FFMOP 2020: Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit

Der Dokumentarfilm Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit gibt einen Einblick in die Lebensrealitäten von Leiharbeiter:innen in der Fleischindustrie. Er entstand als Abschlussfilm an der HFF Hochschule für Fernsehen und Film München und wurde beim Filmfestival Max Ophüls Preis im Wettbewerb Dokumentarfilm 2020 uraufgeführt.

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Filmemacherin Yulia Lokshina begleitet die überwiegend südosteuropäischen Arbeiter:innen zu ihren Integrationskursen und besucht ihre Unterkünfte auf einem Campingplatz. Immer wieder berichten die Arbeiter:innen in Gesprächen von Arbeitsunfällen, unbezahlten Überstunden und Massenunterkünften zu überhöhten Preisen. Sie wissen, wie schlecht ihre Arbeitsbedingungen sind, sehen jedoch keine andere Möglichkeit für sich.

Aktivist:innen versuchen mit Flugblättern und Kundgebungen auf die Missstände aufmerksam zu machen oder auf behördlichem Weg Verbesserungen zu erwirken. Eine von ihnen knüpft in Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit die Verbindung zwischen dem Filmteam und den Arbeiter:innen. Sie unterstützt auch bei Behördengängen und persönlichen Notlagen. Dabei strahlt sie gleichermaßen Einfühlungsvermögen und Pragmatismus aus. Grundsätzlich nimmt niemand in diesem Film ein Blatt vor den Mund: Die Situation der Arbeitsmigrant:innen ist beschissen.

Ein besonders drastisches Beispiel für die Ausweglosigkeit, mit der sich die Arbeiter:innen konfrontiert sehen, stellt eine Mutter dar, die ihr Kind alleine in einer Garage zur Welt brachte und anschließend zurückließ. Es ist eine große Stärke von Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit nicht über diese Frau zu urteilen, sondern zu erforschen, wie sie in eine so verzweifelte Situation geraten kann.

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Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit zeigt Schlaglichter, die unterschiedliche Aspekte von Leiharbeit und Arbeitsmigration in der Fleischindustrie beleuchten. Die Protagonist:innen treten nicht als Persönlichkeiten auf. Denn Yulia Lokshina zielt trotz der Tragik der beschriebenen Einzelschicksale nicht auf Mitleid für einzelne Personen ab, sondern macht anhand der Protagonist:innen strukturelle Probleme sichtbar.. Die Arbeiter:innen stehen nicht nur für sich selbst, sondern stellvertretend für Arbeitsmigrant:innen und Leiharbeiter:innen, die sich in derselben Situation befinden. Die Pointe des Dokumentarfilms – und das kann kaum als Spoiler gelten – schließlich lautet: Das Problem heißt Kapitalismus.

Für eine weitergehende Kritik an den kapitalistischen Verhältnissen greift Lokshina auf das Theaterstück Die heilige Johanna der Schlachthöfe von Berthold Brecht zurück. Das Stück spielt im Chicago der 1930er Jahre, dem Zentrum der Fleischindustrie zu Zeiten der Wirtschaftskrise. Die Hauptfigur Johanna Dark entwickelt sich von einer christlichen Wohltäterin zur Klassenkämpferin. Als sie jedoch merkt, dass das Leid der Arbeiter:innen nur mit der Überwindung des Kapitalismus beendet werden kann, ist es bereits zu spät.

Die Gymnasialschüler:innen, die das Stück einstudieren, könnten vom Klassenkampf nicht weiter entfernt sein. Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit begleitet die Proben. Zunächst sind die Schüler:innen gelangweilt, ihre Wortmeldungen zurückhaltend. Doch mit der weiteren Entwicklung des Stücks wächst auch das Verständnis der Schüler:innen für den Text und die Systemkritik darin. Ihre Auseinandersetzung mit der Rolle des Staates, der Frage nach Regulationen innerhalb eines kapitalistischen Systems und wem dieses System eigentlich nütze, setzen einen Analyserahmen für die Zuschauer:innen des Films.

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Die zunächst zusammenhanglos erscheinende Collage von Theaterproben und Szenen aus der heutigen Fleischindustrie fügt Yulia Lokshina nach und nach zu einer stimmigen Analyse zusammen. Die abstrakte Auseinandersetzung mit Brechts Kritik an Kapital, Staat und Religion durch die Schüler:innen greift Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit jeweils in den darauffolgenden Eindrücken der Arbeiter.innen und Aktivist:innen auf. Der thematische Zusammenhang ist offensichtlich, dennoch überlässt Lokshina ihrem Publikum die Einordnung, indem sie auf eine weitere Kommentierung verzichtet. Auf diese Weise nimmt sie die Zuschauer:innen mit in die Verantwortung und verleiht ihrem Dokumentarfilm eine nachhaltige Wirkung, die über die Spielzeit von 92 Minuten hinaus geht.

Über die Verbindung des Theaterstücks und mit den Interviews der Arbeiter:innen gelingt Yulia Lokshina ganz im Sinne Berthold Brechts brandaktuelle Kapitalismuskritik. Besonders eindrucksvoll wirkt Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit durch seine Zurückhaltung. Dem Film geht es nicht um die Emotionalisierung von Einzelschicksalen, sondern eine umfassende Kritik der Verhältnisse. Dieser Ansatz mag den Zugang zum Film erschweren, verleiht ihm jedoch eine besondere Tiefe.

Autor

  • Lea Gronenberg ist Politikwissenschaftlerin und Nerd. Filme und Serien sind für sie ein Ort der Zuflucht und zugleich ein Ort für Gesellschaftsanalyse und -kritik.

Lea Gronenberg