ANIARA

Nachdem die Menschheit die Erde gänzlich unbewohnbar gemacht hat, bricht sie nun, in einer unbestimmten Zukunft, zur Besiedelung des Mars auf. Das titelgebende Raumschiff ANIARA ist ein Massenbeförderungsmittel, ähnlich den Luxusdampfern unserer Realität, in dem die Passagier:innen so wenig wie möglich von ihrem alltäglichen Leben vermissen sollen. Neben den herkömmlichen Möglichkeiten des Konsums bietet das Raumschiff den Passagier:innen mit der künstlichen Intelligenz MIMA eine Gelegenheit, zu ihren schönsten Erinnerungen an die Erde zurückzukehren. Geleitet von Mimaroben (Emelie Jonsson), einer jungen Frau, die für diese Position geschult ist, induziert MIMA einen virtuellen Tagtraum für ihre Nutzer:innen und lässt sie so für einige Zeit die Gegenwart vergessen. Als die ANIARA durch eine Kollision mit Weltraumschrott nicht nur aus der Bahn geworfen wird, sondern auch völlig ohne Treibstoff in die Weiten des Alls hinausschwebt, wird Mimaroben unerwartet zu einer wichtigen Persönlichkeit auf dem Raumschiff. Denn angesichts der unausweichlichen Verlorenheit im Universum wächst das Bedürfnis der Reisenden, vor der Realität zu fliehen.

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Das Raumschiff ANIARA in Aufsicht über Europa schwebend

© Meta Film Stockholm

Die Hölle, das sind die anderen

Basierend auf dem gleichnamigen Versepos ANIARA des schwedischen Nobelpreisträgers Harry Martinson aus dem Jahr 1956, entwickeln die Autor:innen und Regisseur:innen Pella Kågerman und Hugo Lilja eine niederschmetternde Zukunftsvision, in der sich fantastische Spekulation mit einem nüchternen Blick auf die Gegenwart verbindet. Ihr Beitrag zum Genre des Weltraumhorrors verzichtet auf extravagantes Design und aufwändige Tricktechnik, stattdessen entsteht hier der Schrecken durch das, was jetzt schon Wirklichkeit ist: Ressourcenknappheit, Hoffnungslosigkeit und die menschliche Natur. In Einkaufszentren und auf Kreuzfahrtschiffen gedreht, in Räumen des Konsums und der Ablenkung, liegt das Grauen von ANIARA in der Verlassenheit  der Reisenden in einem Weltall ohne wohlwollende, lenkende Macht. Hier sind die eigenen Gedanken die Monster und die Hölle besteht in der erzwungenen Gemeinschaft.

Dabei wirkt der Film beinahe dokumentarisch, durch eine statische Kameraführung, die auf dramatische Fahrten verzichtet und selbst in gefühlvollen Momenten Distanz bewahrt. Anfangs wird diese objektive Blickrichtung noch zeitweise von Mimarobens subjektiver Perspektive unterbrochen, ein effektives Mittel, um die Protagonistin zu charakterisieren und eine Einladung an das Publikum auszusprechen, sich mit ihr zu identifizieren. So zeichnet sich die zaghafte Entwicklung Mimarobens Beziehung zur Pilotin Isagel (Bianca Cruzeiro) in schüchternen, später forscheren Blickwechseln ab, bis sie sich schließlich körperlich annähern. Doch während die Figuren im Verlauf des Films und der vergehenden Jahre um einen Lebenswillen, eine Bedeutung ihres Daseins auf dem ziellos dahintreibenden Raumschiff ringen, die Mittel immer verzweifelter werden und die Hoffnung auf Erlösung spürbar schwindet, zieht sich die Perspektive des Films zunehmend auf eine Position nüchterner Beobachtung zurück. Auch die Kühle des künstlichen Lichtes, in dem die Reisenden auf der ANIARA leben, steht in der ersten Hälfte des Films im Kontrast zu den wärmeren Tönen, die die MIMA ihren Projektionen verleiht. Je weiter sich das Raumschiff aber von der Erde entfernt – und je mehr die Menschen darin räumlich wie innerlich den Halt der Zivilisation verlieren – desto mehr nimmt die Dunkelheit und Kälte überhand.

Mehrere Personen liegen mit dem Gesicht nach unten in einem gelblich beleuchteten Raum

© Meta Film Stockholm

Der Richtungslosigkeit ausgeliefert

Die Stärke von ANIARA liegt nicht in der Faszination mit den fiktiven technischen Möglichkeiten. Raumfahrt, die Besiedelung des Mars und die künstliche Intelligenz MIMA werden ohne lange Erklärungen als Gegebenheiten der Zukunft eingesetzt. Das außerordentliche Merkmal des Films ist die treffende Bestandsaufnahme, welche Bewältigungsstrategien die Menschen im Umgang mit existenziellen Fragen und Krisen an den Tag legen. Dazu gehört die Flucht in Nostalgie und Fantasie, wie die MIMA sie anbietet, ebenso wie der Pragmatismus, den Kapitän Chefone (Arvin Kananian) an den Tag legt. Doch je weniger Ergebnisse sein Aktionismus vorweisen kann, desto stärker verzerrt sich dieser zu Manipulation der Wahrheit und mörderischer Gewalt. Die Reisenden verfallen in Fatalismus und Exzesse, die einander aufschaukeln, und es entstehen mehrere Kultformen, die die körperliche Lust auf der einen und ritualisierte Hoffnungsäußerungen auf der anderen Seite zu Akten von metaphysischer Bedeutung erheben. Über allem hängt stets die Ahnung – das Wissen –, der Richtungslosigkeit des Weltraums vollständig ausgeliefert zu sein; im Kern aller Versuche, dies zu ändern oder ein Leben damit zu gestalten, liegt unausweichlich die Frage: Was gibt diesem Dasein Sinn?

Die Erkenntnis, dass die ANIARA ein Abbild unserer Welt ist, kann nicht ausbleiben, und die Parallelen zu Medien und Konsum, Politik und Religion sind eindeutig. Mit der zunehmenden Entfernung der Gesellschaftsform, wie sie die Reisenden in der Isolation entwickeln, von der Zivilisation, die wir auf der Erde in der Gegenwart kennen, verliert der Film jedoch nicht seinen Bezug zur Wirklichkeit. Im Gegenteil, je länger die Reise dauert, desto lauter werden die Zweifel, ob sich unser Dasein auf der Erde überhaupt so sehr von dem unterscheidet, was sich auf der ANIARA abspielt. Besonders das abschließende Kapitel unterstreicht mit sachlichem Realismus, wie bedrückend nah diese Allegorie an unserer Realität ist. Denn schließlich treiben auch wir auf unserem Planeten ohne Kontrolle über die Reise durch ein unendliches Universum, einzig mit der Möglichkeit, unser Leben in dieser Zeit und in diesem Raum, mit den Menschen um uns, so zu gestalten, dass es für uns einen Sinn ergibt, der gleichzeitig mit uns selbst erlischt.

Mimaroben (Emelie Jonsson) und Isagel (Bianca Cruzeiro) lächeln einander an, im Hintergrund Weltraum

© Meta Film Stockholm

Der Mensch, allein

Der hoffnungsvolle Aspekt an diesem grundsätzlich dystopischen, vielleicht sogar entmutigenden Film ist die Grundannahme, dass sich die Menschheit zum Zeitpunkt der endgültigen Klimakatastrophe nicht mehr mit Nichtigkeiten wie dem Geschlecht, der sexuellen Orientierung und der Hautfarbe aufhält. Besatzung und Passagier:innen sind in dieser Hinsicht auffallend divers, im Vergleich zu den Medienbildern, die wir aus unserer Gegenwart kennen. Die Darstellung von Sexualität in ANIARA ist freizügig, doch findet sie nicht allein um ihrer selbst willen statt, sondern um Beziehungen, seelische und gesellschaftliche Zustände zu charakterisieren. Dabei bleiben Selbst- und Fremdbezeichnungen der sexuellen Orientierung vollständig aus, was die Lesart zulässt, dass in der Zukunft Begriffe wie Homo- und Bisexualität unnötig geworden sind und Pansexualität die akzeptierte Regel darstellt. Mit den normierten Sehgewohnheiten des Publikums brechen Kågerman und Lilja darüber hinaus in bemerkenswerter Weise, indem sie Darsteller:innen mit schweren Brandnarben in Statist:innenrollen einsetzen. Als erzählerisches Mittel, um die katastrophale Erhitzung der Erdatmosphäre als Grundvoraussetzung für die Reise der ANIARA zu etablieren, ist diese Besetzungsentscheidung subtil, aber unleugbar effektiv. Und sie führt durch kalkulierte Irritation des Publikums vor Augen, wie wie sehr unsere Sehgewohnheit auf eine optische Norm geprägt ist, die unter anderem Versehrtheit ausschließt.

Insgesamt stellt ANIARA ein außergewöhnliches filmisches Erlebnis dar, das gerade in der Kargheit der visuellen Mittel die angemessene Herangehensweise an die philosophischen Fragen findet, mit denen sich die Erzählung befasst. Deren Tragweite für unsere Realität und die teilweise erschütternden Antworten, zu denen die Protagonist:innen im Film kommen, klingen nach. Der Film bietet keine einfachen oder eindeutigen Lösungen für die existenzielle Krise der Weltraumreisenden. Stattdessen führt uns ANIARA vor Augen, dass wir bei unserer Suche nach einem Sinn stets und unausweichlich auf uns selbst zurückgeworfen sind.

DVD/BD-Veröffentlichung: 13. Februar 2020

Autor

  • Leena M. Peters hat Medienwissenschaften studiert, in der Werbung gearbeitet und Kinder geboren. Vor 5 Jahren reichte das Leben ihr ein paar Zitronen, aus denen sie seitdem als freie Schreibende Limonade macht.

Leena M. Peters
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