Sorry, Baby

CW: sexualisierte Gewalt; dieser Text enthält Spoiler

In einer Szene gegen Ende von Eva Victors Regiedebüt Sorry, Baby hyperventiliert Agnes (Eva Victor). Ein fremder Mann hilft ihr, mit ihm gleichmäßig zu atmen, bis sie sich etwas beruhigt hat. So ungefähr fühlt es sich an, Sorry, Baby zu schauen, als würde ich behutsam zum ruhigen Atmen angeleitet, um den Bildern meine volle Aufmerksamkeit schenken zu können. Das soll nicht heißen, dass der Film keine Emotionen hervorruft, im Gegenteil, es ist so möglich, diese tief wirken zu lassen, sie sozusagen einzuatmen.

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Die Tragikomödie ist in fünf Abschnitte unterteilt, die vier Jahre aus Agnes’ Leben in nichtlinearer Reihenfolge zeigen. Der Film beginnt und endet mit dem gleichen, chronologisch letzten Jahr, das mit The Year with the Baby betitelt ist. Die Jahre dazwischen heißen The Year with the Bad Thing/the Questions/the Good Sandwich” und umfassen die Zeit von Agnes’ Masterstudium bis zu einer Festanstellung an derselben Universität. Es ist ein Film über das Weiterleben nach einer traumatischen Erfahrung und den Widerspruch, das Erfahrene zu verarbeiten, während die Zeit voranschreitet und das Leben um einen herum weitergeht. Es ist aber auch ein Film über Umbrüche in den letzten Jahren in den Zwanzigern und das Festhalten an Freundschaften, auch wenn sich deren und die eigenen Lebensumstände verändern. Sorry, Baby ist sowohl belastend als auch zutiefst lustig, teilweise sind schwierige Momente humorvoll und die alltäglichen melancholisch.

Die ruhige Erzählweise von Sorry, Baby kommt unter anderem durch Victors Bildsprache zustande: der Film ist durchzogen von Weitwinkeleinstellungen, in denen die Kamera ruht, während die Charaktere in den Frame kommen und wieder verschwinden. Oft bewirken solche Einstellungen eher eine Distanz. In Sorry, Baby fühlt sich die Zuschauer*innenperspektive dadurch eher meditativ und beobachtend an, als wäre es möglich, selbst Teil des Films zu werden. Diese Art des Filmens ermöglicht es, sich bspw. das Exterieur sowie das Interieur von Agnes’ Haus in Ruhe anzuschauen. Dabei fällt auf, dass Agnes’ Haus tatsächlich bewohnt aussieht, das Set-Design trägt dazu bei, dass Agnes’ Umgebung trotz konstanter Einsamkeit Wärme ausstrahlt. Eine ähnliche Wirkung haben die Schichten an Strickkleidung, die Agnes zuhause trägt und die Gemütlichkeit vermitteln, auch wenn das Innenleben von Agnes damit nicht übereinstimmt. 

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Das traumatische Erlebnis, das Agnes widerfahren ist, the bad thing” wie es benannt wird, ist die Vergewaltigung durch ihren Masterarbeitsbetreuer und Professor Preston Decker (Louis Cancelmi). Auch hier verliert Sorry, Baby nicht an Ruhe, die langen Einstellungen zwingen Zuschauer*innen dazu, mit Agnes in der Situation zu bleiben ­­– ohne, dass die Vergewaltigung explizit gezeigt wird. Stattdessen ist die Kamera auf Deckers Haus gerichtet und verweilt dort, bis Agnes wieder aus dem Haus kommt und es dunkel geworden ist. Durch Andeutungen im ersten Teil des Films und den tranceartigen Zustand, in dem Agnes nach Hause fährt, ist deutlich, was im Haus des Professors vorgefallen ist, noch bevor sie es in der darauffolgenden Szene der Freundin und Mitbewohnerin Lydie (Naomi Ackie) erzählt. Fast die gesamte Szene ist ein Close-Up von Agnes’ Gesicht, aufgrund der vielen Weitwinkel in anderen Szenen unterstreicht die Nähe Agnes’ Fassungslosigkeit und Emotionalität besonders.

Weil ich Sorry, Baby kurz nach Luca Guadagninos After the Hunt gesehen habe, fällt es mir schwer, die Filme nicht in Bezug zueinander zu setzen, zu sehr ähnelt sich die Thematik: Beide Filme spielen in einem universitären Setting, in beiden wird eine Studentin von einem an der Uni angestellten Mann vergewaltigt. Der zentrale Unterschied ist, dass Sorry, Baby keine Zweifel an Agnes’ Glaubwürdigkeit aufkommen lässt, während Maggie (Ayo Edebiri) in After the Hunt sowohl von anderen Charakteren als auch dadurch, wie sie im Film positioniert wird, als unglaubwürdig dargestellt wird. Zudem sind Agnes und der Umgang mit dem Erlebten der Schwerpunkt des Films, während Maggies emotionales Innenleben nur am Rande beleuchtet wird. Eva Victor schafft es zudem auf beeindruckende Weise, sexualisierte Gewalt und das Fehlverhalten von Arzt und der Uni treffend darzustellen und dabei trotzdem Raum für humorvolle Momente zu lassen, ohne dass die von Agnes erlebte Gewalt dadurch weniger ernst genommen wird. Dazu zählt eine Szene, in der Agnes von zwei Mitarbeiterinnen der Universität informiert wird, dass sie keine Schritte gegen den Professor unternehmen können, da er kurz vor Agnes’ Beschwerde bereits selbst gekündigt hatte und ihr die folgende, vermeintlich solidarische Botschaft mitteilen: We understand. We are women.”

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___STEADY_PAYWALL___Ein Punkt, der mir im Diskurs zu Sorry, Baby immer wieder begegnet, ist das Beschreiben des Films als Geschichte von einer Frau und/oder über eine Frau. Eva Victor verwendet they/she Pronomen und auch wenn im Film für Agnes sie/ihr Pronomen verwendet werden, gibt es diverse Hinweise darauf, dass Agnes das ihr bei der Geburt zugewiesene Geschlecht hinterfragt. Die Hinweise sind nicht implizit: Während eines Gerichtstermins muss Agnes ein Formular ausfüllen und statt Frau oder Mann anzukreuzen, zeichnet sie einen weiteren Kasten und einen Pfeil. Ich verstehe, wie es zu diesen Zuschreibungen kommt, aber diese Lesart ignoriert Agnes’ Verhältnis zu Körper und Geschlecht und beides ist ein relevanter Teil von Agnes’ Leben und dem Umgang mit sexualisierter Gewalt. Agnes’ Geschlecht ist nicht an Pronomen oder Aussehen gekoppelt oder daran, wie andere Charaktere sie sehen, dass dieser Aspekt des Filmes gerne ignoriert wird, ist leider nicht überraschend und spiegelt ziemlich treffend meine eigene Erfahrung von Geschlecht. Mir erscheinen die trans Themen in Sorry, Baby offensichtlich – einem cis Publikum eher nicht.

Auch insgesamt ist Sorry, Baby ein sehr queerer Film, dessen Queerness nicht auf das Darstellen queerer Charaktere oder Beziehungen beschränkt ist. Die nichtlineare Erzählweise funktioniert einerseits gut, um die Nichtlinearität von Trauma darzustellen, sie funktioniert aber auch als Darstellung queerer Zeiterfahrung, deren Abläufe und Rhythmen nicht mit heteronormativen Lebensabläufen übereinstimmen. Queer ist auch der Fokus auf die Freundschaft zwischen Agnes und Lydie. Diese verändert sich zwar, als Lydie nach dem Uniabschluss nach New York zieht, eine queere romantische Beziehung beginnt und schwanger wird, aber dennoch widmet Eva Victor der Darstellung von Intimität und Vertrautheit in der Freundschaft mehr Zeit als den romantischen/sexuellen Beziehungen von Agnes und Lydie, so dass diese zur zentralen Beziehung des Films wird.

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Dass Sorry, Baby beruhigend auf mich wirkt und bei mir ein Gefühl der Geborgenheit hervorruft, scheint im Gegensatz zu den im Film verhandelten Themen zu stehen. Der Grund, warum es dennoch so ist, sind die vielen greifbaren, alltäglichen Momente: Ja, Agnes ist oft einsam, aber nicht nur, es gibt zwischenmenschliche Begegnungen, die sie weiterbringen und sie findet eine Babykatze, die ihr Gesellschaft leistet. Der Arzt, der sie nach der Vergewaltigung untersucht, ist unsensibel, dafür wird Agnes von Lydie begleitet, die umso empathischer ist und sich für sie einsetzt. Mit dem Nachbarn Gavin wird Agnes vermutlich nicht die Zukunft verbringen, findet aber wieder einen Zugang zur eigenen Sexualität. All diese Momente machen Sorry, Baby so effektiv. Es geht nicht darum, die Lösung für alle Probleme zu finden und Trauma hinter sich zu lassen, sondern um die ganzen, kleinteiligen Schritte, die zwischendurch passieren und deren Wirkung in der Summe liegt.

Kinostart: 18. Dezember 2025

 

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