Interview: Aysun Bademsoy – Spuren

Aysun Bademsoy war erschüttert von der rassistischen Mordserie des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU). Sie verfolgte die Berichterstattung, die öffentlichen Auftritte der Angehörigen und den Prozess gegen Beate Zschäpe. Mit dem Symposium „Das bleibt!“ richtete sie das Augenmerk auf die Ehefrauen und Töchter der NSU-Opfer. Im Mittelpunkt ihres Dokumentarfilms Spuren stehen ebenfalls die Familien von Enver Şimşek, Mehmet Kubaşık und Süleyman Taşköprü. Filmlöwin Lea Gronenberg sprach mit der Regisseurin über die Brutalität des NSU-Komplex, das Anliegen den Opfern eine Stimme zu verleihen und ihren Dokumentarfilm, der am 13. Februar in die Kinos kommt.

© Aysun Bademsoy

FILMLÖWIN: Wie hast du die Selbstenttarnung des NSU wahrgenommen?

Aysun Bademsoy: In dem Moment als der NSU aufgeflogen ist, war das wie ein Blitz, der eingeschlagen ist. Wie kann das passieren in einem Land wie Deutschland, wo die Apparate so präzise arbeiten, wo die Kriminalbeamten dafür bekannt sind, Tatorte gut zu lesen, immer wieder nachzuhaken, zu recherchieren. Wie kann es sein, das in Deutschland 10 Menschen ermordet werden, davon neun Menschen mit Migrationshintergrund, acht davon Deutsch-Türken, ein Deutsch-Grieche und das fliegt nicht auf? Niemand hat etwas geahnt. Ich fand das so brutal. Wie kann das passieren, dass jemand so viele Menschen ermordet und niemand wirklich nachforscht?

Wann hast du entschieden, dazu einen Film zu machen?

Ich hatte Elif Kubaşık hier in Berlin gesehen. Da hat sie in einem Gemeindehaus mit ihrem Rechtsanwalt zum ersten mal in der Öffentlichkeit gesprochen und sie sagte: „Ich weiß nicht, ob ich das kann. Ich habe noch nie in der Öffentlichkeit gesprochen, aber ich werde es versuchen“ und man möge ihr verzeihen, wenn sie es doch nicht hinbekommt. Und dann hat sie angefangen zu erzählen und das war für alle im Saal als würde eine Eiseskälte durch den Raum gehen. Alle waren wieerstarrt wegen der Brutalität, mit welcher Bösartigkeit diese Familien verfolgt, diffamiert, ausgegrenzt wurden. Als ich sie da gehört habe, dachte ich mir, ich muss dazu etwas machen. Das darf nicht in Vergessenheit geraten.

© Aysun Bademsoy

Das Augenmerk richtet sich sehr stark auf die Täter.

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Du hast dann sehr intensiv das NSU-Verfahren begleitet.

Ich bin nach München gefahren und habe mir die fünfeinhalb Jahre angesehen, wie dieses Verfahren lief. Wenn ich es nicht geschafft habe, hinzugehen, habe ich mir immer die NSU-Watch Protokolle durchgelesen. Währenddessen habe ich natürlich an anderen Filmen gearbeitet. Aber es war mir so ein Bedürfnis etwas dazu zu machen. Es darf nicht unter den Tisch fallen oder unter den Teppich gekehrt werden. Man muss wissen, was Institutionen gemacht haben, was sie falsch gemacht haben.

Was hat deine Recherche während des Verfahrens ergeben?

Ich hab viel, viel recherchiert und habe dabei gemerkt, das Augenmerk richtet sich sehr stark auf die Täter. Die Familien, insbesondere Yozgats, Kubaşıks, Şimşek, haben das nicht auf sich sitzen lassen. Sie haben immer gesagt, wir wollen wissen, was hier passiert ist, wir wollen Aufklärung. Und das waren fast alles Frauen. Das fand ich wahnsinnig beeindruckend. Ich fand die viel interessanter, als die ganze Berichterstattung über Beate Zschäpe und was sie anhat oder so.

© Aysun Bademsoy

Die haben mich so gerührt, diese Menschen

Wie hast du Kontakt zu den Familien bekommen?

Ich habe zunächst die Rechtsanwälte kennengelernt. Ganz am Anfang habe ich Seda Başay-Yildiz kennengelernt, das ist die Anwältin der Familie Şimşek. Sie hat mir so viel erklärt, auch zu den juristischen Details. Auch der Rechtsanwalt der Familie Kubaşık, Sebastian Scharmer. Ich hab immer wieder nachgefragt und mich mit denen getroffen, um zu erfahren, was das jetzt für die Familien bedeutet. Mit den Rechtsanwälten habe ich abgemacht, dass ich recherchiere und wenn ich eine Richtung habe, komme ich nochmal auf sie zu. Die haben verstanden, dass es mir nur um die Perspektive dieser Familien geht und fanden das auch gut. Wir haben dann abgemacht, dass ich nach Ende des Prozesses mit den Familien Kontakt aufnehmen kann.

Familie Şimşek hat dich dann sogar zu sich in die Türkei eingeladen.

Ich bin dorthin geflogen und war mit ihnen auf dem Friedhof, ich habe mir die Bäume angeguckt, die sie gepflanzt haben. Das fand ich besonders schön, weil das so sinnbildlich ist, wenn sie sagt, den Baum zu berühren, ist so als würde sie Enver berühren. Die haben mich so gerührt, diese Menschen und ich fand das so ungerecht, was ihnen passiert ist. Das hätte ja auch uns passieren können. Es hätte auch meinen Vater oder meinen Bruder treffen können, die haben die Opfer ja willkürlich ausgesucht. Natürlich ist das nicht meine Familie, aber es ist auch meine Geschichte. Ich bin Deutsch-Türkin. Der Rassismus ist ja zu spüren.

© Aysun Bademsoy

Es ist auch meine Geschichte

Hat dich die Arbeit an diesem Thema sehr mitgenommen?

Je mehr ich recherchiert habe, umso deprimierender war das für mich. Irgendwann dachte ich echt, ich kann nicht mehr, weil du irgendwann fast eine Art Verfolgungswahn bekommst. Ich musste mich irgendwann auch bewusst davon abgrenzen und mir abends mal was Schönes vornehmen, gut essen gehen oder mit meinem Mann ans Meer fahren, weil du sonst mit der Zeit wahnsinnig wirst.

Du bist den Familien sehr nahe gekommen, da war es bestimmt nicht leicht, sich abzugrenzen.

Natürlich habe ich eine Nähe, aber auch die Distanz ihnen die Fragen zu stellen, ihnen Raum zu lassen, aber auch nachzufragen. Während ich drehe, überlege ich eigentlich immer, was will ich von diesen Menschen, wie kann ich auf sie reagieren, wie kann ich das vertiefen. Da habe ich immer auch einen Schritt zurück gemacht, mir jeden Abend das Material angesehen und überlegt, geht das in die richtige Richtung, was brauche ich noch? Wenn ich etwas nicht verstehe, dann versteht derjeniege, der das sieht, das auch nicht. Diese Distanz brauche ich, ich bin ja weiterhin Filmemacherin.

© Aysun Bademsoy

Mir geht es einfach darum, diesen Familien etwas Gutes zu tun.

Haben deine Protagonist:innen deinen Film bereits gesehen?

Ich habe denen nie etwas gezeigt. Immer wenn du Leuten etwas zeigst, gefallen die sich nicht. Ich zeige immer erst etwas, wenn der Film fertig ist. Mit der Vereinbarung und mit dem Gefühl, dass ich diese Menschen weder etwas aussetze, noch sie bloßstelle, oder ihnen etwas Schlechtes zufüge. Man muss diesen Menschen ja weiterhin gegenübertreten und vor ihnen vertreten, was man gemacht hat. Das zieht sich durch alle meine Filme. Bei dem Film über die Fußballerinnen [Nach dem Spiel] habe ich zum Beispiel Aussagen weggelassen, von denen ich wusste, dass sie für Ärger sorgen, wenn die Eltern das sehen. Ich mag Distanzlosigkeit nicht. Jeder hat seine Geheimnisse und die muss man ihm auch lassen.

Was ist dein Anliegen mit Spuren?

Mir geht es einfach darum, diesen Familien etwas Gutes zu tun. Ihnen zu sagen, ihr seid total im Recht und alles, was ihr gemacht habt, alle öffentlichen Auftritte, bewundere ich mit großer Achtung. Außerdem geht es darum, das, was diesen Familien passiert ist, allen zu zeigen. Ich wünschte mir, dieser Film würde auch in Schulklassen thematisiert werden. Ich finde die Aufklärung des NSU, muss zur politischen Bildung gehören.

Kinostart: 13. Februar 2020

Lea Gronenberg
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