Drei Kameradinnen
Mit Drei Kameradinnen verfilmt Milena Aboyan den gleichnamigen Roman von Shida Bazyar aus dem Jahr 2021. Die Freundinnen Kasih (Bayan Layla), Saya (Manal Raga a Sabit) und Hani (Brikena Ray) kennen sich bereits seit Kindertagen. Sie sind in der gleichen Wohnsiedlung aufgewachsen, zur selben Schule gegangen und finden als Erwachsene zur Hochzeitsfeier einer gemeinsamen Freundin wieder zusammen.
Aboyans Film, bei dem sie auch für das Drehbuch verantwortlich ist, beginnt mit der Verhaftung Sayas nach einem Hausbrand am Abend jener Hochzeitsfeier. Von 14 Toten und vielen Verletzten spricht eine Journalistin vor der Kamera. Anschuldigungen, Gerüchte und vorschnell gezogene Schlüsse machen schnell die Runde: War der Brand ein Unfall oder ein gezielter Anschlag? Steht Saya damit in Verbindung oder war sie nur zur falschen Zeit am falschen Ort? Hat sie sich radikalisiert? Einen islamistisch motivierten Terroranschlag begangen? Rechtsextreme, breite populistische Berichterstattung und allzu leicht überzeugbare Social-Media-Nutzer*innen sind sich einig, noch bevor es Beweise gibt, eine Gerichtsverhandlung stattgefunden oder Saya gesprochen hat. Die Öffentlichkeit hat ihr Urteil längst gefällt: Saya ist schuldig. Dass die Wahrheit eine andere sein könnte, ist für diese besonders lauten Stimmen kaum von Interesse. Aboyan nähert sich dieser Postfaktizität, indem sie ihre Figuren in einen Gegenangriff schickt, anstatt sie in diesem Lärm widerstandslos untergehen zu lassen. Drei Kameradinnen ist ein Film darüber, wie sich Frauen zwischen Ausgrenzung, Hass, Sexismus und Rassismus zurechtfinden (müssen) in einer Gesellschaft, die auf dem rechten Auge blind ist. Und die Wut auf eben diese.

© Susanne Bernhard, die film gmbh WEST
Aboyan entlässt ihr Publikum aber keineswegs nur mit einem Blick auf ein Deutschland heute. Kasih führt als Erzählerin durch die gemeinsame Geschichte der drei Freundinnen, die auch in die 1990er und 2000er zurückreicht. Und diese lässt das Publikum beim Durchbrechen der 4. Wand bereits zu Anfang wissen, dass das, was folgt, keine chronologische Erzählung sein wird. Es gibt keinen Anfang und kein Ende, wie sie es selbst formuliert. Vielmehr handelt es sich um einen Zustand, einen immer wiederkehrenden Zustand. So lässt sich Drei Kameradinnen nicht daran messen, wie lückenlos er seine Geschichte erzählt, sondern vielmehr daran, wie er diesen vernichtenden und zermürbenden Zustand greifbar macht. Und diese Latte liegt besonders hoch.
Das Gerüst von Drei Kameradinnen bildet ein Interview, das Kasih einer TV-Journalistin (Meret Becker) in einem Fernsehstudio gibt, in dem nicht nur allein wegen der intensiven roten Farbausstattung eine wenig vertrauenswürdige Stimmung herrscht. Während Fehlinformationen auf Social Media die Runde machen und Ängste schüren, tritt Kasih als Fürsprecherin Sayas auf. Was in diesem Gespräch folgt, sind Erinnerungen und Fragmente der gemeinsamen Erlebnisse der Freundinnen. Alltagsrassismus, Mobbing, sexualisierte Gewalt und Prekarität formen ihre Jugend. In ihren migrantischen und postmigrantischen Erfahrungen trifft ein Spektrum der Marginalisierungen aufeinander, das unendlich weit zu sein scheint.

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Aboyan ist erst mal nicht daran interessiert, dieses Gewirr aus jahrzehntealten Erinnerungen, jüngsten Geschehnissen und Versatzstücken zwischen Beschönigung und Selbstschutz aufzulösen. Vielmehr lässt sich Drei Kameradinnen auf dieses Labyrinth der Gedanken ein. Wie von Kasih versprochen, erzählt sie nicht chronologisch, sondern ist mal auf dem Spielplatz als Kind mit ihren Freundinnen anzutreffen, mal als Teenagerin auf einer Party, mal im Kreis der Familie. Sie erzählt in verschiedenen Versionen, auch mal aus Sicht Sayas und Hanis über Geschehnisse, bei denen sie selbst gar nicht dabei war. Mal spricht sie mit der Journalistin, mal mit dem Publikum. Aboyan ergänzt diese Vielseitigkeit des Erzählens auch visuell, indem Drei Kameradinnen neben Spielszenen auch animierte Sequenzen zeigt und Texteinblendungen ergänzt, die an Kapitel erinnern.
Und dann sind da noch Kasihs Erzählungen, die so nicht wirklich geschehen sind, aber das Herz der Zuhörenden freudig schlagen lassen und die Seele wohlig warm verpacken. Vielleicht finden Worte des radikalen Eskapismus ja eher Zuspruch. Denn es sind diese Art von Happy Ends, die das Publikum der privilegierten Dominanzgesellschaft Deutschlands hören will: Wohlfühlgeschichten über gelungene Integration, Überwindung der Prekarität und von ungleichen Bildungschancen. Es sind diese fantasierten Erfolge, die besser in das Bild eines stabilen Deutschlands passen, in dem jede Person unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Bildung und Kapital die gleichen Chancen hat. Denn wer schon von vorneherein nicht richtig hinschaut, glaubt sowieso, dass Heimatfilm-Mentalität die Realität widerspiegelt. Getrau dem Motto: Leute müssen sich einfach nur genug anstrengen, sich integrieren und anpassen, dann wird alles schon gut ausgehen.

© Susanne Bernhard, die film gmbh WEST
Die Montage von Elias Ben Engelhardt und Musik von Alexander David formen diese Fragmente von Drei Kameradinnen zu einem Thriller, in dem es keinen Stillstand und keinen Moment des Durchatmens gibt. Bayan Layla, die bereits in Aboyans Debütfilm Elaha die Hauptrolle spielte, lässt Kasih bestimmt und selbstbewusst auftreten. Weder die bohrenden Fragen der namenlosen Journalistin noch die Mühen der selbst auferlegten Aufgabe, ihre Lebensrealitäten denen näherzubringen, die bisher nicht zugehört haben, lassen sie wanken. Und während Kasih als diese entschlossene erzählerische Instanz auftritt, stellt Manal Raga a Sabit Sayas über die Zeit immer weiter angestaute Wut so nachvollziehbar dar, dass in ihrer Anwesenheit die Atmosphäre des Films zum Schneiden wird.
Zum Schluss hinterlässt Aboyans Romanverfilmung ihr Publikum mit Kasihs Worten: „Habt ihr mir geglaubt?“. Kasihs Erzählungen sind geprägt von dem Wissen, dass es nahezu egal ist, was sie über die Erfahrungen mit Alltagsrassismus in Schule, Beruf und dem Kleinen im Alltag wie beim Kauf von Geschenken für die Familie sagt. Denn es wird sowieso nur das geglaubt, was in privilegierte Weltanschauungen passt: Saya ist schuldig, weil die kurdischen Tanten beim Besuch in Deutschland Hijab tragen und daher die Familie islamistisch radikalisiert sein muss; Hani kann mit ihrer Familie in Deutschland bleiben, weil sie mit guten schulischen Leistungen positiv zum Image von Deutschland als bildungsstarkes Land beiträgt; Kasihs Worte, egal welche Erzählwege sie wählt, um den zu Anfang erwähnten wiederkehrenden Zustand für Zuhörende greifbar zu machen, können einfach nicht der Wahrheit entsprechen.

© Susanne Bernhard, die film gmbh WEST
Am Ende ist Drei Kameradinnen Anklage wie Aufforderung zugleich. Eine Anklage, dass Betroffenen nicht zugehört und nicht geglaubt wird, eine Aufforderung, auch dann zuzuhören und zu glauben, wenn es weh tut, wenn es kein Happy End gibt. Und so ist das Fazit von Aboyans Film auch recht bitter: Betroffene müssen nicht nur darum kämpfen, sprechen zu dürfen, sondern auch aushalten, dass nicht jede Person Interesse an ihren Worten zeigt oder sie verstehen will. Solidarität ist beschränkt auf private Räume. Sie zu zeigen und zu erfahren, ist mit allergrößten Mühen verbunden. Drei Kameradinnen ist ernüchternd, traurig und wütend. Aboyans Romanverfilmung legt offen, wessen Worten in einem rechten Deutschland Wert geschenkt wird, wer eher gehört wird und wer überhaupt erst gefragt wird.
Drei Kameradinnen startet am 5. November 2026 in den Kinos.
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