Drei Gedanken zu: HUNTED und Rape-&-Revenge

ACHTUNG: Der folgende Text enthält Trigger zu sexualisierter Gewalt.

 

Vor knapp 15 Jahren wurden das Revival der Rape-&-Revenge-Filme eingeläutet. Das Subgenre war in den 70er-Jahren hauptsächlich dem Exploitation-Film zugeordnet und ist heutzutage mehr im Horror- oder Thriller-Bereich angesiedelt.  Es zeichnet sich hauptsächlich durch eine klar vorformulierte Erzählung aus: Eine Frau überlebt einen Angriff, eine Vergewaltigung oder Folter  –  oder sie wird gar ermordet  –, woraufhin entweder sie oder Vertraute einen blutigen Rachefeldzug gegen die Täter starten. Rape-&-Revenge ist ein Narrativ, in dem Gewalt verhandelt wird – Gewalt gegen Frauen ebenso wie Gewalt, die von Frauen ausgeübt wird. Die Filmwissenschaftlerin Jacinda Read schreibt in ihrer Monografie The New Avengers: Feminism, Femininity, and the Rape Revenge Cycle, dass das Subgenre als aktiver Versuch zu verstehen ist, das kulturelle Klima zu bearbeiten, in dem sich feministische Kämpfe und misogyne Strukturen und Vorstellungen begegnen. 

Mit Hunted hat der französische Regisseur Vincent Paronnaud (u.a. Persepolis) nun einen weiteren Film gedreht, der sich nicht nur dieser Formel bedient, sondern sich auch konkret als “zeitgemäßes Update” des Rape-&-Revenge bewirbt, als Spiel mit “Geschlechterkonventionen, #MeToo und Rotkäppchen-Motiven”, wie der offiziellen Website des Verleihs zu entnehmen ist. Dass das Behandeln von Vergewaltigungs- und Übergriffsthematiken im Film seit Beginn der #MeToo-Debatte eine besondere Relevanz hat, ist selbsterklärend – warum der Filmverleih das Rape-&-Revenge-Narrativ allerdings als unzeitgemäß einschätzt, bleibt offen.

Hunted begleitet die Protagonistin Eve (Lucie Debay), die während einer Geschäftsreise in einer Bar einen Mann (Arieh Worthalter) und seinen vermeintlichen Bruder (Ciarán O’Brien) kennenlernt. Als sie im Begriff ist mit ersterem in dessen Auto zu schlafen, verriegelt dieser die Autotüren und will sie entführen. Auch wenn es im ersten Moment so aussieht, als könnte Eve den beiden Männern noch entkommen, wird sie wieder eingefangen und es entbrennt eine dramatische Hatz im nahegelegenen Wald. Im Folgenden werde ich drei Denkanstöße zu Hunted und seiner Rape-&-Revenge als Formel zwischen feministischer Deutung und interpretativer Fallstricke verfassen.

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© Pandastorm Pictures

Männer sind keine Wölfe

Hunted beginnt mit einer Mär. Eine Mutter sitzt mit ihrem jungen Sohn um ein Lagerfeuer und berichtet ihm, untermalt mit Animationssequenzen, von den mythischen Wölfen des Waldes, und ihrem Ursprung. Auf die Frage, ob es heute noch Wölfe im Wald gäbe, erwidert die Mutter: “Wolves? No. No, there aren’t. As for men … yes, there are.” Diese intendierte Doppeldeutigkeit im Wort “men”, das einerseits mit “Menschen” und andererseits mit “Männern” übersetzt werden kann, greift ebenso auf die konkrete Geschichte des Films vor, wie sie auf eine gesamtgesellschaftliche Trope anknüpft, die vor allem im Kontext Vergewaltigungskultur mehr als problematisch ist. Der Vergleich, bzw. die Parallelisierung von übergriffigen Männern und Vergewaltigern zu wilden Tieren, wird den Problemen der Rape Culture nicht nur nicht gerecht, sondern birgt auch die Gefahr einer Verschleierung von Mechanismen, die dieser zugrunde liegen. 

Narrativ und ästhetisch gesehen ist das Wolfs-Motiv für Hunted durchaus stimmig umgesetzt und trägt stark zu der bedrohlichen und angespannten Atmosphäre des Films bei. Die unruhigen Jagdszenen im Wald, die blutigen Auseinandersetzungen und die “Nur der Stärkste überlebt”-Handlungsmotivation des Täters fügen sich (für sich gesehen) zu einem Filmerlebnis zusammen, in dem sich eine Unterscheidung zu dem was normalerweise als menschliche Lebensrealität gilt, geradezu aufzwingt. Als Zuschauer:in findet mensch sich so in einer feindlichen Welt wieder, in der die Gesetze und Normen des zivilisierten Miteinanders keine Bedeutung mehr haben. Eve ist in diesem Szenario das Freiwild, auf das der namenlose Täter, das Raubtier, Jagd macht. Doch was impliziert diese Motivik? Tiere, vor allem nicht domestizierte Tiere, handeln in den meisten Fällen aus Instinkt. Ihren Taten – wenn das überhaupt ein angebrachtes Wort ist – liegen keine moralischen Motivationen oder zwischenmenschlichen Interessen zugrunde. Die Umdeutung von übergriffigen Männern zu wilden Tieren lässt also keinen Raum für die Frage, warum Menschen vergewaltigen und warum dies so ein abscheuliches Verbrechen ist, denn damit werden sowohl die Motive, als auch die Mechanismen innerhalb von Vergewaltigungskultur auf reine Triebe reduziert, die einer Analyse dieses systematischen Problems nicht mal ansatzweise Stand halten würden.

© Pandastorm Pictures

Rape-&-Revenge funktioniert auch ohne Rape

Anders als es die Vermarktung des Films eventuell suggeriert, findet in Hunted keine die Handlung auslösende Vergewaltigung oder ein sexualisierter Übergriff statt. Dass der Film dennoch als Rape-&-Revenge-Thriller funktioniert, liegt daran, dass er ein Bedrohungsszenario inszeniert, in dem allein die reine Möglichkeit des Übergriffs bzw. Angriffs sehr präsent ist. Der Film schafft es so einerseits auf eine möglicherweise re-traumatisierende Darstellung einer Vergewaltigung oder eines sexualisierten Übergriffs zu verzichten und andererseits eine problematische Nutzung von Vergewaltigung als Momentum für eine Figurenentwicklung im Keim zu ersticken. Gerade letzteres ist ein ebenso beliebtes wie fatales Narrativ: Vergewaltigungen werden in den backstories oder Held:innenreisen von weiblichen Figuren platziert, um transformierende Momente zu markieren. Sie werden zu Erzählkniffen reduziert und somit in den meisten Fällen jeglichem kritischen Kontext entrissen.

Dass die Rape-&-Revenge-Formel für dieses Narrativ anfällig ist, erklärt sich von selbst. Dass sie allerdings auch ohne die konkrete Tat funktioniert, beweist Hunted meisterlich. Dem Film reicht es, ein Szenario zu errichten, in dem der sexualisierte Übergriff wie ein Damoklesschwert über dem Geschehen hängt, doch entscheidet sich letztendlich dafür Eves Figurenentwicklung nicht daraus speisen zu lassen, sondern ihre Rachegefühle, ihre Wut, aus sich selbst zu entwickeln. Natürlich zwingt sie der Plot des Films in unsagbar schreckliche Situationen – sie wird entführt, angegriffen, gejagt –, doch die bewusste Entscheidung zur Aussparung des rape eröffnet nicht nur mehr Raum für Fokus auf das revenge, sondern hinterlässt Eve und ihre Geschichte als mehr als nur ein Spielball der an verfestigte Erwartungen geknüpften erzählerischen Formel.

© Pandastorm Pictures

Rape-&-Revenge ist keine dezidiert feministische Form

Das Subgenre ist im Laufe seiner Geschichte vielen kulturellen Deutungen unterworfen worden. Die Frage, inwiefern Rape-&-Revenge feministisch einzuordnen ist, schwingt dabei seit den ersten bekannten Filmen, die diese Formel angewandt haben (u.a. Das letzte Haus links [1972] und Ich spuck auf dein Grab [1978]), mit. Dass die Idee von blutiger Rache an Vergewaltigern, Agenten des unterdrückenden Patriarchats, durch die Angehörigen von Vergewaltigungsopfern oder den Opfern selbst Anklang im Radikalfeminismus der 70er- und 80er-Jahre gefunden hat, erscheint nur logisch. Und auch mit der Aktualisierung des Subgenres in den 2000ern bleibt die Formel ein streitbarer, aber durchaus interessanter Gegenstand feministischer Betrachtung, wie nicht nur die Monografie von Jacinda Read, sondern beispielsweise auch Julia Reifenbergers Aushandlung Girls with Guns – Rape & Revenge Movies: radikalfeministische Ermächtigungsfantasien? beweist. 

Beide Autorinnen verweigern sich einem konkrete Bekenntnis zu Rape-&-Revenge als dezidiert feministischer Form und das völlig zurecht. Zu oft verbirgt sich hinter der Formel letztendlich nur ein provokanter Gewaltmix ohne Haltung oder eine austauschbare Protagonistin, für die das Überleben einer Vergewaltigung die einzige Quelle charakterlicher Merkmale zu sein scheint. Auch Hunted lässt sich dieser Vorwurf machen, denn der Film schafft es nicht im Publikum ein Interesse zu erwecken, das über Eves dramatisches Schicksal hinausgeht. Auch wenn der Film einige Sachen innovativ angeht und auch durchaus als packendes Filmhandwerk durchgeht, zeigt er vor allem, als was das Rape-&-Revenge-Label zu betrachten ist: ein mit Erwartungen verknüpftes Verkaufsargument.

DVD-Start: 21.05.2021

Autor

  • Sophie Brakemeier hat Medienwissenschaft studiert und sich währenddessen lange im kommunalen Kinobetrieb engagiert. Seit ihrem Masterabschluss arbeitet sie redaktionell in der Medien- und Kulturbranche, schreibt über Film und an ihrem ersten Buch. Kino liebt sie seitdem sie im Alter von vier vor Aufregung den Saal bei Free Willy 2 leergeschrien hat. Die Emotionalität für Filme blieb ihr, den kritischen Blick hat sie allerdings geschärft.

Sophie Brakemeier
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