Berlinale 2019: Systemsprenger

Es gibt diesen spezifischen kehligen Laut, den vor allem – aber nicht ausschließlich – Kinder von sich geben, wenn Wut und Verzweiflung in einen Tobsuchtsanfall umschlagen. Er stellt zumindest mir die Nackenhaare auf, weil ich zugleich erschüttert bin von der hörbaren Verzweiflung und gleichzeitig verängstigt durch den Kontrollverlust des Menschen vor mir. Verstörender Weise ist es ausgerechnet dieser kehlige Laut, dieses Schreien aus den tiefsten Tiefen des Körpers heraus, das durch Nora Fingscheidts Regie-Debüt Systemsprenger wie ein roter Faden hindurchzieht.

Ausgestoßen werden die Schreie von der neunjährigen Benni (Helena Zengel), die von einer betreuten Wohngruppe in die Kinder-Jugend-Psychiatrie und wieder zurück in die nächste Wohngruppe gereicht wird. Nirgendwo kann sie lange bleiben. Kaum hat sie sich eingewöhnt, führt ihr impulsiv-aggressives Verhalten zu einer erneuten Einweisung in die Klinik, worauf zwangsläufig der nächste Wohnortswechsel folgt. 37 Absagen hat die zuständige Sozialarbeiterin Frau Befané (Gabriela Maria Schmeide) erhalten. Niemand will Benni haben. Und allein in diesem Satz liegt schon der ganze Schmerz, den das kleine Mädchen* eins ums andere Mal mit aller Kraft herausschreit.

© kineo Film / Weydemann Bros. / Yunus Roy Imer

„Ein Glück habe ich keine Kinder“, würde mir wohl durch den Kopf schießen, wenn ich Benni auf der Straße begegnete. Ich wäre vollständig entnervt. Doch Regisseurin Nora Fingscheidt gelingt das Unmögliche und gewährt mir einen Blick in Bennis Lebenswelt, der mich vielleicht nicht verstehen, aber doch zumindest mitfühlen lässt. Die wacklige Handkamera und schnelle Schnitte unterstreichen in den Momenten der Eskalation, wie sehr Bennis Welt aus den Fugen gerät, dass es nichts und niemanden mehr gibt, an dem sie sich festhalten kann. Unscharfe Erinnerungsfragmente, Close Ups in schnellen Montagen und mit bedrohlicher Musikuntermalung vermitteln mir ein Gefühl des frühkindlichen Traumas, das Benni immer dann einholt, wenn eine andere Person ihr Gesicht berührt.

Und doch macht er mir Angst, dieser kleine „Kampfzwerg“, wie Schulbegleiter Micha (Albrecht Schuch) seinen Schützling liebevoll nennt. Als alle anderen schon längst aufgegeben haben, gibt er Benni noch eine Chance, an der er schließlich selbst zu zerbrechen droht. Systemsprenger widmet sich nicht nur der Perspektive Bennis, sondern auch der ihrer Betreuer_innen, gewährt Einblick in die Möglichkeiten, aber vor allem auch die Grenzen unseres Sozialsystems. Wenn Benni von einer Wohngruppe in die nächste geschoben wird, dann nicht aus bösem Willen, sondern vor allem weil sie an keinem dieser Orte die Art von Betreuung erhalten kann, die sie braucht. Das ist für alle Beteiligten schwer, aber für Benni ist es natürlich am Schlimmsten.

© kineo Film / Weydemann Bros. / Yunus Roy Imer

Nora Fingscheidt erzählt diese Geschichte schonungslos. Dazu gehört auch der Kreislauf aus Frustration und Aggression, den Benni durchläuft, wenn sie einmal mehr von ihrer Mutter (Lisa Hagmeister) zurückgewiesen wird. Und dazu gehört auch die Omnipräsenz des eingangs erwähnten kehligen Schreis. Wenn Benni ausrastet, ist das auch für uns im Kinosaal schwer zu ertragen. Schon allein aus ganz egoistischen Gründen hoffen wir, dass das endlich aufhören möge, sie und ihre Betreuer_innen endlich einen Ausweg finden. Aber so einfach ist das eben nur im Hollywoodfilm. Echte Lebensgeschichten haben mehr als drei Akte.

Knappe zwei Stunden quält uns die Regisseurin mit der Wiederkehr des ewig Gleichen, bis wir vollkommen erschöpft sind. Und das ist gut so. Ein Film wie Systemsprenger darf keinen Spaß machen. Die ausbleibende Entwicklung der Figur, die Wiederholung von Ruhephasen und erneuter Eskalation, die Frustration über diesen ewigen Kreislauf – all das gehört zu Bennis Lebenswirklichkeit, die uns Nora Fingscheidt hier vermitteln möchte.

Sechs Jahre hat die junge Filmemacherin recherchiert. Systemsprenger ist ihr erster langer Spielfilm – ein Umstand, der in Anbetracht der intensiven Inszenierung und der atemberaubenden Schauspielerinnenführung der jungen Hauptdarstellerin kaum zu glauben ist. Helene Zengel wirkt niemals wie ein Mädchen*, das so tut als sei es ein anderes, so wie es bei Kinderschauspielerinnen oft der Fall ist. Sie agiert derart überzeugend, dass sich mir die Nackenhaare aufstellten.

© kineo Film / Weydemann Bros. / Yunus Roy Imer

Warum aber widmet sich Nora Fingscheidt nicht ausschließlich der Perspektive ihrer Hauptfigur? Wieso bezieht sie auch das Erleben und Empfinden der Betreuer_innen mit ein?

Die Antwort liegt im Titel des Films. Systemsprenger ist ein in der Jugendhilfe gängiger Begriff für Kinder wie Benni, die im vorhandenen Auffangsystem keinen Platz finden können. Indem Nora Fingscheidt auch dieses System selbst mittels der erwachsenen Figuren betrachtet, nimmt sie ihre Figuren aus der Schusslinie und vermeidet die vereinfachte Unterscheidung von Täter_innen und Opfern. Wenn überhaupt sind Benni, Micha und Frau Befané alle Opfer desselben Systems – eines Systems, das sich nicht den Kindern und ihren Bedürfnissen anpasst, sondern diese in Schubladen zwingt, in die sie nicht hineinpassen. Ein System, das sich im Grunde selbst sprengt.

Innerhalb ihrer realistischen Erzählweise kann Nora Fingscheidt Benni kein Happy Ending schenken. Alles andere wäre verlogen. Und doch schenkt sie ihrer Heldin einen Moment der Hoffnung und Selbstermächtigung, einen Sprung in die Freiheit, so trügerisch er auch sein mag. Die letzte Einstellung zeigt Benni nicht als Opfer, sondern als Überlebende. Damit lässt Fingscheidt ihrer Figur jene Würde, die ihr das System immer wieder abspricht. Auf der Kinoleinwand geht das, aber – und das sagt uns das fiese Ziehen in der Magengrube beim Verlassen des Saals ganz deutlich – in der Realität hören diese Geschichten eben nicht mit einem fröhlichen Standbild auf. Wir haben schon nach zwei Stunden genug von dieser Intensität und Aussichtslosigkeit. Wie mag das nur für Kinder wie Benni sein und die Menschen, die ihnen zur Seite stehen?

Screenings bei der Berlinale 2019

Sophie Charlotte Rieger

Sophie (Charlotte Rieger) ist die Gründerin von FILMLÖWIN und arbeitet als freie Autorin und Speakerin zu den Themen Film und Feminismus.
Sophie Charlotte Rieger