchen Stellen repetitiv und formelhaft anfühlt. Auch schafft es der Film nicht, neue Perspektiven auf das Verschwörungsdenken zu eröffnen, und lässt damit in einem großen Teil des Films inspirierendes Potenzial liegen. Dennoch lohnt es, sich daran erinnern zu lassen, dass radikale Weltbilder, so lachhaft und konstruiert sie auf den ersten Blick auch wirken, eine ernsthafte – und koloniale – Bedrohung sind.
Im Umkreis des Paradieses ist Teil des Programms der 76. Berlinale.
Dieser Text ist zuerst als Kurzkritik auf unserem Instagram-Kanal erschienen.
- Berlinale 2026: The Loneliest Man in Town – Kurzkritik - 20. Februar 2026
- Berlinale 2026: Im Umkreis des Paradieses – Kurzkritik - 19. Februar 2026
- Berlinale 2026: Etwas ganz Besonderes - 19. Februar 2026




