Lesestoff: Jenseits des Schreckens

In Jenseits des Schreckens: Horror, Widerstand und Visionen versammeln Farah Bouamar und Nabila Bushra Schriften über Horror als subversives Mittel für gesellschaftliche Reflexion und Transformation. Als Teil der Reihe „resistance & desire“ von bildungs*Lab nähern sich Bouamar und Bushra in ihrer Sammlung mit rassismus- und hegemoniekritischem Ansatz dem Thema Horror und dem Genre Horrorfilm. Die beiden Filmemacherinnen und Gründerinnen der Filmproduktion Lost Film haben Hintergründe in den Literaturwissenschaften, der Philosophie und den Politikwissenschaften. 

© Unrast Verlag

Die Textsammlung Jenseits des Schreckens beschäftigt sich vor allem mit erzählerischen Leerstellen in Horrorfilmen und theoretischen Lücken bei der Verhandlung des Genres. Auf dieser Grundlage sucht sie nach Ausgangspunkten, wo sich durch das Genre neue Räume eröffnen (können). Sie erinnert daran, dass Horror viel mehr mit sich bringt als fantastisches Erzählen, sondern meist mehr im Realen verankert ist, als gedacht, und sich durchaus als Werkzeug eignet, um über gesellschaftliche Strukturen der Marginalisierung zu sprechen.

Jenseits des Schreckens umfasst zwei Essays. Bouamar schreibt in „They’re Coming to Get You: Machtkritik und Ermächtigung“ über Machtstrukturen, Repräsentation und Genderdynamiken im Horrorfilm, setzt sich dabei mit den formativen Texten der feministischen Filmtheorie von Linda Williams Body Genres („Film Bodies: Gender, Genre, and Excess“ (1999)), Carol J. Clovers Final Girl („Her Body, Himself: Gender in the Slasher Film“ (1987)) und Barbara Creeds monströsem Weiblichen („The Monstrous-Feminine: Film, Feminism, Psychoanalysis“ (1993)) auseinander. Bouamar beleuchtet die Stärken dieser Beobachtungen zu Gender im Horrorfilm: auf welche Weise sie es möglich machen, ausgetretene Pfade und Tropes (z. B. Jungfrau in Nöten, Femme fatale oder bedrohliche Hexe) zu hinterfragen, gleichermaßen neu zu denken und Dynamiken zwischen Geschlecht und Macht zu untersuchen. Ebenso wie auf diese Theorien zu verweisen, ist es Bouamar ein Anliegen, auf die Lücken aufmerksam zu machen, die auch sie nicht schließen können.___STEADY_PAYWALL___

An dieser Stelle greift für Bouamar die Arbeit der Autorin Tananarive Due (u. a. als Teil der Doku Horror Noire: A History of Black Horror (2019) von Xavier Burgin). Mit einem Fokus auf die gesellschaftskritischen Möglichkeiten von Horror finden sich darin neue Ansätze, um Räume im Genrefilm weiter zu öffnen. Unter diesem Aspekt beleuchtet Jenseits des Schreckens Horror Noire als einen Prozess, der ein Neuschreiben wie auch eine Dekonstruktion von Horrorfilmen, ihrer Archetypen, Erzählweisen und zentralen Elemente bezeichnet, um Schwarze Perspektiven sichtbar zu machen. Horror Noire ist geprägt von klassischen Motiven des Horrorfilms verknüpft mit spezifischen Erfahrungen Schwarzer Communitys, darunter Filme wie z. B. Nia DaCostas Candyman (2021). Mit diesem Fokus hebt Bouamar die Notwendigkeit von intersektionalen Perspektiven hervor, um das Potenzial des Genres weiter auszuschöpfen. 

Im zweiten Essay „Horror im Widerstand“ nähert sich Bushra über Close Readings dem Horrorfilm. Relic – Dunkles Vermächtnis (Regie: Natalie Erika James) und His House (Regie: Remi Weekes), beide von 2020, sind für Bushra interessant, als radikale Infragestellung von Machtverhältnissen und wie und wo sich neue Räume durch kritische Perspektiven im Horror öffnen. Bushra sieht in diesen Haunted-House-Geschichten Verzahnungen von Fiktion und Realität, die sowohl über als auch zu kollektiven und persönlichen Schrecken sprechen. Bushra beleuchtet Relic mit Fokus auf die Themen Krankheit, Alter und Zerfall familiärer Beziehung in Verbindung mit Care-Arbeit. His House ist für die Autorin vor allem aufgrund der Darstellung von Flucht und Trauma interessant und wie der Film Rassismus, strukturelle Unterdrückung und Folgen der Sklaverei verhandelt. Bushra wirft so einen Blick auf die Möglichkeiten des Horrorgenres, die weit über verbreitete Narrative, Erzählmechanismen und Archetypen hinausgehen. Sie interessiert sich für Formen von Schrecken, die das Fantastische des Horrors heranziehen, um Furcht einzujagen, und ebenso als dekoloniales Werkzeug funktionieren, um hegemoniale Vorstellungen von filmischen Ästhetiken und realen Strukturen herauszufordern. 

Ein Beitrag, der ebenfalls in Jenseits des Schreckens zu finden ist, ist María do Mar Castro Varelas Text „Vita Horribilis: Plädoyer für eine radikale Erinnerungsarbeit“. Do Mar Castro Varela verhandelt darin, wie sich die Horrorfigur des Monsters als Spiegel der Geschichte hervortut. Ausgehend von Gramscis Beobachtungen zu „morbiden Erscheinungen“ (102), oder Phänomenen, untersucht die Autorin die Verbindung zwischen der Filmfigur und der menschlichen Angst vor Kontrollverlust angesichts sich wandelnder Realitäten. Do Mar Castro Varela sieht in dem Monster eine Verkörperung der mit „Krisen“ (102) wie Klimawandel, Krieg, Hungersnöte, Fluchtbewegungen, Inflation, uvm. verbundenen Unsicherheiten. In ihm spiegeln sich Ängste und Ungleichheiten, die durch Kapitalismus, Kolonialismus und ihre patriarchalen Strukturen bedingt und gefördert wurden und werden. Das Monströse – von Hexen bis schreckliche Kreaturen wie der Schlächter – nimmt in vielen Horrornarrativen die Rolle als Projektionsfläche für diese Ängste einer Gesellschaft ein, die sich durch Prozesse des Othering von ihnen abwendet, um das Normative, die „Heimeligkeit“ (108), zu stärken. Dabei sind es gerade Monster, die auf kaum haltbare Normen aufmerksam machen. Laut do Mar Castro Varelas Beobachtungen sind es sie – als Verkörperungen von externalisierten Unsicherheiten –, die Begrenzungen von Identität, Hegemonie und normative Vorstellungen, welche Körper als unheimlich und welche als heimelig angesehen werden, hinterfragen. 

Abgerundet wird Jenseits des Schreckens, auch um zu zeigen, dass Horrorfilm nicht nur theoretisch verhandelt werden kann, sondern auch in der praktischen Umsetzung Räume einnimmt, durch das von Bouamar und Bushra verfasste Drehbuch zu dem Kurzfilm I Can Heal You (2021, Regie: Bariş Aydınlı). Bei I Can Heal You handelt es sich außerdem um den ersten Horrorkurzfilm von Lost Film. Das Drehbuch, gepaart mit einer Sammlung von Filmstills, steht beispielhaft dafür, dass sich Bouamar und Bushra neben theoretischen Analysen, wie in den Texten von Jenseits des Schreckens zu finden, auch mit der künstlerischen Praxis der Horrorfilmgestaltung aktiv auseinandersetzen.

Jenseits des Schreckens: Horror, Widerstand und Visionen ist im Unrast Verlag erschienen. 

Sabrina Vetter
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