DOK Leipzig 2018: Highlights und Erinnerungswürdiges

Dieses Jahr war ich erstmalig beim DOK Leipzig, wenn auch nur für drei knappe Tage. Das Festival hat mir unglaublich gut gefallen, nicht nur weil ich ständig bekannte und geschätzte Gesichter traf, sondern auch weil ich das Festival als immens progressiv empfinde. Nicht nur, dass Leiterin Leena Pasanen die 50% Frauen*quote etabliert hat. Auch, dass einige Filme mit Hilfe der Apps Greta & Starks barrierefrei zugänglich sind, hat mich schwer begeistert. Für Menschen ohne eigenes Smartphone liegen sogar Telefone zur Ausleihe bereit! Dafür an dieser Stelle bitte einen großen Szenenapplaus.

Aber in drei Tagen lässt sich natürlich nicht so viel ausrichten. Und so hetzte ich von Film zu Film und kam zwischen den Screenings kaum zum Schreiben. Um trotzdem möglichst viel von meinen filmischen Erfahrungen wiederzugeben, habe ich mich bis auf zwei Ausnahmen für Kurzkritiken entschieden, die ihr hier nachlesen könnt. Und damit ihr gezielt die Texte zu für euch spannende Filme lesen könnt, hier zunächst eine kleine Auflistung mit Herkunftsland und Thema:

  • Homage an Ruth Beckermann: Die papierne Brücke und American Passages 
  • Denisa, A Story Of A Friend – Frauenportrait, Slovakei
  • No Obvious Signs – Kriegstraumata, Ukraine
  • Der zweite Anschlag – Rechtsterrorismus/Rassismus, Deutschland
  • Phoenix – Sexualisierte Gewalt, Israel

© DOK Leipzig 2018

Die Papierne Brücke

Mit Die Papierne Brücke begibt sich Ruth Beckermann auf eine geographische und emotionale Reise in die Vergangenheit ihrer jüdischen Eltern, verfolgt die Spuren der Flucht ihres Vaters von Rumänien nach Österreich, sucht den Dialog mit jüdischen Gemeinschaften und Holocaust-Überlebenden und wirft einen Blick auf den zu diesem Zeitpunkt, Mitte der 80er Jahre, aktuellen österreichischen Antisemitismus.

Ihre Perspektive ist beobachtend, die Kamera oft in Bewegung, in Straßenbahnen, Autos und Zügen – so wie auch Beckermann selbst hier immer in Bewegung ist. Frei nach dem Motto „Der Weg ist das Ziel“ geht es bei ihrer Reise nicht darum anzukommen, sondern unterwegs zu sein. Die papierne Brücke wird so zu einem sehr persönlichen Film, der spürbar von der Person Ruth Beckermann gelenkt wird. Und obwohl sogar ihre Eltern auftreten, entfaltet Die papierne Brücke doch eine allgemeine Gültigkeit. Die Themen Flucht, Vertreibung, Identität und vor allem Antisemitismus sind bedauerlicher Weise zeitlos und manche Äußerungen rechtskonservativer Bürger verursachen keine Gänsehaut, klingen sie doch im Jahr 2018 viel, viel zu vertraut. Und so bietet Die papierne Brücke trotz seiner herausfordernden, weil nicht linearen und zielgerichteten Dramaturgie, sowohl zahlreiche Anknüpfungspunkte wie auch in den poetischen Passagen einen faszinierenden Sog. So geht Dokumentarfilm für’s Kino!

American Passages

Auch in diesem Film aus dem Jahre 2011 geht Ruth Beckermann auf eine Reise. Diesmal fährt sie zur Zeit der Wirtschaftskrise durch die USA und interviewt eine Vielzahl von Protagonist_innen unterschiedlicher Klassenzugehörigkeit und Hautfarbe zum Amerikanischen Traum, ohne dass der Begriff selbst regelmäßig fallen würde. Er ist das im wahrsten Sinne des Wortes unsichtbare Band, das all diese Sequenzen verbindet.

Im Gegensatz zu Die Papierne Brücke ist American Passages kein persönlicher Film, zumindest fehlt hier die Ebene des kommentierenden Voice Over Beckermanns. Was bleibt ist eine zunächst lose scheinende Aneinanderreihung von Interviews mit weitgehend namenlosen Menschen. Weder wissen wir, wen wir vor uns haben, noch wo in den USA wir uns befinden. Grob führt der Weg von Osten nach Westen durch das Inland und endet am vielleicht amerikanischsten Ort überhaupt: Las Vegas.

Es ist schwer, die vielen kleinen Gesprächsfetzen an einem roten Faden anzuordnen – thematisch oder dramaturgisch. Doch vermutlich ist dies auch nicht Beckermanns Absicht. Dies ist ebenso wenig ein Roadtrip wie eine Erzählung, es ist ein Mosaik aus Begegnungen, das zusammengefügt ein Gesellschaftspanorama ergibt. Freilich hat es Lücken: Das Thema Obdachlosigkeit wird ebenso weitgehend ausgespart wie die Todesstrafe – zwei in meinen Augen bedeutende Elemente der US-amerikanischen Realität. Auch finden sich unter den Interviewpartner_innen zwar Afroamerikaner_innen und weiße, heterosexuelle und schwule, konservative und progressive Menschen, aber beispielsweise keine Personen mit Behinderungen und kaum Native Americans.

© DOK Leipzig 2018

Ruth Beckermann erzählte nach dem Screening, sie haben die Mehrzahl ihrer Gesprächspartner_innen nicht im Vorhinein ausgesucht, sondern auf dem Weg kennengelernt. Somit konnte sie freilich nicht darauf achten, alle Bevölkerungsgruppen gleichmäßig abzubilden.

Und vermutlich war dies auch nicht ihr Ziel. Ich will den Punkt daher nicht zu hoch hängen. American Passages erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, Beckermanns Auswahl von Menschen und Geschichten hat kein System, sondern basiert auf ihren ganz persönlichen, individuellen und oft einfach nur dem Moment geschuldeten Präferenzen. Und somit ist das Ganze dann doch wieder ein sehr persönlicher Film. Und ein sehenswerter obendrein.

© DOK Leipzig 2018

Denisa, A Story Of A Friend

„Ich will doch einfach nur Liebe“, das sagt Denisa, Protagonistin dieses Dokumentarfilms und enge Freundin der Filmemacherin Mária Brnušáková, sehnsüchtig in die Kamera. Die Zuneigung, die sie bei ihren Eltern vermisst habe, würde sie nun bei Männern* suchen, so Denisas Erklärung. Doch anders als es diese Aussage vermuten ließe, ist sie keine promiskuitive Frau*, die von einer Affäre zur nächsten hüpft. Mária Brnušáková skizziert Denisas Beziehungsleben in den vergangenen zehn Jahren und bleibt ihrer Protagonistin gegenüber dabei stets zu 100% loyal, selbst als diese Mann* und Kind verlässt.

Die schwarz-weiß Inszenierung trägt bei all dem dazu bei, dass Denisa in ihren prekären und zuweilen chaotischen Lebensverhältnissen nicht bloßgestellt wird. Auch findet Brnušáková immer wieder Kameraeinstellungen, die innere und äußere Schönheit vermitteln und die eine – in den meisten Fällen wohl klassistische – Distanz zwischen Publikum und Protagonistin schwinden lassen. Denisa, A Story Of A Friend bleibt trotzdem ein Film über eine am Leben gescheiterte Frau*, der es nicht gelingt, ihre Probleme proaktiv anzugehen, einen Weg zurück zu ihrem schmerzlich vermissten Sohn zu finden. Das bleibt der einzige Wermutstropfen in diesem sonst sehr überraschenden und berührenden wie auch ungewöhnlichen Frauen*portrait.

No Obvious Signs

Mit einer starken Bildsprache, die für uns die emotionale Welt der Protagonistin erfahrbar macht, zeichnet die ukrainische Regisseurin Alina Gorlova mit No Obvious Signes das berührende Portrait einer traumatisierten Ex-Soldatin. Im Zuge eines mehrmonatigen Reha-Aufenthalts versucht die Majorin Oksana ihre tiefe Depression zu überwinden, die vielen Bilder verstorbener Kamerad_innen zu vergessen, die in ihre Netzhaut gebrannt zu sein scheinen. Sie stimmt zu, dabei gefilmt zu werden, um die Gräuel des Krieges für ein Kinopublikum sichtbar machen.

Alina Gorlova kreiert eine große Nähe zu ihrer Protagonistin, ohne deren Leiden dabei jemals voyeuristisch auszuschlachten. Mitunter sind es poetische Bildkompositionen, die emotionale Eindrücke transportieren, ohne Oksana selbst in den Fokus zu stellen. Dann wieder nutzt Gorlova Kameraperspektive und Musikuntermalung, um ihr Publikum den Stress fühlen zu lassen, den eine einfache U Bahnfahrt für die traumatisierte Protagonistin bedeutet.

© DOK Leipzig 2018

Am Ende entlässt uns Gorlova nicht mit der Genugtuung einer Befreiung. Oksana ersteht nicht als Phoenix aus der Asche zu einem neuen, unbeschwerten Leben auf. Sie bleibt eine von Kriegserinnerungen erdrückte Person. Das Letzte was wir von ihr hören ist ein suizidales Bekenntnis: Der Tod mache ihr keine Angst mehr, denn er sei etwas Schönes.

Einerseits verweigert dieses Ende der Protagonistin ein Empowerment, andererseits unterstreicht es einen wichtigen Aspekt des Films, den der Titel bereits andeutet: Während andere Kriegsverletzungen ein Leben lang sichtbar sind, zeigen psychisch versehrte Soldat_innen „no obvious signs“. Sie sind keine Veteran_innen im eigentlichen Sinne, keine glorreichen Ex-Krieger_innen. Oksana setzt sich deshalb heute für eben jene Menschen ein, hält Kontakt zu ihren ehemaligen Kamerad_innen und ermutigt sie, das Militär zu verlassen. Am Ende ist sie also doch eine Kämpferin.

© DOK Leipzig 2018

Der zweite Anschlag

Inmitten der vielen Filme über Probleme anderer Länder stellte Der zweite Anschlag für mich ein wichtiges Korrektiv dar. Denn wir müssen wahrlich nicht über unsere Grenzen hinausblicken, um Ungerechtigkeit oder Gewalt zu finden. In ihrem betont ruhigen und reduziert inszenierten Dokumentarfilm lässt Regisseurin Mala Reinhardt Überlebende und Hinterbliebene rechtsterroristischer Gewalt in Deutschland zu Wort kommen. Sie bietet ihnen jene Bühne, die unsere Gesellschaft ihnen oft versagt, wenn in allen Bemühungen um Gedenken und Bewältigung oftmals ausgerechnet jene Menschen außen vor gelassen werden, die am stärksten betroffen sind.

Der Titel, Der zweite Anschlag, bezieht sich auf diese Reaktionen von Gesellschaft, Presse und Justiz, die auf den eigentlichen Anschlag folgen. Die Protagonist_innen des Films sind vom deutschen Staat enttäuscht, der beispielsweise lieber die Familien der NSU-Opfer in den Blick nahm, anstatt die Mordfälle als Serie zu interpretieren und aufzuklären. So kommen persönliche Schicksale und vor allem Emotionen ans Licht, aber eben auch neue Perspektiven auf Altbekanntes, über das wir viel zu selten nachdenken. Mala Reinhardt legt einen Finger auf den blinden Fleck unserer Gesellschaft.

So richtig wollte mich all dies aber leider nicht packen. Um einen möglichst umfassenden Eindruck der Thematik zu vermitteln, entscheidet sich Reinhardt gegen eine stringente Dramaturgie und für eine offenere Form, in der ich mich als Zuschauerin teilweise verloren fühlte. Die insgesamt konventionell inszenierte Mischung aus Interviewsequenzen und Aufzeichnungen von Protestveranstaltung, die ihren Blick statt auf die Vergangenheit bewusst auf die Gegenwart richtet, erreichte mich nur auf der Inhaltsebene, nicht aber emotional.

Vielleicht ist das genau der Effekt, den Mala Reinhardt erzielen wollte. Oder aber, ich bin hier im Vergleich zu anderen Dokumentarfilmen wie In Search… oder Women With Gunpowder Earrings, zu nah an meiner eigenen Lebenswirklichkeit und gehe unbewusst in eine Form der Defensive. Ein Grund mehr, über Der zweite Anschlag noch einmal intensiv nachzudenken.

© Emmanuelle Mayer

Phoenix

Wie ein Phoenix aus der Asche – so empfindet sich Ahfrahn, der Protagonist des gleichnamigen Films von der israelischen Regisseurin Anat Tel. Er ist in einer kleinen Gemeinschaft streng religiöser US-amerikanischer Immigrant_innen in Israel aufgewachsen, bei den Black Hebrew Israelites, und hat dort durch einen Freund der Familie über Jahre schwere sexualisierte Gewalt erlebt. Als erwachsener Mann* beginnt er gegen seinen Vergewaltiger vorzugehen und auch seine religiöse Community zu konfrontieren. Mit gemischtem Erfolg.

Nach M ist dies innerhalb kürzester Zeit schon der zweite Film über sexualisierte Gewalt an Jungen* in einer streng religiösen Gemeinschaft. Wieder überrascht der Film vor allem mit der Offenheit des Protagonisten, der sich mit seiner Geschichte ungemein verletzlich zeigt. Wieder stecken hinter der Kamera Frauen* – neben der Regisseurin auch Kamerafrau Emmanuelle Mayer. Ob das ein Zufall ist? Ich denke nicht.

Phoenix ist insgesamt jedoch distanzierter als M, was an der Kameraführung, aber auch dem Protagonisten selbst liegt. Ahfrahn ist wütend und die aufgestaute Aggression ist ihm körperlich anzusehen. Das macht ihn als Menschen schwerer zugänglich, obwohl wir als Zuschauer_innen stets auf seiner Seite stehen. Wie sollte es auch anders sein, in Anbetracht der schmerzhaften Ignoranz seiner Herkunftsgemeinschaft, die statt juristischer Verfolgung lieber alles Gott überlassen möchte und damit das System des Missbrauchs perpetuiert?

Dennoch ist der Film niemals anklagend, niemals verurteilend, niemals bloßstellend, sondern bleibt stets beobachtend und vor allem Ahfrahn verbunden. Die Charakteristika der Black Hebrew Israelites werden nur am Rande gestreift, im Fokus steht jedoch der Bewältigungsprozess des Protagonisten, seine Konfrontationen, Rückschläge und auch Befreiungsmomente. Am Ende rappt sich Ahfrahn den Schmerz von der Seele und seine Freunde klatschen Applaus. Genauso wie die Zuschauer_innen im Kinosaal.