Die jüngste Tochter – Nadia Melliti im Interview

In Die jüngste Tochter (OT: La petite dernière) von Hafsia Herzi nach dem gleichnamigen Roman von Fatima Daas spielt Nadia Melliti die Protagonistin Fatima. Fatima lebt mit ihrer Familie in einem Pariser Vorort, sie ist gläubige Muslimin und entdeckt ihre queere Identität. In Cannes hat Nadia Melliti für ihr Spiel den Preis als Beste Schauspielerin gewonnen, Die jüngste Tochter hat außerdem die queere Palme erhalten. Filmlöwin Lea Lünenborg hat sich beim Filmfest Hamburg im Oktober mit Melliti über Frankreichs queere, muslimische Community, Casting-Herausforderungen und die Bedeutung, gesellschaftliche Grenzen zu brechen, unterhalten. 

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Lea: Nadia, du wurdest in Paris auf der Straße gecastet und hast dann auf einem der größten Filmfestivals der Welt den Preis als Beste Schauspielerin gewonnen. Was für ein Erfolg. Wie ist das passiert? 

Nadia Melliti: Ich wurde bei einem offenen Casting am Quai de la Seine in Paris entdeckt. Ich war dort mit Freund*innen, als mir die Casting-Direktorin Audrey Tunis auf den Arm tippte. Sie hat mir ein wenig von der Geschichte des Films erzählt und im Anschluss wurde ich zum Casting eingeladen. Das war eine ziemliche Herausforderung, es waren viele andere, weit erfahrenere Schauspielerinnen da. Mir hat die Herausforderung gefallen, das Kompetitive, Wettbewerbsorientierte. Ich wollte sehen, ob ich in der Lage bin, diese Erfahrung bis zum Ende durchzuziehen. Irgendwann rief man mich an und sagte mir, dass ich die Rolle bekomme. 

Die Erfahrung am Set war sehr besonders. All diese Menschen, die an einer Filmproduktion beteiligt sind, die man auf der Leinwand nicht sieht und die so sorgfältige und effiziente Arbeit leisten. Hafsia hat mir mehrere Monate nach dem Dreh am Telefon erzählt, dass wir mit dem Film nach Cannes fahren würden. Meine erste Reaktion war: „Was, wovon redest du denn?“ 

Ich war vor allem sehr glücklich, die queere Palme zu gewinnen, das war eine Möglichkeit, mich für die Unterstützung der Community zu bedanken. Wir haben viele Rückmeldungen bekommen von Menschen, die von dem Film sehr berührt waren, die sich in der Geschichte wiedererkannt haben und die uns dafür danken, dass wir den Mut hatten, dieses Thema anzusprechen. Queeres Leben ist in Frankreich kein einfaches und leicht zu behandelndes Thema, es gibt ein Tabu, und deshalb waren wir sehr glücklich über diese Welle der Positivität aus der Community.

„Mir hat die Herausforderung gefallen, das Kompetitive, Wettbewerbsorientierte.“ 

Es scheint mir, als hättest du all das erst realisiert, als der Film bereits fertig war. War es keine Belastung, eine so wichtige Rolle zu spielen, nicht nur für dich, sondern auch für die Gesellschaft? 

Nein, nicht wirklich, denn ich habe eigentlich ein Problem mit Rahmenbedingungen und Vorschriften. Ich habe es nie gemocht, wenn man mir gesagt hat, dass ich etwas nicht tun darf, weil es nur bestimmten Leuten vorbehalten ist, oder dass ich mich nicht so verhalten darf, weil die Gesellschaft mich dann anders sehen würde. Ich wollte schon als kleines Mädchen immer Fußball spielen, aber mir wurde gesagt: „Nein, das kannst du nicht, das ist etwas für Jungs.“ Damals habe ich darauf bestanden, aber es hat sich nicht viel getan, und heute sind wir noch mehr in Klischees und Stigmatisierung im Sport gefangen. Als mir die Rolle der Fatima angeboten wurde, wusste ich, dass es ein heikles Thema ist. Aber ich wollte es trotzdem machen, weil ich es nicht mag, wenn man mich einschränkt, und vor allem glaube ich, dass die Community genau das gegenüber der Gesellschaft erlebt. Unsere Gesellschaft hat einen Rahmen geschaffen, der dazu führt, dass sich die queere Community nicht entsprechend ihrem Potenzial entwickeln kann.

Ich finde das sehr schade, denn es handelt sich um Menschen, ich sehe nicht, wo das Problem liegt. Deshalb war es mir wichtig, dieses Tabu mit der Regisseurin zu brechen, die übrigens immense Recherchearbeit in Bezug auf diese Community geleistet hat. Sie ist zu Partys gegangen, hat Menschen zu ihren Erfahrungen befragt, die manchmal erzählten, dass es schrecklich war, was sie erlebt haben, und mit Menschen gesprochen, die es bis zum Alter von 45 oder sogar 50 Jahren nicht geschafft hatten, sich zu outen, und die es auch heute noch nicht ihrem Vater oder ihrer Mutter sagen, weil sie Angst haben, ihre Angehörigen zu enttäuschen, Angst, abgelehnt zu werden, weil die Gesellschaft diese Community ablehnt. Die Autorin des Buches, Fatima Daas, sagte mir, sie habe es als ihre Pflicht empfunden, dieses Buch zu schreiben, dass diese Community ans Licht gebracht werden müsse.  

„Unsere Gesellschaft hat einen Rahmen geschaffen, der dazu führt, dass sich die queere Community nicht entsprechend ihrem Potenzial entwickeln kann.“ 

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Ich hatte den Eindruck, dass es nicht nur ein Film über die queere Community ist, sondern auch ein Film über die Suche nach sich selbst, über die Suche nach Identität. 

Ja, das stimmt. Die Protagonistin Fatima sieht sich mit Klassenunterschieden in den Vororten von Paris konfrontiert. Mit ihrem Start an der Universität erlebt sie eine intellektuelle Emanzipation, eine Offenheit für Wissen und Reflexion, auch durch ihre Freund*innen, die sie über die Universität kennenlernt. Sie verliebt sich, sie macht Erfahrungen mit psychischen Erkrankungen in der Begegnung mit einer depressiven Person. Aber wenn ich sage, dass es viel um die queere Community geht, dann, weil es auf einem Werk basiert, das sich im Grunde mit dem Thema der queeren Community befasst. Das Leben nimmt also die Facetten der Community auf, aber durch die Adaption kommen andere, eher universelle Emotionen zum Vorschein. Und diese Emotionen sind genauso interessant wie die Community selbst.___STEADY_PAYWALL___ 

Es gibt die Community, die nicht sichtbar ist, und ein heterosexuelles Publikum, das sehr stigmatisierend ist, das sehr wertend ist, das uns nicht kennt. Und wenn sie diesen Film sehen, wenn sie dieser Community begegnen, können sie auch das Leiden dieser Figuren nachempfinden. Seine Religion und seine Anziehung gegenüber Frauen verleugnen zu wollen, sind meiner Meinung nach sehr schwierige Themen, schon allein als Muslimin, die sich zu Frauen hingezogen fühlt, oder auch als christliche oder jüdische Person, als gläubiger Mensch. Die Glaubenslehre steht der sexuellen Emanzipation häufig im Weg.Es gibt Szenen im Film, wie die Szene mit dem Imam, in denen die Menschen ziemlich überrascht sind von der Haltung des Imams und seiner Art, sich auszudrücken. Es ist fast komisch. Wenn man über einen Imam spricht, einen Priester, eine Person mit Autorität, hat man sofort den Eindruck: Du kommst in die Hölle, denn was du tust, ist nicht gut. Aber das ist im Film überhaupt nicht der Fall. Es gibt enorme Toleranz, sogar in der Religion, und es war wichtig, dass die Menschen das sehen und auch dieses Klischee hinter sich lassen. 

Es gibt auch Familien mit Einwanderungserfahrung wie die von Fatima, die wohlwollend und tolerant sind, in denen man viel Freude und Liebe findet. In der Buchvorlage gibt es einen Vater, der viel strenger und autoritärer ist. Die Regisseurin hat sich dafür entschieden, die Familiensituation positiver darzustellen. 

„Queeres Leben ist in Frankreich kein einfaches und leicht zu behandelndes Thema.“

Hat deine eigene Lebensgeschichte eine gewisse Rolle für die Geschichte im Film gespielt?

Als ich Hafsia traf, fragte sie mich, was ich beruflich mache, und ich erklärte ihr, dass ich Fußball spiele. Ich schickte ihr ein paar Videos und sie sagte mir: Fußball ist eine gute Idee für die Adaption. Ich war total glücklich und dachte mir: Ein Film und dazu Fußballspielen, das ist super.

Und so hat sie es entsprechend angepasst. Denn zuerst war es in der letzten Szene des Skripts kein Fußballtrikot, das die Mutter Fatima schenkt, sondern etwas ganz anderes. Aber da ich Fußball spiele, passte sie das an meinen Charakter an. 

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Das Publikum war sehr beeindruckt von deinem Schauspiel. Wie hast du es geschafft, die Figur so auf die Leinwand zu bringen, ohne Erfahrungen als Schauspielerin? 

Für mich ist meine Interpretation dem Vertrauen zu verdanken, das mir die Regisseurin entgegengebracht hat. Ich habe meinen eigenen Charakter, meine eigene Denkweise, ich weigere mich kategorisch, Teil einer Ideologie zu sein, wenn sie nicht meinen Werten entspricht. Hafsia ist mir darin ähnlich, deshalb konnte und wollte ich diesen Film machen. Dieses Vertrauen, das eine Regisseurin ihrer Schauspielerin entgegenbringt, übt Druck aus, aber einen positiven Druck, mit dem Ziel, ihren Anforderungen gerecht zu werden. So habe ich es erlebt. 

Beim Casting bin ich vielen Menschen begegnet, für die es ein Traum war, in diesem Film mitzuspielen. Ich wollte ihnen nicht respektlos gegenübertreten und ich wollte auch auf dem Set nicht unprofessionell sein. Also habe ich mir sehr schnell selbst hohe Ziele gesetzt. 

„Für mich ist meine Interpretation dem Vertrauen zu verdanken, das mir die Regisseurin entgegengebracht hat.“

Auffällig im Film sind die langen Einstellungen, die wenigen Dialoge. Der Film erzählt viel über Blicke, über Emotionen, über Körperkontakt. Gab es Szenen, in denen du echt Schwierigkeiten beim Spielen hattest?  

Die Schlussszene. Die letzte Szene zwischen Fatima und ihrer Mutter ist emotional sehr intensiv. Es fiel mir schwer, mich von den Emotionen der Figur zu lösen. Wenn mir jemand gegenübersteht, der oder die weint, nehme ich das sehr stark auf, ich bin von Natur aus sehr empathisch. Die Sequenz war nicht schwierig in der Ausführung, aber schwierig für mich in dem Sinne, dass ich den professionellen Abstand halten musste. Und ich glaube, das spürt man in der Schlussszene, weil ich eigentlich nicht aufhören kann. Auch Amina Ben Mohamed, die so gut die Rolle der Mutter verkörpert, die wenig spricht, aber schon eine mütterliche Energie ausstrahlt. Wie sie ihre Tochter unterstützt, ich finde das stark. Abgesehen davon gab es keine anderen Szenen, die mich so bewegt haben. 

Und die Szene mit Ji-Na, in der sie über ihre Depressionen spricht. Wie seid ihr damit umgegangen, habt ihr euch speziell darauf vorbereitet? 

Nein, wir haben uns nicht speziell vorbereitet. Ich studiere an der Universität unter anderem Psychologie und Soziologie, und ich weiß, dass Depressionen etwas sehr Kompliziertes sind. Manchmal passiert es uns im Leben, dass wir ein bisschen deprimiert sind oder keine Lust haben, aus dem Bett aufzustehen. Auch ich habe das schon erlebt, ich habe zwar keine Depressionen gehabt, aber manchmal habe ich ein bisschen den Blues, bin deprimiert, wie alle anderen auch. Es regnet, in Paris ist das Wetter nie gut, wir sind ziemlich deprimiert. Ich habe mir vorgestellt, dass es sehr schwierig ist. Ich habe mir gesagt, dass es für sie genauso schwierig ist wie für mich, weil es eine Phase ist, in der sie für Fatima die einzige Person ist, der sie wirklich vertraut, der sie die Wahrheit sagt. 

Fatima ist eine Figur, die sich selbst und ihrer Religion gegenüber verschlossen ist, ihrer Familie nichts erzählt, sehr einsam ist und endlich einen sicheren Ort findet, an dem sie sich wirklich befreien kann. Aber diese Tür schließt sich sofort wieder mit Ji-Nas Depression. Ich versuche, sie als eine Person zu interpretieren, die Verständnis hat, weil sie selbst Schwierigkeiten hat und deshalb die Schwierigkeiten anderer verstehen muss. Hier kommt also der humanitäre Aspekt zwischen diesen beiden Figuren zum Tragen. Es sind Figuren, deren Leben komplex ist. Für Ji-Na ist es diese Krankheit, es ist auch die Angst, sich jemandem zu öffnen. Aber diese beiden Menschen begegnen sich, und die Liebe wird diese Tür öffnen. Sie wird es beiden ermöglichen, sich zu entfalten. Für mich kam dabei die Frage auf, ob Liebe nicht die Antwort auf alles sein kann, auch auf Krankheit. 

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Du hast bereits erwähnt, dass du früher Fußball gespielt hast und ziemlich gut warst, du hast auf nationaler Ebene gespielt.  Und jetzt hast du damit aufgehört und bist Schauspielerin geworden, oder? Ist das jetzt dein Beruf? 

Nein, ich bin immer noch an der Uni. Ich habe Fußball gespielt, dann bin ich zur Uni gegangen und jetzt habe ich diesen Film gedreht. Ich lebe nach dem Motto „Carpe diem”. Ich mache mir keinen Kopf. Wenn ich morgen Sängerin werden kann, werde ich mich vielleicht für den Beruf der Sängerin interessieren, oder für den Beruf der Tänzerin… wir werden sehen. 

Vielen Dank für deine Zeit. 

Die jüngste Tochter kommt am 25. Dezember in die deutschen Kinos. 

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