FFHH 2020: Antigone

Lose angelehnt an das griechische Drama der Antigone erzählt die kanadische Regisseurin Sophie Deraspe die Geschichte einer jungen algerischen Migrantin, die für das Schicksal ihres kriminellen Bruders die eigene Freiheit und Sicherheit opfert. Lediglich lose ist die Adaption des Stoffes deshalb, da Antigone in der Version von Sophokles für die Bestattung des Bruders kämpft, während sie ihn hier quicklebendig aus dem Gefängnis befreit und dafür selbst hinter Gitter geht. Und auch abseits dieses Kernkonflikts hat Deraspe an der Vorlage einige Änderungen vorgenommen, um ihrem Film zeitgenössische Relevanz zu verleihen.

So spielt beispielsweise der Themenkomplex Flucht und Migration eine zentrale Rolle in dieser Version des klassischen Dramas. Nach dem gewaltsamen Tod ihrer Eltern ist Antigone mit den Geschwistern und ihrer Großmutter aus Algerien nach Kanada geflohen. Dort lebt die Familie nun in prekären Verhältnissen und ohne kanadische Pässe. Als Antigones Bruder Eteokles durch einen Akt rassistischer Polizeigewalt zu Tode kommt, spitzen sich die Ereignisse zu. Polyneikes, Antigones zweiter Bruder, ist Zeuge der Mordes und greift die verantwortlichen Polizist:innen an. Dafür droht ihm nun die Abschiebung nach Algerien. Eine Ungerechtigkeit, die Antigone nicht ertragen kann und deshalb zur Tat schreitet.

Sophie Deraspe inszeniert Hauptdarstellerin Nahéma Ricci von Beginn an als überaus ernste und verschlossene junge Frau. Selbst in der sich anbahnenden Liebesbeziehung mit ihrem Mitschüler Haimon sind Antigone Emotionen nur ansatzweise anzusehen. Von Anfang an wirkt sie hiermit mehr als Ikone denn als Figur aus Fleisch und Blut, ihre Geschichte parabelhaft statt aus der Realität gegriffen.

© WaZabi Films

Dem entgegen steht die wiederholte Abbildung eines überaus lebendigen Gruppenlebens, dem oft große Zärtlichkeit anhaftet: Ein Tanz in der Familie, Solidaritätsbekundungen unter den Mädchen in der Jugendstrafanstalt durch eine gemeinsame Frisur oder ein lautstarker Protest von Jugendlichen vor dem Gerichtsgebäude. Immer wieder macht Deraspe deutlich, dass es nicht um eine Märtyrerin inmitten einer feindlichen Gesellschaft geht, sondern um die Macht eben jener Gesellschaft, die allermindestens Trost und Kraft spenden kann und idealer Weise Missstände zu verändern imstande ist. In dieser Aufstellung wird sogar Haimons Vater, im Original Antigones grausamer Widersacher Kreon, zur liebevollen Vaterfigur.

Das Individuum im Verhältnis zur Gruppe ist das Kernthema dieses Films, der vielleicht am Besten als Coming of Age Geschichte zu fassen ist, also als Entwicklungsgeschichte einer jungen Frau. An dieser Stelle wird es jedoch auch problematisch: Wie im Original steht Schwester Ismene auch in diesem Film Antigone mit einer konträren Haltung gegenüber. Sie möchte sich nicht aufopfern für das Wohl des Bruders, sondern stellt ihr Wohlergehen über das der Familienehre. Die eigentlich interessante Frage bleibt in Sophie Deraspes moderner Version des griechischen Dramas leider im Ansatz stecken: Ist Ismenes Position wirklich zu verurteilen? Haben die beiden jungen Frauen nicht ein Recht auf ein erfülltes Leben? Müssen sie für die Sünden ihrer Brüder büßen beziehungsweise deren Leid nicht nur mittragen, sonder gar miterleben, oder ist es nicht vollkommen legitim, ja vielleicht im besten Sinne emanzipiert, sich davon freizumachen und einen selbstbestimmten Weg zu gehen?

Denn Deraspes Antigone erzählt Eteokles und Polyneikes sehr klar als Kriminelle, Polyneikes gar als verantwortungslos und damit letztlich schuldig an Antigones Untergang. Dennoch lässt die Filmautorin ihre Heldin zu keinem Zeitpunkt an der Verantwortlichkeit für ihre Familie zweifeln. Statt die Verbrechen ihrer Brüder auch nur im Ansatz als solche zu problematisieren, spricht Antigone sie mit Rückgriff auf die traumatische Kindheit im Krieg quasi aller Sünde frei. Sicherlich ist es wichtig, beim Blick auf Kriminalität von Personen mit Migrations- und Fluchtgeschichte auch nach ihren Lebensumständen und -geschichten zu fragen. Doch bleibt die Perspektive der Heldin und somit auch des Films hier recht eindimensional: Eteokles und Polyneikes wirken vornehmlich wie reine Opfer ihrer Umstände, nicht jedoch wie verantwortliche, und damit ja auch mündige Akteure.

© WaZabi Films

Antigone bleibt als Film nicht nur an dieser Stelle zu sehr an der Oberfläche. Auch die Verhandlung von Rassismus und Klassismus bleibt im Ansatz stecken. Einerseits thematisiert Sophie Deraspe durch den Mord an Polyneikes unmissverständlich rassistische Strukturen in ihrem Land. Auch kolonialistische Aspekte spielen eine Rolle, wenn sich beispielsweise Antigones Großmutter erstaunt darüber zeigt, dass auch Kanada über eine Kultur der Dichtkunst verfüge  – eine Anspielung auf die europäische bzw. nordamerikanische Kulturarroganz, in der Welt der Kunst auf ewig das Maß aller Dinge zu sein. Nur drängt sich dann natürlich die Frage auf, warum als narrativer Rahmen für diese Kritik kolonialistischer und rassistischer Strukturen ausgerechnet ein klassisches griechisches Drama gewählt wird. Nicht zuletzt kann auch die Gegenüberstellung von Antigones prekären Lebensverhältnissen als migrantische Person und der durch Haimon repräsentierten weißen Oberschicht über den nicht ganz unproblematischen Kontrast hinaus keine weiterführende Aussage treffen.

Lediglich lose verknüpft wirken auch die stilistischen Ausflüge in die Jugendkultur, mit Rap untermalte Montagen im YouTube-Stil, die die ansonsten realistische und naturalistische Inszenierung durchbrechen. Auch diese Passagen deuten darauf hin, dass Antigone am ehesten als Jugendfilm und Coming of Age Geschichte gelesen werden will, in der es um die Ermächtigung der jungen Generation gegenüber Autoritäten geht und die bestimmte Themenkomplexe ansprechen, aber nicht in der Tiefe verhandeln möchte.

Antigone inszeniert sich bewusst als Internetstar, der mit griffigen Slogans die adoleszenten Massen mobilisiert. Wenn die Angeklagte mit Sätzen wie „Das ist mein Leben“ im Gerichtssaal ihre Unabhängigkeit proklamiert, dann geht es aber eben nicht um ein feministisches Ansinnen, nicht um die Infragestellung ihrer Rolle und Verantwortlichkeit als Frau und Stimme der Vernunft ihrer Familie, sondern um den Kampf eines jungen Menschen um Selbstbestimmung in einer als ungerecht empfundenen Welt der Erwachsenen. Nur mit dieser Interpretation im Hinterkopf ist es vielleicht zu verzeihen, dass auch Sophie Deraspe wie einst Sophokles Antigone ins Verderben schickt, ihr keinen Befreiungsschlag von der Bürde der Verantwortung für verantwortungslose Männer erlaubt und damit die zweifelhafte Botschaft sendet, dass junge Frauen doch eben in erster Linie ihrer Familie und Tradition und dann erst sich selbst verpflichtet sind.

Autor

  • Sophie (Charlotte Rieger) ist die Gründerin von FILMLÖWIN und arbeitet als freie Autorin und Speakerin zu den Themen Film und Feminismus.

Sophie Charlotte Rieger
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