Berlinale 2019: Dust

von Lea Gronenberg

Ein Foto im roten Licht der Dunkelkammer zeigt einen hockenden indischen Jungen*, der mit großen Augen in die Kamera blickt. Eine gefühlte Ewigkeit verharrt Dust zu Beginn in dieser Einstellung. Das Foto ist der Ausgangspunkt der Erkundungsreise Davids (Morten Holst) in Zentralindien. Aufgenommen wurde es von Mumtaz (Amrita Bagchi). Die romantische Beziehung der beiden, auf die Film nicht näher eingeht, hat den Deutschen so sehr prägt, dass er nach Mumtaz’ Tod eine Reise nach Indien unternimmt, um sich auf ihre Spuren zu begeben. Mumtaz ist Davids „Verbindung zur Dritten Welt“, wie es im Film heißt.

Die Regisseurin und Autorin Udita Bhargava ist in Indien geboren und erzählt in ihrem Abschlussfilm an der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF von gesellschaftlichen Konflikten in ihrem Heimatland, die in Deutschland sonst kaum thematisiert werden. Udita Bhargava nutzt David, um einem deutschen Publikum eine „Verbindung zur Dritten Welt“ zu schaffen. David ist eine Charaktermaske. Ein privilegierter, weißer Deutscher, der mit Diplomatenpass reist. Viel mehr erzählt der Film nicht über seine vermeintliche Hauptfigur.

© Philipp Meise / unafilm

David ist nicht der Held dieser Geschichte, es ist nicht seine Geschichte die erzählt wird. Vielmehr stolpert er als Fremdkörper durch Indien. Als Weißer wird er angestarrt und fotografiert, er selbst ist reserviert und scheut die Kontaktaufnahme zu anderen. Seine Suche nach dem Jungen* auf dem Foto hat er kaum durchdacht oder geplant. Ebenso wenig weiß er zunächst, was er sich von dieser Suche verspricht. David ist getrieben von Erinnerungen an Mumtaz. Da sind einerseits Erinnerungen an Berührungen in intimen Nahaufnahmen, in warmes Licht und seichte Musik getaucht, und andererseits verschwommene und geisterhafte Erinnerungen, in denen Mumtaz sich von ihm entfernt.

Die Suche führt David in den Konflikt zwischen der Regierung Indiens und maoistisch geprägten Guerilla. Die Bewegung der Naxaliten, deren Name auf das Dorf Naxalbari im Bundesstaat Westbengalen zurückgeht, besteht seit den 1960er Jahren und ist schätzungsweise in einem Drittel der indischen Bezirke aktiv. Besonders erfolgreich sind sie in Regionen ohne wirtschaftliche Entwicklungsperspektive für die ortsansässige Bevölkerung. In vielen dieser Gebiete gibt es Bodenschätze, von deren Reichtum jedoch nur Rohstoffkonzerne profitieren. Unterstützt werden die Unternehmen dabei durch eine staatliche Enteignungspolitik zur Einrichtung von Sonderwirtschaftszonen. Die Lebensgrundlage der indigenen Bevölkerung, der Adivasi, die im Kastensystem an unterster Stelle stehen, wird so zerstört. Dust zeigt die Vertreibung der Landlosen in einer Nebenhandlungslinie beispielhaft anhand von Radha (Kalyanee Mulay), die als junges Mädchen* aus ihrem Heimatdorf fliehen musste und ohne festen Wohnort umherwandert, bis sie schließlich in der Stadt Sicherheit findet. Die Naxaliten sind gut ausgerüstet und straff organisiert. Sie rekrutieren ihre teils sehr jungen Kämpfer aus den indigenen Volksgruppen. Wer sich gegen sie stellt, wird als Verräter_in dem Volksgericht vorgeführt und manchmal getötet. Krishna, der Junge* auf dem Foto, wächst in einer Truppe der Rebellen auf.

© Philipp Meise / unafilm

Das Thema ist interessant, weil die Naxaliten außerhalb Indiens und insbesondere im deutschen Diskurs weitestgehend unbeachtet sind. In der Medienberichterstattung zu Indien waren in den letzten Jahren vornehmlich Vergewaltigungen und Morde an Frauen* präsent, insbesondere wenn Touristinnen* betroffen waren, oder auch der Konflikt mit Pakistan, die Feinstaubbelastung in Großstädten, die Arbeitsbedingungen in Callcentern und Sweatshops. Doch Udita Bhargava bedient diese Stereotype nicht. Umso bedauerlicher ist, dass sich ausgerechnet in der Geschlechterfrage doch wieder gängige Klischees einschleichen. Frauen* kommen im Film nur in Nebenrollen als Geliebte, Tote, Opfer und Mutter vor. Mumtaz ist auf Davids Interesse an ihr reduziert. Radha hat im Gegensatz dazu eine Vergangenheit und auch eine Zukunft. In dieser Zukunft trägt sie ein Kind für ein weißes Paar aus, ohne das dies in irgendeiner Weise in die Handlung eingebunden wäre. Die Problematik kommerzieller Leihmutterschaft wird so lediglich gestreift.

Aufgrund der Erzählstruktur, die mit Rückblenden, Erinnerungen, sowie Einblicken in die Zukunft der Protagonist*innen spielt, werden die Zusammenhänge erst ganz zum Schluss deutlich. Die Geschichten entfalten sich langsam und bleiben in weiten Teilen nur angedeutet. Im Abspann liefert Udita Bhargava Hintergrundinformationen über den Krieg zwischen Rebellen und Regierung in Zentralindien und setzt die einzelnen Erzählstränge in den entsprechenden Kontext. Für Zuschauer_innen ohne Vorwissen wird erst hier das eigentliche Thema des Films deutlich.

© Philipp Meise / unafilm

Trotz wachsender Anteilnahme ist David Zuschauer, wobei sein Interesse diffus bleibt und immer weiter zurücktritt. Die Gewalterfahrungen von Vertreibung und dem Leben unter der Guerilla werden aus der PerspektiveBetroffener wie Radha und Krishna erzählt. Obwohl der Film von der Brutalität der Verhältnisse erzählt, interessiert er sich nicht für ihre Zurschaustellung. Die Vertreibung der Bewohnerin_innen aus dem Dorf, das Abbrennen der Hütten, der Umgang mit Verräter_innen, Todesopfer – all das ist sichtbar, aber nicht zur Unterhaltung des Kinopublikums inszeniert.

Dust ist gerade in seiner Nüchternheit eindrücklich. Gedreht wurde an Originalschauplätzen ohne Szenenbild und mit wenig Einsatz von Beleuchtung. Es gibt kaum Hintergrundmusik. Stimmungen und Emotionen der Szenen werden allein von den Darsteller_innen getragen. Neben Spielszenen fängt der Film auch Alltagsmomente und Passant_innen ein. Der Stil ist somit fast schon dokumentarisch und darin überzeugend. Udita Bhargava will, dass das Publikum genau hinsieht, und macht es ihm dabei nicht immer leicht. Dust bietet Zuschauer*innen aus einer deutschen Perspektive die Möglichkeit einer Annäherung, einer Beschäftigung mit einem Konflikt, der in Indien weiterhin tausende Todesopfer fordert.

Screenings bei der Berlinale 2019