DOK.fest München 2021 – Vier Portraits über Frauen

Das Dok.fest München findet dieses Jahr zum zweiten Mal mit einer @home Ausgabe statt. Aus 43 Ländern werden 131 Dokumentarfilme gezeigt. In seinem diesjährigen Programm einen  Schwerpunkt auf Kanada gelegt.

MMA-Künstlerin trainiert kopfüber auf dem Boden

© DOK.fest München, Amazonen einer Großstadt

Amazonen einer Großstadt (Thaïs Odermatt, Deutschland und Schweiz 2020)

“Der Freiheitskampf ist überall”, sagt Zilan in die Kamera. Die ehemalige Kämpferin einer Fraueneinheit der kurdischen Guerrilla ist eine der drei Amazonen, die Filmemacherin Thaïs Odermatt für ihren Filmessay Amazonen einer Großstadt portraitiert hat. Amazonen sind Kriegerinnen. Weil der Regisseurin ihre innere Amazone davon geritten ist, macht sie sich auf die Suche nach anderen Amazonen. Die findet Thaïs Odermatt in Sara, Zilan und Maryna und begleitet diese auf ihren Wegen durch Berlin.

Zilan ist jetzt Mutter, schreibt ihre Doktorarbeit und kämpft weiter. Hip-Hop DJ “The Fucking Sara” fühlt sich in ihrer Wahlheimat Berlin zum ersten Mal zu Hause. Sie reist um die ganze Welt, gibt DJ Workshops und ermutigt junge Menschen dazu, ihren Ausdruck in der Musik zu finden. Mixed-Martial-Arts-Kämpferin Maryna Ivashko will kämpfen und gewinnen, dabei es ist gar nicht so einfach eine Gegnerin auf Augenhöhe zu finden.___STEADY_PAYWALL___

Die Interviews schneidet die Filmemacherin immer wieder mit Found Footage und analogem Filmmaterial von sich selbst als Kind und Jugendliche zusammen, darüber als Voice Over: Erzählungen der eigenen Biographie (Stimme: Yoshii Riesen). Das Archivmaterial bestärkt das Gesagte aus dem Off, verbildlicht zum Beispiel ihre explosive Wut und hält die einzelnen Portraits mit Odermatts eigener Geschichte zusammen. Das gibt der Regisseurin die Möglichkeit, sich selbst zu verorten: Ihre eigene Herkunft – das schweizer Wohlstandsbaby. Und, was mit ihrer neuen Rolle als Mutter einhergeht: “Eine unendliche Liebe überrollt mich. Aber auch Unsicherheit, Müdigkeit, Milcheinschuss, Verteidigungsinstinkt, Angst und Verantwortung für zwei.”

Die verspielte Montage-Technik lässt ihr auch die Freiheit weitere Amazonen vorzustellen, so zum Beispiel Irmela, die täglich unterwegs ist, um Naziparolen-Graffitis zu übersprayen oder Sticker abzukratzen. Auch wenn sie dabei hin und wieder von der Polizei gestört wird. Oder Uta: nachdem sie den Brustkrebs überstanden hat, kämpft sie nun als selbsternannte Amazone mit ihren Fotoprojekten um Aufmerksamkeit für die Schönheit des  “unperfekten weiblichen Körpers”.

Zilans, Saras und Marynas Geschichten sind packend, zum Teil tragen die drei schwere Erfahrungen mit sich, und ihr Kampfgeist scheint grenzenlos. Das macht auch Odermatt Mut. Am Ende, sagt sie, konnte sie so ihre innere Amazone wieder zum Leben erwecken. Und das ist auch gut so, denn “es gibt viel zu tun”.

Lohan und Samar sitzen im Wirlpool

© DOK.fest München, HumboldtGenske

Zuhurs Töchter (Laurentia Genske, Robin Humboldt, D 2021)

Die Dokumentation Zuhurs Töchter folgt zwei jungen Transfrauen, die in Stuttgart einen Weg gehen, der in ihrer syrischen Heimat so nicht möglich gewesen wäre. Lohan und Samar sind Geschwister, die entgegen den religiösen Glaubenssätzen ihrer Eltern um Anerkennung als Frauen kämpfen. Mittlerweile leben die beiden selbstbewusst ihre Transidentitäten, treffen sich mit anderen Transfrauen und werfen sich motiviert ins Nachtleben der Stadt hinein. Die Schritte der physischen Transition stehen ihnen allerdings gerade bevor – es ist ein harter Kampf, der von Schmerzen und von der Euphorie der Freiheit begleitet ist.

Gleich zu Beginn: Lohan und Samar schminken sich auf einer Parkbank, außerhalb der Sicht der Eltern. Szenen des akribischen Herrichtens lassen das Regie-Duo Laurentia Genske und Robin Humboldt immer wieder auftauchen. Lohan und Samar zelebrieren in diesen Momenten eine stark stilisierte äußerliche Weiblichkeit, die ihnen Selbstbewusstsein gibt. Dass sie als Frauen anerkannt werden und den Deutschkurs belegen können, ohne beschimpft zu werden, ist aber noch ein Traum. Was andere Leute denken und sagen, ist auch eines der größten Bedenken der Eltern, die die Transidentitäten ihrer Kinder beklagen. Während Mutter Zuhur den beiden immer wieder predigt, welche Handlungen haram, also Sünde sind, bittet die kleine Schwester darum, geschminkt zu werden. Dazwischen erklärt der Patriarch der Familie der Kamera die Umstände, die die Familie zur Flucht trieben. Es sind sehr nahe und intime Gespräche im Heim für Geflüchtete, die Einblicke in das Leben der Geschwister und der Elternteile geben.

Dazwischen begleitet das Filmteam Lohan und Samar zu Therapiegesprächen, Untersuchungen und Operationen. Die Aufnahmen grenzen teilweise an eine Zurschaustellung, da sie immer wieder besonders stark den körperlichen Aspekt von Transgender betonen und damit das Thema unterkomplex aufbereiten. Zu problematisieren ist auch die Tatsache, dass die vergangene Identität der beiden Protagonistinnen wiederholt in den Vordergrund rückt, etwa als die Mutter Fotos der beiden als Teenager hervorholt. Die Dokumentation kann für Lohan und Samar als Transfrauen einerseits deren Emanzipation unterstützen, andererseits stellt er auch deren Transition an sich so in den Mittelpunkt, dass er seinen Protagonistinnen wenig Raum über ihre Transidentität hinaus gibt – so erfahren wir etwa nichts über die Zukunftsträume von Lohan und Samar abseits davon als Frau anerkannt zu werden. In dieser Hinsicht macht sich wiederholt ein faszinierter cis-Blick auf Transidentitäten bemerkbar, auch wenn die Intention und der intersektionale Ansatz der Filmemacher:innen an sich eine gute Basis vorgeben. Zuhurs Töchter feiert im Wettbewerb DOK.Deutsch seine Deutschlandpremiere.

Frauenrechtsdemo in den 80ern, Kanada

© DOK.fest München, Judy vs. Capitalism

Judy vs. Capitalism (Mike Hoolbom, Kanada 2020)

Die kanadische feministische Ikone, Journalistin und Autorin Judy Rebick hat ihr Leben seit den 1980er Jahren dem Kampf für die Rechte von Frauen und marginalisierten Personen verschrieben. Das Porträt von Regisseur Mike Hoolboom fügt Aspekte ihres privaten und politischen Lebens auf künstlerisch eindrucksvolle und visuell experimentierfreudige Weise zusammen: Die großteils analogen Archivaufnahmen überlagern sich, drücken oft assoziative Bilder aus, während Judy Rebicks Off-Stimme sie als roter Faden begleitet. In sechs Themenblöcken spricht sie über verschiedene Aspekte ihres Lebens sowie politische Zusammenhänge und Forderungen. Rebick fungierte etwa als Schlüsselfigur für die rechtliche Zulassung des Schwangerschaftsabbruchs in Kanada. Sie erklärt die Bedeutung von consciousness raising groups (dt. Bewusstwerdung) ab den 1970ern, also Treffen von Frauengruppen, die sich über ihre Probleme austauschten und so feststellten, dass diese nicht bloß individuell sondern struktureller Natur sind: das Private war und ist politisch. Unterdrückung und Gewalt öffentlich zu thematisieren war und ist ein wichtiges Anliegen von Frauenbewegungen.

Neben ihrem politischen Engagement erfahren wir über Rebicks jüdische Familie, die in Toronto immer wieder mit Antisemitismus konfrontiert wurde. Auch erfahren wir von einer schweren Belastung, die Rebick bis zum Alter von 45 Jahren hatte verdrängen können: der Missbrauch als Kind durch ihren Vater. Die Verarbeitung dieses Traumas, dem sie durch ihre dissoziative Persönlichkeitsstörung auf den Grund kam, steht auch im Zentrum ihres 2018 erschienenen Buches Heroes in My Head.  Die aktivistische Arbeit innerhalb feministischer Bewegung gab ihr Kraft, ihre mentale Gesundheit wiederzuerlangen, so Rebick, die heute nicht minder engagiert ist. Mit Thatcher und Reagan habe der Neoliberalismus mit seinen Individualisierungstendenzen an Gewicht gewonnen und erschwere dadurch nach und nach starke Bewegungen. In Black Lives Matter sieht sie aber heute den wichtigsten Zusammenschluss im Kampf gegen Unterdrückung, wie die Regisseurin im Q&A des DOK.fest München betont. Dass das Private politisch ist, macht auch Judy vs. Capitalism immer wieder deutlich. Mike Hoolbom schafft einen inspirierenden Film über eine inspirierende Persönlichkeit: ein feministisches Fest.

Eine junge Frau zündet sich eine Pfeife an, Datum: 04.02.1973

© DOK.fest München, Bilder (M)einer Mutter

Bilder (M)einer Mutter (Melanie Lischker, D 2021)

Hochschwanger steht eine junge Frau in der Küche ihrer kleinen Wohnung, sitzt in der Sonne auf dem Balkon und lacht in die Kamera. “Filmst du mich schon wieder?” fragt sie ihr Gegenüber, den Kameramann, ihren Ehemann, den Vater der Regisseurin Melanie Lischker. Die schwangere Frau ist Lischkers Mutter, kurz vor deren Geburt im Sommer 1983. Das sei das letzte Mal gewesen, dass ihre Mutter gelacht habe, bevor sie die Familie verlassen hat. Warum, erfahren wir erst spät im Film.

Zwanzig Jahre privates Filmmaterial sichtete Melanie Lischker seit 2015, um die zerstückelten Bilder ihrer eigenen Mutter zusammenzufügen. Zusammen mit deren Tagebuch, das 1973 mit dem Kennenlernen ihrer Eltern in einer bayrischen Kleinstadt beginnt. Die Tagebucheinträge der Mutter formulieren eine tiefe Unzufriedenheit, eine Zerrissenheit zwischen dem Muttersein und dem innigen Wunsch, sich selbst zu verwirklichen und Zeit und Raum für sich zu haben. Manchmal findet sie die Zeit zum Schreiben nur, wenn sie sich im Bad einschließt. Die Bilder zeigen eine deutsche Mittelschicht-Familie: Vater, Mutter, zwei Kinder, wobei der Vater nie zu sehen, nur seine Stimme ab und zu zu hören ist. Er ist meist der Stille Beobachter des unglücklichen Lebens seiner Frau.

Lischker verschneidet die Home-Videos und Tagebucheinträge mit Archivmaterial aus dem Bundestag zwischen 1973 und 1993: Das hämische Lachen der CDU-Fraktion über die Forderung der Grünen nach Gleichberechtigung für Frauen und das Beenden des alltäglichen Sexismus. Sie erwähnt die Frauenbewegung der 70er Jahre, der sich ihre Mutter nicht anschloss. Die Gesetze einer “Hausfrauenehe”, die der Ehefrau vorschreiben, ihren Pflichten als Hausfrau und Mutter vor einer beruflichen Tätigkeit vorrangig nachzugehen. Diese Mitschnitte lassen das persönliche Porträt über ihre Mutter zu einem politischen Essay werden, der das Publikum die Enge und die begrenzten Möglichkeiten von Frauen in der BRD zu dieser Zeit spüren lässt.

Ein bedrückendes Gefühl hinterlässt Melanie Lischkers Film Bilder (M)einer Mutter. So, dass eins sich fragt, wie viel sich eigentlich geändert hat in den letzten dreißig bis vierzig Jahren. Durch die Filmarbeit sei die Regisseurin selbst zur Feministin geworden – das könnte Zuschauer:innen beim Zusehen auch passieren.

 

Das Dokfest München 2021 @home findet noch bis zum 23. Mai 2021 statt.

Autoren

  • Hannah del Mestre arbeitet selbstständig als Autorin, Lektorin und Veranstaltungsorganisatorin. Nach ihrem Studium Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus, hat sie vor kurzem einen Master in angewandter Literaturwissenschaft und Gegenwartsliteratur angefangen. Um up to date zu bleiben arbeitet sie in einem Berliner Indiefilm Kino. Seit sie das erste Mal etwas über den »male gaze« gelesen hat, sieht sie Filme mit anderen Augen.

  • Bianca J. Rauch macht gerade ihren PHD in Filmwissenschaft und arbeitet nebenbei hinter der Kamera - beim Film und als Fotografin. Sie lebt zwar in Wien, treibt sich aber am liebsten auf Filmfestivals in aller Welt herum.