Diagonale 2021: Porträts von Ulrike Ottinger & Maya Deren

Mit einem Film, der bereits auf der Berlinale 2020 seine Weltpremiere feierte, war Ulrike Ottinger nach ihrem Besuch beim Crossing Europe und im Filmmuseum Wien nun auch auf der Diagonale in Graz persönlich zu Gast. Die Programmreihe „In Referenz“ verband österreichisches mit internationalem Filmschaffen, Jessica Hausner mit Maya Deren, Teiji Ito und Martina Kudláček. Allen gemein ist ihr künstlerisches Schaffen über die eigenen Sphären hinaus, Entdeckungen des Selbst und des Anderen an verschiedenen Orten und zu unterschiedlichen Zeiten.

Paris Caligrammes, Ulrike Ottinger (D 2020)

So begibt sich die Filmemacherin und bildende Künstlerin Ulrike Ottinger in Paris Caligrammes auf Spurensuche nach ihrer eigenen Vergangenheit in der französischen Hauptstadt der 1960er Jahre. Da sie zu dieser Zeit selbst die Welt noch nicht durch die Kameralinse erfasste, besteht ihr Porträt aus einer Mischung von Archivmaterial und gegenwärtigen Aufnahmen von Orten in Paris, die damals für sie von Bedeutung waren – so auch das titelgebende Antiquariat librairie caligrammes des jüdischen Exilanten Fritz Picard.

© Ulrike Ottinger ___STEADY_PAYWALL___

Mit einer spürbaren Leichtigkeit führt uns die gegenwärtige Ottinger aus dem Off durch die Bilder ihres damaligen Lebens. Als die zwanzigjährige Malerin von ihrer Heimatstadt Konstanz aus im pulsierenden Paris Fuß fasste, lernte sie nicht nur zahlreiche Wahl-Pariser:innen kennen sondern auch neue Kunstströmungen, Surrealismus, Pop-Art, Radiertechniken. Sie entdeckte ihr verstärktes Interesse für Filme in der Cinémathèque française und diskutierte und philosophierte auch in den Ateliers und Cafés der Quartiers über Kunst und die Welt. Unzählige große Namen – in erster Linie Männer – zählt sie dabei unter ihre Begegnungen in der librairie caligrammes, den Ateliers oder Literat:innensalons – darunter Else Lasker-Schüler, Annette Kolb, Jean-Paul Sartre, Hans Richter, Max Ernst, Paul Celan. Details über ihre eigenen Verhältnisse zu diesen Personen lässt sie aber weitgehend aus, was ein wenig enttäuscht.

© Ulrike Ottinger

Ottinger konfrontiert ihr Publikum in über zwei Stunden mit einer dichten Fülle an Informationen. Es sind Versatzstücke eines Jahrzehnts, das stark von politischen Umbrüchen und kriegerischen Auseinandersetzungen geprägt war. In ihren von der bunten Pop-Art geprägten Bildkombinationen – figuration narrative –, deren Anordnungen an Comicstrips erinnern, zeigen sich Darstellungen vom Vietnamkrieg, den Revolten der Studierenden, dem Algerienkrieg oder den Debatten um Israel. Von Ottingers eigener Haltung als junge politisierte Frau erfahren wir jedoch kaum etwas. Aus dem Off erzählt sie, sie habe Straßenrevolten aus ihrer Dachluke beobachtet und sei gern durch die massiven Kolonialbauten einstiger Pariser Weltausstellungen Frankreichs spaziert. An diesen Stellen versucht eins über diese distanzierte Haltung hinaus die Persönlichkeit Ulrike Oettinger zu greifen, um das Private inmitten des politischen Zeitdokuments zu finden. Sie zeichnet aber über ihre Selbstexploration Paris Caligrammes vorwiegend ihren professionellen Weg als junge Künstlerin nach, die kurz nach ihrer Zeit in Paris ihre erste Filmarbeit realisierte (Laokoon und Söhne, 1973). 

© Ulrike Ottinger

Neben der Nachforschung des künstlerischen Weges einer bekannten Frau, zeigt sich der Film aber auch implizit als Porträt einer Generation und deren von einer jüngeren Generation abweichenden Sensibilisierung in Bezug auf Diversität. Indem die Regisseurin ihre damalige Faszination des diversen Paris betont, das damals zahlreiche Menschen aus ehemaligen Kolonien und Protektoraten beheimatete, merken sensibilisiertere Zuseher:innen auf  – denn Ottinger große Betonung der Diversität des Pariser Zusammenlebens, scheint manchmal ebenso aus der Zeit wie ihr „ethnografischer Blick auf die Welt“. Im gleichnamigen Filmkapitel bebildert sie ihre Faszination mit einem vielfältigen Hauptstadttreiben in erster Linie mit einem afrikanisch diasporischen Frisiersalon. Ihr eurozentrischer Blick zeigt sich als neugierige Haltung, die gut gemeint sein mag, die die (post-)migrantisch afrikanische Community aber letztlich sehr einseitig betrachtet. Die Auseinandersetzung mit Kolonialgeschichten und Ländern abseits der eigenen Heimat spielten für ihr Filmschaffen eine wesentliche Rolle, wie ihre Filmografie verrät. Ihre Stimme aus dem Off äußert sich dabei aber wenig kritisch, z.B. wenn es um die Versteigerung afrikanischer Kunstschätze in einem Pariser Auktionshaus geht. Am Besten macht eins sich selbst ein Bild über das Wirken der vielseitigen Künstlerin durch die Sichtung ihrer Filme, die sich stets mit Kulturen abseits ihrer eigenen beschäftigen (hier lässt sich die Filmografie durchstöbern).

In the Mirror of Maya Deren, Martina Kudláček (AT/CH/D 2001)

Mit dem Porträt der Filmemacherin und Performerin Maya Deren rückt ein wichtiger Teil der New Yorker Avantgarde der 1950er Jahre ins Zentrum eines weiteren Programmpunktes der „In Referenz“-Sektion der diesjährigen Diagonale. Zwei Filme von Martina Kudláček – der andere trägt den Titel Notes on Marie Menken – erhielten hier viele Jahre nach ihrer Erstveröffentlichung erneut eine Bühne und wurden von Gesprächen mit der Regisseurin begleitet. Thema des Films ist das Schaffen der Pionierin Maya Deren, die in ihren Filmen mit performativen Elementen und assoziativen Bildern arbeitete sowie mit Filmtechniken und -tricks eindrücklich experimentierte. Ihre surrealen Welten sind stark geprägt von einem feministischen Blick und der Reflexion über filmische Potenziale, die Gewöhnliches herausfordern. Auch Jessica Hausner, der die Diagonale dieses Jahr eine Reihe widmete, griff immer wieder auf die Avantagardistin und die Kompositionen ihres letzten Lebensgefährten Teiji Ito zurück.

© sixpackfilm

In the Mirror of Maya Deren enthält zahlreiche originale Filmausschnitte von Derens Werken, die zum Zeitpunkt des Erscheinens der Dokumentation noch unveröffentlicht gewesen waren. Um an diese Archivaufnahmen zu gelangen und Gespräche mit Weggefährt:innen zu führen, hatte Kudláček u.a. die New Yorker Anthology Film Archives besucht und mit dessen Leiter Jonas Mekas zusammengearbeitet. Dieser kommt in der Doku ebenso zu Wort wie der Filmkurator Amos Vogel, Derens langjähriges Lebensgefährte Alexander Hammid oder Darstellerin und Performerin Rita Christiani. Kudláčeks analoge Aufnahmen strahlen von Farbenpracht und die minimalistisch schwungvolle Musik (John Zorn), die in Variationen einer Melodie leitmotivisch immer wieder ertönt, prägt sich ein. 

Maya Deren verstarb mit nur 44 Jahren, umso erstaunlicher scheint es, dass um das Jahr 2000 manche ihrer Filmaufnahmen noch in ihren alten Kaffeedosen im Keller der Anthology Film Archives lagerten, wie Kudláček im Gespräch nach der Vorführung erzählt. Ebenso eindrucksvoll sind Derens theoretische Ausführungen zum Film, die stellenweise aus dem Off ertönen und in denen sie auch die Rolle der Frau hinter und vor der Kamera thematisiert. Außerdem beschäftigte sich die Künstlerin über mehrere Jahre intensiv mit haitianischen Kulturpraktiken, vor allem mit Voodoo, und filmte viele der Rituale für unzählige Stunden. Diese Aufzeichnungen und die Tatsache, dass sie mehrere Monate lang in der Community lebte und selbst Voodoo praktizierte, lassen ihren Blick offen und ohne negative Vorurteile erscheinen. Einige ihrer Filme sind auch auf Youtube zu sehen – große Empfehlung! (Meshes of the Afternoon oder Ritual in Transfigured Time).

 

Autor

  • Bianca J. Rauch macht gerade ihren PHD in Filmwissenschaft und arbeitet nebenbei hinter der Kamera - beim Film und als Fotografin. Sie lebt zwar in Wien, treibt sich aber am liebsten auf Filmfestivals in aller Welt herum.

Bianca Jasmina Rauch
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