Berlinale 2026: Drei Gedanken zu: Rose
CW: sexualiserte Gewalt und Queerfeindlichkeit; dieser Text enthält Spoiler
Nachdem Rose (Sandra Hüller) im Dreißigjährigen Krieg als Soldat gekämpft hat, begibt sie sich in eine abgelegene Dorfgemeinde, um dort ein Erbe anzutreten und ein Leben als Bauer zu führen. Rose wird zwar zunächst als seltsamer Fremder angesehen, es gelingt ihr aber erfolgreich, sich weiterhin als Mann auszugeben und sich als einen angesehenen Teil der Gemeinschaft zu etablieren. Mit Rose erzählt Markus Schleinzer eine Geschichte über die Suche nach Freiheit innerhalb von festen, patriarchalen Strukturen und der Vehemenz und Gewalt, mit der diese aufrechterhalten werden.
Ist Rose eine trans Geschichte?
Die kurze Antwort: Nein. In Rose wird gleich zu Beginn durch die in altertümlich-biblischem Deutsch sprechende Erzählerin (Marisa Growaldt) vermittelt, dass es sich bei der folgenden Geschichte um eine Frau handelt, die sich als Mann ausgibt. Dies wird von Rose am Ende des Films bestätigt: sie wollte nie ein Mann sein, nur mehr Freiheiten haben. Aber: nur weil sich der Film in seiner Darstellung sicher wähnt, heißt das nicht, dass es nicht möglich ist, ihn mit einem trans Blick zu betrachten. Denn unabhängig von der Intention – thematische Überschneidungen zwischen der dargestellten Geschichte und den Erfahrungen von trans Personen gibt es allemal.
Da ist z. B. die Szene, in der Rose vor der Dorfgemeinde ihre Hose runterlassen soll, damit überprüft werden kann, ob sie ein „echter Mann” ist, was in diesem Kontext von der Existenz eines Penis abhängt. Die Szene fühlt sich brutal in ihrer Aktualität an, weil sie auf zugespitzte Weise die Obsession von cis Personen im Allgemeinen und insbesondere TERFs spiegelt, wenn es um Genitalien von trans Personen geht. Die Dorfgemeinde pusht sich in einen regelrechten Wahn, der sich auch in den Aussagen realer TERFs wie J.K. Rowling wiederfinden lässt und die nahelegen, dass sie sich eine Gesellschaft wünschen, in der sie ein derart gewaltvolles Entblößen verlangen können. Selbst wenn die Intentionen nicht immer so hasserfüllt sind, den unbedingten Wunsch, Geschlecht an Genitalien festmachen zu können, gibt es heute genauso wie in der vergangenen Welt von Rose. Diese Grundstruktur ist auch das, was es ermöglicht, Roses Erfahrungen in ein trans Narrativ einzuordnen. In einem Kontext, in dem Geschlechterbilder und -rollen rigide sind und eine ordnende Funktion einnehmen, stellt jegliche Transgression ein Brechen mit Normen dar und ist mit Lebensgefahr verbunden. Auch wenn Roses Entscheidung, als Mann zu leben, eine pragmatische und keine identitätsbasierte ist, die Konsequenzen sind ähnlich und für die Dorfgemeinde und später für das Gerichtsurteil spielt es keine Rolle, warum Rose sich entschieden hat, als Mann zu leben. Wichtig ist nur, dass sie es getan hat und damit eine als unverrückbar angesehene Norm durchbrochen hat.___STEADY_PAYWALL___
In vielen Kontexten ist es heute einfacher, als trans Person zu leben, als es das im 17. Jahrhundert war, ist aber auch jetzt mit Gefahren und Konsequenzen verbunden. Offen bleibt, ob Zuschauer*innen durch die Darstellung in Rose einmal mehr die Willkürlichkeit von einer Geschlechtszuordnung, die auf Genitalien basiert, verstehen und dass Personen – egal aus welchen Gründen – nicht aus Spaß das bei der Geburt zugewiesene Geschlecht zurücklassen, sondern um im eigenen Leben so frei wie möglich zu sein. Es ist zu hoffen.

© 2026_Schubert, ROW Pictures, Walker+Worm Film, Gerald Kerkletz
Queeren Sex gab es nicht
Nachdem Rose ihr Erbe angetreten ist und durch erfolgreiches Bearbeiten des Landes Ansehen in der Dorfgemeinde gefunden hat, bietet ihr der Großbauer (Godehard Giese) seine Tochter Suzanna (Caro Braun) zur Ehe an. Rose willigt ein, wohl zum einen, weil sie so an ein weiteres Stück Land kommt, und zum anderen, da sie durch ihre ledige Stellung unter Verdacht geraten könnte. Zunächst leben Rose und Suzanna nebeneinanderher und versuchen, sich an die Präsenz der anderen Person zu gewöhnen. Suzanna scheint etwas verwundert, dass ihr Ehemann die Ehe „nicht vollzieht” und Rose geht jeglicher Intimität aus dem Weg, bis ihr Schwiegervater droht, die Ehe wäre ohne Sex und Nachwuchs nicht gültig. Glücklicherweise ist Rose im Besitz eines (altertümlichen) Strap-On-Dildos, der ihr hilft, den ehelichen Pflichten nachzukommen und dessen Verwendung zur sofortigen Schwangerschaft von Suzanna führt. Diese Neuigkeit löst bei Rose Verwirrung und bei Suzanna Erleichterung aus, vor allem bringt das gemeinsame Kind weitere Anerkennung, so hat Rose doch ihre Pflicht als Ehemann erfüllt und Nachwuchs produziert. Suzannas Schwangerschaft bedeutet auch, dass nicht nur Rose mit einem Geheimnis in die Ehe gegangen ist, sondern beide etwas voreinander verstecken, was einem ehrlichen Näherkommen im Wege steht. Als Rose aber durch Bienenstiche verletzt und anschließend von Suzanna entkleidet wird, ändert sich das Zusammenleben. Nach anfänglichem Unverständnis von Suzanna entstehen gegenseitige Wertschätzung und Nähe.
Obwohl Sex eine zentrale Rolle in Rose einnimmt (primär als Notwendigkeit zur Fortpflanzung oder gewaltvoller Dominanzakt), bleibt der Film frei von Verlangen oder Lust. Das stellt an sich kein Problem dar, würde nicht ein wenig der Eindruck entstehen, dass der Grund dafür ist, dass Sex zwischen zwei Frauen die Vorstellungskraft von Suzanna und Rose übersteigen soll. Ab dem Moment, in dem Suzanna Roses Identität versteht, scheint der Film eine freundschaftliche Beziehung der beiden zu fokussieren, deren Besonderheit darin liegt, dass Suzanna mehr Handlungsmacht zukommt, als sie es zu Beginn der Ehe erwartet hat. Dass Rose und Suzanna eine Beziehung auf Augenhöhe führen und sich entscheiden, diese trotz der Risiken beizubehalten, könnte der Grundstein für eine sexuelle oder sogar romantische Beziehung sein – in einem Raum, in dem schon einige Normen gebrochen wurden, lassen sich auch weitere brechen. Es mag valide Gründe geben, die genaue Art der Beziehung von Rose und Suzanna vage zu halten. Es lässt sich aber auch argumentieren, dass in Rose ein queeres Potential liegt, das nicht erschöpft wurde: Rose und Suzanna verbringen viel Zeit miteinander, sie sind auf verschiedenen Ebenen voneinander abhängig und scheinen sich ehrlich zu mögen. All das kann einen Raum schaffen, in dem platonische und romantische Gefühle verschwimmen. Oder in dem – wenn auch zunächst aus pragmatischen Gründen – eine sexuelle Beziehung entsteht, die vielleicht sogar zu tatsächlicher Befriedigung führt. Kurz gesagt: Warum sollten Suzanna und Rose keine Anziehung oder das Bedürfnis nach körperlicher Nähe verspüren und dem nachgehen? Jedenfalls dann, wenn sexuelles Begehren und Queerness als etwas schon immer Existentes angesehen werden, wäre das eine reale Möglichkeit.
Dass in Rose eine sexuelle Beziehung zwischen Rose und Suzanna und Sex außerhalb von heteronormativen Konstellationen keine wirkliche Möglichkeit zu sein scheinen, wird zudem durch die komödiantische Inszenierung von Roses Strap-On unterstrichen. Dass der Richter den von ihm als „Dorn” bezeichneten Dildo befremdlich findet oder Rose in den Augen der Gemeinde nur mit „echtem” Penis angesehener Teil der Gemeinschaft sein kann, ergibt im Kontext des Films Sinn. Weniger sinnvoll ist aber, dass dadurch, dass der Strap-On mehrfach als auflockernde Pointe auf Kosten von Rose verwendet wird, auch für Zuschauer*innen der Eindruck entstehen kann, ein Strap-On ist nur ein Mittel zum Zweck, eine nicht ernstzunehmende Kopie. Die Kritik ist hierbei nicht die Verwendung von Humor an sich, nur eben hätte der Humor auch auf Kosten derer ausfallen können, die sich nicht vorstellen können, dass Suzanna und Rose mit den gegebenen Mitteln eine sexuell erfüllte Beziehung führen.
Die Suche nach Freiheit und das Finden von Gewalt
Die Gesellschaft in Rose ist klar in zwei Gruppen unterteilt: Hosen und Röcke. Den einen kommt Handlungsmacht zu, den anderen Unterwerfung. Jedenfalls ist das der Plan. Roses Handeln bringt diese starre Einteilung aus dem Gleichgewicht, mit dem Anziehen der Hose widersetzt sie sich dem existierenden System und schafft sich Freiräume. Was in Rose sehr deutlich vermittelt wird, ist, dass ein solches Handeln großen Mut erfordert, da die Konsequenzen verheerend sein können: Als Rose und Suzanna auffliegen, werden beide zum Tode verurteilt. Fast nebensächlich wird vermittelt, dass Rose zudem als Resultat der Vergewaltigung durch mehrere Männer schwanger ist und sie das Kind austragen muss, bevor sie mit dem Schwert geköpft wird. Kurz bevor Roses Schwangerschaft angesprochen wird, erzählt sie, dass sie sich den Dildo hat anfertigen lassen, da als Soldat von ihr erwartet wurde, die Besiegten zu vergewaltigen. Natürlich lassen sich diese Gewaltakte nicht gleichsetzen, das würde verkennen, dass Roses Handeln von der Angst, sonst aufzufliegen, angetrieben war, während die Männer, die Rose vergewaltigen, dies aus purem Drang zur gewaltvollen Machtdemonstration tun. Trotzdem gibt es in Rose auch Hinweise darauf, dass das Brechen mit einer Norm nicht automatisch bedeutet, dass alle Normen gebrochen werden. Roses Männlichkeitsperformance ist geprägt von der Männlichkeit, die sie selbst kennt und vermutlich erfahren hat. Um nicht aufzufallen, kopiert sie das Verhalten anderer Männer und insbesondere zu Beginn der Beziehung mit Suzanna etabliert sie ihre Dominanz als Ehemann. Eins der Erkenntnisse, die sich aus Roses Geschichte ziehen lässt, ist, dass auch ein Anpassen an Normen nur bedingt Schutz bietet. Rose teils gewaltvolles Ausleben von Männlichkeit ermöglicht ihr, für eine bestimmte Zeit als Mann gesehen zu werden und in der von ihr erträumten Freiheit zu leben. Schlussendlich bewahrt sie das Verhalten aber nicht vor dem gewaltsamen Tod.
Dass Rose kein positives Ende nehmen wird, lässt sich gleich zu Beginn durch den ominösen Erzählstil im Voiceover erahnen. Das Ausmaß der Gewalt, die Rose zum Ende des Films zugefügt wird, ist dadurch aber nicht weniger brutal und unverhältnismäßig. Die Vergewaltigung, die immerhin (das ist ja leider nicht gegeben) nicht gezeigt wird, sowie die folgende Schwangerschaft fügen dem Film nichts hinzu, was nicht schon mit der Verurteilung zum Tode dargestellt wurde. So hinterlässt das Ende des Films einen bitteren Beigeschmack, da es möglich ist, die Vergewaltigung und das Gebären eines Kindes als das gewaltvolle Untermauern von Roses Frau-Sein zu interpretieren.
Rose ist durchzogen von dem zerstörerischen Wirken patriarchaler Strukturen, in denen Roses Verhalten die Konstruiertheit und Grenzen binärer Geschlechtervorstellungen offenbart. Trotzdem verpasst es der Film, das queere Potential, das die erzählte Geschichte innehat, auszuschöpfen und entzieht sich der Verantwortung, eine explizite Verbindung zu queeren Kämpfen der Gegenwart herzustellen.
Rose wurde als Weltpremiere bei der Berlinale 2026 gezeigt. Deutscher Kinostart ist der 30. April 2026.
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