Zu Weit Weg

Der Braunkohleabbau frisst sich durch die rheinische Landschaft und macht auch vor dem Heimatdorf des 12-jährigen Ben (Yoran Leicher) nicht Halt. Gemeinsam mit den Eltern und der älteren Schwester Isa (Julia Hirt) zieht er in einen Neubau in der nächstgrößeren Stadt. Der Schulwechsel und der Einstieg in einen anderen Sportverein fallen Ben schwerer als gedacht, er muss seinen Platz in diesem neuen Umfeld erst finden. Auch die alte Heimat kann er nicht so leicht vergessen. Dann sitzt in der Klasse plötzlich Tariq (Sobhi Awad) neben ihm, ein syrischer Junge, der ohne Familie in einem Kinderheim lebt und vom Krieg in seiner Heimat traumatisiert ist. Zu Weit Weg erzählt, wie die beiden Jungen sich gegenseitig dabei helfen, ihre Verluste zu verarbeiten.

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Zu Weit Weg: Zwei Kinder mit Fahrrädern stehen vor einer Grube des Braunkohleabbaus

© Weydemann Bros. GmbH _Monika Plura

Regisseurin Sarah Winkenstette inszeniert ihren warmherzigen Familienfilm als sommerliches Abenteuer, in dem die ländliche Region des Braunkohle-Westreviers ebenso liebevoll portraitiert wird wie die kulturelle Vielfalt der Stadt. Stets auf Augenhöhe mit ihrem jugendlichen Protagonisten Ben, zeichnet sie einfühlsam nach, wie er sich die urbane Fremde nach und nach als neue Heimat erschließt. Um seiner zunächst frustrierenden Realität zu entfliehen, sucht Ben das Dorf seiner Kindheit heimlich immer wieder auf, als einen nostalgisch verklärten Sehnsuchtsort inmitten einer kargen, verlassenen Landschaft unter strahlend blauem Sommerhimmel. Die menschenleere Stille des Ortes bevölkert er in seiner Fantasie mit den Freund:innen und Nachbar:innen seiner Kindheit, die Winkenstette wie Phantome im Bild erscheinen und wieder verschwinden lässt. Mit der zaghaft entstehenden Freundschaft zu Tariq jedoch lässt die Regisseurin den Blick des Heranwachsenden, der zunächst nach innen und in die Vergangenheit gerichtet ist, sich langsam von den eigenen Verletzungen auf eine größere Perspektive hin öffnen. Was der junge Syrer verloren hat, ist neben Bens Verlust ist im wahrsten Sinne des Wortes unbeschreiblich und bleibt konsequenterweise in den Bruchstücken skizziert, die den Jugendlichen vom Weltgeschehen erreichen. Winkenstette verzichtet dabei auf die langwierige Darlegung trockener Fakten, sie erzählt stattdessen in Mimik, Gestik und lebensnahen Dialogen von den direkten Auswirkungen politischer Ereignisse auf die Menschen. Und auf dieser Ebene, in der Begegnung und Annäherung zweier Jungen mit so unterschiedlichen Lebensgeschichten, gelingt es ihr schließlich auch glaubwürdig, die beiden mit Zuversicht und Hoffnung in die Zukunft zu entlassen, für ihre individuelle Entwicklung ebenso wie für ihre Freundschaft.

Ben und Tariq (Sobhi Awad) stehen vor einem Haus, das abgerissen wird; Tariq hat seine Hand tröstend auf Bens Schulter

© Weydemann Bros. GmbH _Monika Plura

Die authentische Sprache, der leise Humor und das empfindsame Gespür für das Gefühlsleben der jugendlichen Protagonist:innen sind entscheidende Faktoren, die das Drehbuch von Susanne Finken zur Liebenswürdigkeit von Zu Weit Weg beiträgt. Sie gestattet den beiden Jungen eine große Bandbreite zwischen der zelebrierten Coolness von Teenagern, über Schüchternheit und Trotz bis hin zu unverhohlenen Affekten wie Zuneigung, Mitgefühl und Angst. Dabei hält Finken gekonnt die Balance zwischen Emotionalität und Lässigkeit, ohne jemals in Gefühlsduselei auf der einen oder Kaltschnäuzigkeit auf der anderen abzudriften. Ein ebenso bemerkenswerter Kunstgriff der Drehbuchautorin ist es, dass sie die Parallelen zwischen den beiden Jungen und ihren Gefühlswelten zieht, jedoch niemals einen wertenden Vergleich andeutet, der etwa Bens Verlorenheit neben Tariqs Trauma für nichtig erklären würde. Sie lässt die Beziehung der beiden Jugendlichen gerade darauf aufbauen, dass sich ihre Verluste nicht beziffern lassen und sie sich dort begegnen, wo sie sich ähneln und ineinander wiedererkennen. Und auch in kleineren Details, die die Welt des Films mit Leben füllen, beweisen Finken und Winkenstette kulturelles und sozialpolitisches Feingefühl. Wie Bens Mutter versucht, es seinem neuen Freund in ihrem Haus gemütlich zu machen – sie serviert ihnen Falafel zu syrischer Musik aus dem Internet – sorgt für eine komödiantische Auflockerung zwischen sehr berührenden Szenen. Gleichzeitig ist es jedoch eine treffende Darstellung ihrer Hilflosigkeit gegenüber dem Kind, das mit einer solch traumatischen Geschichte belastet ist. Ebenso erfrischend ehrlich sind die Szenen im Fussballverein, in dem die beiden Jungen auf mehrere Menschen mit anderen kulturellen Hintergründen treffen. Deren flapsiger Umgang mit den Themen ‘Fremd-Sein’ und Integration, die für Tariq eine neue Erfahrungen darstellen, bewahren den Film vor einem Pathos, der für das Alter der Figuren und des Zielpublikums unangemessen wäre. Damit ist Diversität in Zu Weit Weg mehr als nur ein Lippenbekenntnis, das sich auf die Freundschaft der beiden Hauptfiguren beschränkt.

© Weydemann Bros. GmbH _Monika Plura

Abschließend bleibt noch die eindrucksvolle Leistung der Darstellenden zu erwähnen, denen es gelingt, nicht nur ihre Altersgruppe überzeugend zu repräsentieren, sondern auch die Erwachsenen in diese jugendliche Lebenswelt zurückzuholen. Die komplexen Gefühlsregungen ihrer Figuren bilden Yoran Leicher und Sobhi Awad unter Winkenstettes Regie eindrucksvoll ab; aber auch Julia Hirt als Bens Schwester und wichtigste Bezugsperson trägt maßgeblich zur Leichtigkeit von Zu Weit Weg bei. Das Spiel der drei Jugendlichen bleibt stets authentisch und vermeidet gleichzeitig jegliche Verniedlichung der ernsthaften und nachvollziehbaren Emotionen, die der Film behandelt. Im Gegenteil werden sich Erwachsene in den Jugendlichen, ihren Ängsten und Sehnsüchten, nostalgisch wiederfinden und hoffentlich mitfühlen, wenn hier kulturelle Unterschiede überwunden und menschliche Gemeinsamkeiten betont werden.

Zu Weit Weg ist ein deutscher Film, der sich zu den schönen und schwierigen Eigenheiten seines Herkunftslandes gleichermaßen bekennt. Gerade das macht ihn sympathisch, ja sogar wichtig, da seine zeitlose Botschaft der Freundschaft und gegenseitigen Unterstützung vor dem Hintergrund des aktuellen Zeitgeschehens wieder dringend benötigt wird. Ebenso kann das deutsche Kino weiterhin Geschichten wie diese brauchen, und Darstellende wie diese, die Hoffnung machen: Gefühlvoll, erfrischend und unverfälscht, ist dieser Film möglicherweise schon jetzt einer der schönsten Jugendfilme des Jahres 2020.

Kinostart: 12. März 2020

Autor

  • Leena M. Peters hat Medienwissenschaften studiert, in der Werbung gearbeitet und Kinder geboren. Vor 5 Jahren reichte das Leben ihr ein paar Zitronen, aus denen sie seitdem als freie Schreibende Limonade macht.

Leena M. Peters
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