Interview: Jessica Hausner, Little Joe & eine Welt jenseits der Perfektion

Mit Little Joe war die österreichische Regisseurin Jessica Hausner 2019 im Wettbewerb von Cannes vertreten, nun startet die Geschichte um Wissenschaftlerin Alice und ihre Laborzüchtung auch in den deutschen Kinos. In ihrem Science-Fiction Thriller lässt die Filmemacherin ihre Charaktere in entfremdeten Beziehungen zueinander agieren, dekonstruiert gängige Bilder von Karriere und Mutterschaft und formuliert die große Frage nach einer allgemeingültigen Definition von Glück.

Jessica Hausner

© Evelyn Rois

FILMLÖWIN Autorin Bianca J. Rauch hat mit Jessica Hausner über die Inspiration für ihren Film, Frauenfiguren im Film, das Thema Mutterschaft und die langjährige Zusammenarbeit mit ihren Kolleg:innen gesprochen. 

Mit Martin Gschlacht, Barbara Albert und Antonin Svoboda haben Sie vor über zwanzig Jahren die coop99 gegründet, die sich als “ als Plattform einer neuen Filmemacher-Generation in Österreich” versteht . Gibt es da noch immer, auch im Fall von Little Joe, eine Zusammenarbeit bereits während der Entwicklungsphase?

___STEADY_PAYWALL___  Ja. In der coop gab’s immer schon einen Austausch. Wir sind dort zu fünft – am Anfang waren wir zu viert – und treffen uns regelmäßig, um die anstehenden Projekte gemeinsam durchzusprechen. Wenn’s um meine eigenen Projekte geht, präsentiere ich den Kollegen immer verschiedene Versionen eines neuen Projekts, die dann auch besprochen werden. Seit meinem ersten Spielfilm Lovely Rita arbeite ich auch schon mit demselben Weltvertrieb zusammen. Der ist auch immer von Anfang an involviert.

Von Mutterschaft, Gentechnik und Body Snatchers

Welche Themen waren zentral für die Entwicklung des Drehbuchs von Little Joe

 Am Anfang eines Projektes gibt es immer verschiedene Themen, die mich interessieren. Bei Little Joe waren es erstens die Mutter-Kind Geschichte und das Thema, warum man als Mutter ein schlechtes Gewissen „eingeimpft” bekommt, wenn man sich intensiv um seine eigene Arbeit kümmert. Die Hauptfigur durchlebt als Mutter im Laufe der Handlung unterschiedliche Gefühlslagen. Sie ist geplagt von einem schlechten Gewissen. Der andere Komplex dreht sich um die Gentechnik und ihre Ambivalenz, auch um unsere leicht irrationale Angst davor. Wir achten im Supermarkt z.B. auf die Bilder, auf denen „ohne Gentechnik“ steht, obwohl eigentlich kaum einer weiß warum. 

War von Beginn an klar, dass daraus ein Science-Fiction Film werden würde? 

 Ja, das könnte man noch als die dritte Inspiration nennen. Es gibt im Science-Fiction Genre immer wieder Geschichten über Menschen, die entführt, ausgetauscht oder ersetzt werden – z.B. The Stepford Wives oder Invasion of the Body Snatchers. Dahinter steckt die Idee, dass jemand, den man kannte, kennt oder dem man nahe steht, auf einmal nicht mehr dieselbe Person ist, sondern quasi durch einen Hochstapler ersetzt worden ist. Das ist eine Übersteigerung einer sehr alltäglichen Erfahrung: nämlich dass man nicht so recht weiß, wer die andere Person eigentlich ist, die man glaubt zu kennen oder zu lieben. Täuscht die andere Person etwas vor, so man es selbst oft tut?

Alice steht in einem Labor voll roter Blumen.

© Coproduction Office

Dieser Ansatz erklärt auch die ambivalente Haltung, die das Publikum gegenüber den Filmfiguren empfindet – ein Wechsel zwischen Empathie mit und Distanz zu den Charakteren. 

Der Film überlässt es dem Publikum, seinen Weg in diesem Labyrinth zu finden. Wir wollten alle Figuren gleichberechtigt in ihrer Ehrlichkeit bzw. in ihrer Verlogenheit gestalten, um dem Zuschauer zu verunmöglichen, klar zu sagen „Ah, da ist die Wahrheit, der oder die hat Recht.“ Das ist, wenn man genau hinschaut, nicht möglich in dieser Geschichte. Alice’ Assistent Chris ist z.B. ein Mann, der in seinen Gefühlen für Alice von Anfang an eine gewisse Unehrlichkeit besitzt – und das schon, bevor ihn die Pflanze befällt. Es ist also schwer zu sagen, ob er sich durch die Pflanze verändert hat oder ob er sowieso so ist. 

“Gerade Wissenschaftlerinnen sehe ich immer noch selten”

Alice bewegt sich ja als Wissenschaftlerin in einer männlich dominierten Sphäre. 

Ja, in Science-Fiction Filmen sieht man oft Wissenschaftler im Zentrum der Erzählung. Ich fand es natürlich spannend, eine Wissenschaftlerin ins Zentrum zu stellen, weil es das nicht oft gibt. Seit einigen Jahren – vielleicht auch nur seit #MeToo – merke ich, dass viele amerikanische Filme auch weibliche Hauptfiguren haben, was ich sehr begrüße, aber gerade Wissenschaftlerinnen sehe ich immer noch selten. 

Welche Beobachtungen haben Sie darüber hinaus gemacht, was Frauenfiguren auf der Leinwand betrifft? 

Mir fällt insgesamt auf, dass viele amerikanische Mainstreamprodukte gesellschaftspolitisch sehr modern geworden sind, zum Beispiel Kinderfilme. Das ist ja ein ganz wichtiger Punkt: Mit welchen Filmen wachsen unsere Kinder auf? Ich habe letztens mit meinem Sohn The Addams Family und Elsa angeschaut. Dabei ist mir wieder aufgefallen: Mädchen sind jetzt auch Heldinnen. Mädchen können Geschichten lösen, Mädchen können Abenteuer bestehen. Das ist toll und wichtig für unsere Kinder. 

Vier Forscher blicken in eine Richtung.

© Coproduction Office

“Es geht darum, den Zuschauern eine Welt jenseits der Perfektion zu suggerieren.”

Sie haben einmal erzählt, dass die Filmemacherin Maya Deren Sie auch inspiriert hat. Für Little Joe haben Sie mit Kompositionen von Teiji Ito gearbeitet, dessen Musik auch für deren Experimentalfilme, z.B. für Meshes of the Afternoon von 1943, verwendet wurde. 

Maya Deren ist eine Regisseurin, die mich schon seit langem sehr interessiert, v.a. ihre Filmsprache und ihre Art zu schneiden und surreale Settings herzustellen. Ihre Experimentalfilme haben so eine Traumqualität, die sie allein durch Kameraposition, Schnitt und Musik herstellt – also ohne Special Effects. Dieses Handwerk, das Maya Deren beherrscht, finde ich sehr inspirierend. Da habe ich mir auch für meine Filme immer wieder ein Scheibchen abgeschnitten. 

Und die Kompositionen gibt es schon lange, ich glaube sie sind aus den 80er Jahren. Teiji Ito ist auch schon lange tot. Ich habe die Musik gewählt, weil sie teilweise eine gewisse Science-Fiction Suspense Stimmung erzeugt und an anderen Stellen wieder total seltsam, irritierend ist. Ähnlich wie die Kamera, tut sie manchmal so, als würde sie die Erzählung unterstützen, nur um sich im nächsten Moment aber wieder selbstständig zu machen. Die Elemente sind zusammen schon harmonisch, aber an manchen Stellen übertreiben sie. Sie verunsichern und fordern das Publikum heraus, sich sein eigenes Bild zu machen, statt es am Ende in einen sicheren Hafen zu führen. 

Das visuelle Konzept des Films ist sehr interessant. Mir sind z.B. ein paar Einstellungen aufgefallen, in denen die Gesprächspartner:innen jeweils am Bildrand sitzen, z.B. Bella und Alice, und die Kamera fährt langsam auf die Mitte zu, bis am Ende der Einstellung keine Person mehr sichtbar ist. 

Grundsätzlich hat die Kamera im Film eine Art Eigenleben, das nicht unbedingt der Handlung oder den Schauspielern folgt. Es gibt diese Kamerafahrten, die Sie jetzt erwähnt haben, oder Szenen, in denen sich die Schauspieler ins Off spielen und dann wieder ins On kommen und die Kamera folgt ihnen dabei nicht. Ich erarbeite das Konzept immer mit meinem Kameramann Martin Gschlacht. Er hat unlängst zu mir gesagt, dass er sich an meinem Set immer erst umstellen und daran gewöhnen muss, dass seine Kamera bei mir diese störrische Eigenwilligkeit hat, als wäre sie ein eigener Charakter. Das kommt in meinen anderen Filmen teilweise auch vor. Es geht dabei darum, den Zuschauern eine Welt jenseits der Perfektion zu suggerieren. Es ist eine lückenhafte Welt, in der auch die Filmemacher nicht genau wissen, was passieren wird oder was wann wichtig ist. Üblicherweise nähert man sich den Protagonisten am Höhepunkt des Dialogs. Bei uns ist es aber anders: Am Höhepunkt des Dialogs verlieren wir die Protagonisten aus dem Bild und schwenken auf den Vorhang. Das ist natürlich auch ein Witz. Das heißt: Was weiß ich schon, was hier wichtig und wahr ist!? 

Bianca J. Rauch
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