Die Dohnal

Die SPÖ-Politikerin Johanna Dohnal setzte sich jahrelang für Frauenrechte in Österreich ein und legte mit ihrer Arbeit Meilensteine in gesetzlichen Gleichbehandlungsfragen. Der Film von Regisseurin Sabine Derflinger erschien erstmals 2019, thematisiert wichtige Errungenschaften der feministischen SPÖ-Politikerin und zeigt neben der öffentlichen Person der toughen Dohnal, auch deren verletzliche Persönlichkeit. Derflinger drehte bisher viel fürs Fernsehen, etwa Die Vorstadtweiber, Die Füchsin oder Tatort. Die Dohnal ist ein Film, der frau trotz oder gerade wegen der Widrigkeiten und Widerstände, die der feministischen österreichischen Ikone im Laufe ihrer Tätigkeit entgegen traten, bestärkt und empowert entlässt. Viel hat die Frauenministerin auf politischer und gesetzlicher Ebene bewegt und erreicht, sehr viel bleibt aber heute noch zu tun, so viel wird klar.

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Die Dohnal beginnt mit dem Rücktritt der Frauenministerin im Jahr 1995: In einem kurzen Interview der ORF-Nachrichtensendung Zeit im Bild beantwortet Dohnal mit klarem und souveränem Ton Fragen des Reporters. Die Absurdität manch solcher Interviewfragen macht sie mit ihren Antworten im Verlaufe des Films wiederholt bewusst – etwa als ein Moderator sagt: „Werden Sie sich als Staatssekretär wie jeder andere auch fühlen?“ Dohnals Antwort ist, wie auch in anderen Situationen sichtbar wird, sachlich und kritisch mit ironischem Unterton zugleich. Es folgt die Wiedergabe von Tagebuchnotizen der Politikerin, die im weiteren Verlaufe des Films Disparitäten zwischen ihrem öffentlichen Auftreten und den privaten Eindrücken offenbaren. Zu den zahlreichen Fernseh-Archivaufnahmen fügt Derflinger Interviews mit Weggefährt:innen Dohnals sowie Gespräche mit Personen einer jüngeren Generation, die sie oft erst spät als historische Figur kennenlernten, für sie dennoch  ebenso inspirierend wirkte.

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1979 erkannte SPÖ-Bundeskanzler Bruno Kreisky den feministischen Zeitgeist und brachte durch die Ernennung Johanna Dohnals zur Staatssekretärin für allgemeine Frauenfragen eine der ersten Feministinnen in eine europäische Regierung. Bereits zuvor war die Politikerin und Aktivistin in der Frauenbewegung tätig gewesen, etwa um die 1978 erfolgte Eröffnung des ersten Frauenhauses mit anzutreiben. Mit dem Einsatz für die rechtliche Durchsetzung von Schwangerschaftsabbruch, Mutterschutz und Arbeitszeitgesetz packte ihre Agenda die Probleme der Benachteiligung von Frauen an der Wurzel eines kapitalistisch-patriarchal aufgebauten Systems. Ihr Feminismus war kein selektierender Mittelschichtsfeminismus sondern verstand sich von vornherein als ein Zusammendenken von Familienpolitik und Arbeitszeitpolitik, wie auch die junge SPÖ-Politikerin Julia Herr bemerkt.

Wenn die Dohnal in einer Archivaufnahme der heute legendären Sendung Club 2 (die Ausgabe 1979 mit Nina Hagen lohnt sich z.B. sehr) von 1985 erklärt, warum eine Frauenquote innerhalb der Politik wichtig ist, gibt der Film Eindrücke in vergangene Zeiten und ihre vorherrschenden Meinungen und Diskurse – um im nächsten Moment klarzumachen, dass viele dieser Gespräche heute noch genauso stattfinden. Zweifelsohne hat sich seitdem aber auch viel verändert wie Lena Jäger, die das seit 2016 aktive Frauenvolksbegehren 2.0 leitet – das erste wurde von Johanna Dohnal initiiert – betont. Sie interviewt im Film junge Menschen auf der Straße: Ein Teeanger sagt, er sei froh, ein Mann zu sein, weil doch vieles leichter sei. Von der Furcht seiner Kollegen, ihre männlichen Vorrechte zu verlieren, spricht rückblickend der ehemalige Kanzler (1986-97) Franz Vranitzky – „Ich musste ja die Männerflanke abdecken“ – und behauptet von sich als Vermittler zwischen den Fronten fungiert haben zu müssen. Die Dohnal, so viel steht fest, war vielen Männern ein Dorn im Auge. Viele versuchten ihre Anliegen lächerlich zu machen, wie ihre Enkelin Johanna-Helen Dohnal erzählt,  auch das sind Reaktionen, die wohl jeder Feministin bekannt sind.

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Derflingers Die Dohnal ist ein informationsdichter Film, der nicht nur von der Politikerin und ihren Errungenschaften erzählt, sondern auch die österreichische Politik von 1979 bis heute fragmentarisch aufrollt. Der Film schlägt gekonnt immer wieder Brücken zum Heute und schafft zugleich ein wichtiges Dokument, das jede:r in Österreich die Schule besuchende mindestens einmal gesehen haben sollte. Darin sind sich auch die Filmjournalistinnen Julia Pühringer und Magdalena Miedl einig. Visuell aufbereitete Ausschnitte aus Dohnals Tagebuchnotizen hinterlegt der Film mit elektronischen Sounds, die mal motiviert aufschwingende Gefühle auslösen, mal als Störfaktor der eigenen Lesekonzentration fungieren. Für komische Momente sorgen Versprecher des Sendungsmoderators oder Straßeninterviews aus vergangenen Zeiten, die allein schon durch den  sprachlichen Duktus und der vergangenen Mode ein Schmunzeln auszulösen vermögen.

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Dass Johanna Dohnal ihr Lesbisch-Sein nicht offen gelebt hat, lag, so ihre Witwe, die Friedensaktivistin Annemarie Aufreiter, daran, dass sie öffentliche Diskussionen um ihr Sexualleben vermeiden wollte. Eine nachvollziehbare Positionierung. Doch hat Dohnal in dieser Hinsicht zu schnell klein beigegeben oder wäre die ohnehin bereits starke psychische Belastung für sie so nicht mehr tragbar geworden? Wir können nur ahnen und reflektieren, wie es heute um Outing-Situationen in der Politik steht. Der vergangene Umgang mit Homosexualität in der österreichischen Parteienlandschaft ist eine komplexe Geschichte für sich.

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Zur Zeit dreht Regisseurin Derflinger ein Portrait über die Feministin Alice Schwarzer, die auch in der Dohnal zu Wort kommt: „Da ist in Österreich was passiert“ erinnert sie sich an den Aufwind durch die neue Frauenministerin. Auch heute passiert hier in Österreich etwas. Doch wenn zur Diskussion des Frauenvolksbegehrens 2.0 (mit fast 500.000 Unterschriften) im Nationalrat die meisten Minister:innen abwesend sind, dann wird klar: Im Parlament passiert noch zu wenig. „Wir müssen offen Stellung beziehen gegen alle Hetze und Diffamierung von Menschen und Minderheiten. Wir müssen die Demokratie vor Demontierern schützen“ oder „Die Frauenfrage ist eine gesellschaftspolitische und keine Frauenfrage“ sind zwei von zahlreichen Zitaten der Politikerin, die noch lange ihre Aktualität bewahren werden. Johanna Dohnal ist und bleibt eine inspirierende Ikone. 

Kinostart von Die Dohnal in Deutschland ist noch nicht bekannt.
In Österreich bereits zu Streamen bei Filmdelights und KinoVodClub.

Autor

  • Bianca J. Rauch macht gerade ihren PHD in Filmwissenschaft und arbeitet nebenbei hinter der Kamera - beim Film und als Fotografin. Sie lebt zwar in Wien, treibt sich aber am liebsten auf Filmfestivals in aller Welt herum.

Bianca Jasmina Rauch
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