DOK Leipzig 2019: Spuren

Zwischen 2000 und 2007 ermordete der „Nationalsozialistische Untergrund“ (NSU) zehn Menschen. Neun von ihnen waren Männer mittleren Alters mit Migrationshintergrund, die sich in Deutschland eine Existenz als Kleinunternehmer aufgebaut hatten: Enver Şimşek, Abdurrahim Özüdoğru, Süleyman Taşköprü, Habil Kılıç, Mehmet Turgut, İsmail Yaşar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubaşık, Halit Yozgat. Regisseurin Aysun Bademsoy war von der rassistischen Mordserie erschüttert: „Es hätten auch mein Vater oder meine Brüder sein können“. Der Dokumentarfilm Spuren ist für sie ein sehr persönlicher Film.

© Aysun Bademsoy

Spuren gibt den Hinterbliebenen der NSU-Opfer endlich eine Stimme. Seit der Selbstenttarnung des NSU im Jahr 2011 standen die Täter:innen im Mittelpunkt. Auch im NSU-Prozess, bei dem neben Beate Zschäpe vier weitere Personen wegen der Unterstützung einer terroristischen Organisation angeklagt waren, bekamen die Angehörigen der Opfer als Nebenkläger:innen kaum Raum. Das Urteil brachte ihnen nicht die erhoffte Erleichterung. Aufnahmen der Eltern Halit Yozgats direkt nach der Urteilsverkündung zeigen ihre Enttäuschung und Wut. Sie waren, wie Bademsoy schildert, danach nicht mehr bereit, mit irgendjemandem zu reden und zogen sich auch aus ihrem Filmprojekt zurück.

Aysun Bademsoy begleitete den Prozess, der sich über 5 Jahre hinzog, intensiv. Sie knüpfte Kontakt zu den Angehörigen, begleitet sie und baut eine Beziehung zu ihnen auf. Die Gespräche, die sie vor der Kamera mit ihnen führt, zeigen eine gewisse Vertrautheit. Bademsoy berichtet nicht einfach über die Angehörigen. Sie teilt ihre Erfahrungen als Deutsche mit Migrationshintergrund und ihre Sprache. Die Interviews führt sie auf Deutsch und Türkisch.

© Aysun Bademsoy

Im Mittelpunkt von Spuren stehen die Familien von Enver Şimşek, Mehmet Kubaşık und Süleyman Taşköprü. Bademsoy geht der Frage nach, wie die Angehörigen mit ihrem Verlust umgehen. Gemeinsam mit ihnen besucht sie Tatorte und Gedenkorte, aber auch die Orte, an denen die Opfer gelebt, gearbeitet, gefeiert haben. Die Zuschauer:innen sehen erstmalig Fotos von Personen und nicht nur Bilder von Opfern, hören Geschichten über Lieblingsfilme, Fußballclubs und Modegeschmack, erfahren von Gründen für eine Flucht nach Deutschland und das Ankommen in einer neuen Heimat. Spuren zeigt Enver Şimşek, Mehmet Kubaşık und Süleyman Taşköprü als Väter, Brüder und Ehemänner, deren Tod bis heute eine riesige Lücke hinterlassen hat.

© Aysun Bademsoy

Bademsoy gibt den Opfern ihre Persönlichkeit zurück und belebt ihr Andenken, nachdem sie – wie die Tochter Mehmet Kubaşıks beklagt – durch die Mörder und die Ermittlungen gleich zweifach ermordet und ihrer Würde beraubt wurden. Die Angehörigen berichten von Anschuldigungen gegen die Familie und das Umfeld der Opfer, von entwürdigenden Befragungen, DNA-Entnahmen und der Überwachung von Telefonen. Spuren wirft die Frage auf, inwiefern die rassistischen Morde, aber auch das Vorgehen der Behörden das Verhältnis der Angehörigen zu ihrer Heimat Deutschland beschädigt haben. Auch wenn die Antworten darauf sehr unterschiedlich ausfallen, bezieht der Film eindeutig Position: Die Angst vor Rassismus bleibt präsent.

© Aysun Bademsoy

Spuren findet einen sehr persönlichen, emotionalen Zugang zum NSU-Komplex. Indem die Aufnahmen immer wieder in Stille verharren, lässt Bademsoy viel Raum für eigene Gedanken, für die Verarbeitung und Auseinandersetzung mit der Trauer der Angehörigen. Mit ihrer Parteilichkeit für die Betroffenen füllt Bademsoy eine Lücke in der bisherigen Berichterstattung und legt damit einen Finger in die Wunde.

© Aysun Bademsoy

Ein Dokumentarfilm kann keine Gerechtigkeit herstellen, wo der Rechtsstaat versagt. Dennoch leistet Spuren einen wichtigen Beitrag, weil er den Betroffenen von Rassismus eine Stimme gibt und allen anderen einen Einblick in die Tragweite rechter Gewalt, behördlichen Verstrickungen und institutionellem Rassismus.

Ziemlich genau acht Jahre nach der Selbstenttarnung des NSU lief Spuren im November 2019 beim DOK Leipzig. Wenn er 2020 in die Kinos kommt, sollte ein Besuch des Films fest in den Schulunterricht eingeplant werden.

Kinostart: Februar 2020

Lea Gronenberg

Lea Gronenberg ist Politikwissenschaftlerin und Nerd. Filme und Serien sind für sie ein Ort der Zuflucht und zugleich ein Ort für Gesellschaftsanalyse und -kritik.
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