Drei Gedanken zu: Jean Seberg – Against all Enemies

Der Name der US-amerikanischen Schauspielerin Jean Seberg ist den meisten durch ihre Rolle in Außer Atem vertraut. Doch was sich in den 1960ern zwischen dem Nouvelle Vague Star und dem FBI zutrug, das ihr privates Leben zwischen Frankreich und den USA zunehmend zerrüttete, ist vielleicht schon weniger Zuseher:innen bekannt. Der Film Jean Seberg – Against all Enemies erzählt diesen Teil ihres Lebens, der verstrickt ist mit Sebergs persönlicher Beziehung zum afroamerikanischen Aktivisten Hakim Jamal (Anthony Mackie).

Der folgende Text bespricht Teile des Films, die Inhalte vorweg nehmen, um einige Aspekte der Inszenierung analysieren zu können – also Vorsicht: Spoiler.

Jean Seberg betrachtet sich im Spiegel.

© 2019 PROKINO Filmverleih GmbH

Wir haben es mit einer Story zu tun, die auf wahren Begebenheiten beruht – es ist belegt, dass Jean Seberg in den 1960ern zur Zielscheibe einer illegalen FBI Operation namens COUNTERPRO wurde, da sie an Bürger:innenrechtsbewegungen spendete. Zudem lassen die Umstände ihres Todes einen Suizid vermuten. Doch worauf es im Zuge der folgenden Analyse ankommt, ist die Frage, welche Figuren in der filmischen Aufarbeitung dieser Geschichte eine Stimme erhalten sowie aus wessen Perspektive der Film erzählt. Denn die Übersetzung einer wahren Geschichte in filmische Fiktion geschieht stets über zahlreiche bewusste Entscheidungen der Filmemacher:innen, die kritisch beäugt und hinterfragt werden müssen.
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Männlicher Blick statt Innenperspektive

Jean Seberg (Kristen Stewart) repräsentiert die gefeierte Ikone der Nouvelle Vague, die nicht nur wegen ihres Aussehens beachtet werden möchte, sondern auch politisch etwas bewegen will. Jean tritt als selbstbestimmte Frau auf, die in ihrer Ehe auf Augenhöhe lebt und im Kino mehr als stereotype Frauenrollen verkörpern möchte. Das bringt der Film in einer der ersten Szenen klar zum Ausdruck. Die Dialoge Jeans mit ihrem Manager zu diesem Thema wirken aber aufgesetzt, was sogleich den Verdacht einer recht eindimensionalen Charakterzeichnung aufkeimen lässt. 

FBI-Agent betrachtet ein Foto von Jean Seberg

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Nach dem ersten Drittel erhärtet sich dieser Verdacht dann auch deutlich, wenn sich die Richtung des Plots herauskristallisiert: Der Fokus liegt auf Jeans psychischem Untergang. Anfangs scheint der Film noch aus Jeans Perspektive zu erzählen, der zweite Erzählstrang macht dann aber klar, wessen Sichtweise die Geschichte tatsächlich vorrangig einnimmt: Jean gelangt ins Visier korrupter FBI-Agenten, die sie während des Großteils des Plots voyeuristisch verfolgen und schließlich emotional an ihre Grenze bringen. Blicke durch Fotokameras, durch den verspiegelten FBI-Wagen sowie das Belauschen durch Wanzen lassen sie als Spielobjekt dieser machtgierigen Männer erscheinen. Als Zuschauer:innen begeben wir uns durch den Kamerablick zwangsläufig auch selbst in die klassische voyeuristische Position weißer cis Männer.

Der (Film-)Blick auf Jean wird so zu einem Blick von Außen – zu dem Blick, den FBI-Agent Jack (Jack O’Connell) durch seine Überwachungsgeräte und wir als Zuschauer:innen durch das Kamerabild einnehmen. Zwar fokussiert ein Teil des Films scheinbar Jeans Erlebnis der Ereignisse, doch geht dieser nicht genug in die Tiefe, um dem Publikum die Figur wirklich nahe zu bringen.  Eine eingehendere Perspektivübernahme der Protagonistin muss so Szenen weichen wie jener, in der Jack zwei Passantinnen dabei beobachtet, wie sie sich im Fenster des Überwachungswagens schminken. Das Publikum teilt also in Wahrheit kaum Jeans Blick, ganz anders als es sich Regisseur Benedict Andrews laut Pressestatement eigentlich vorgenommen hatte: Dessen Ziel sei es gewesen Jean Sebergs „subjektives Erleben nachzuempfinden“. So geht subjektives Empfinden?

Jean Seberg und Hakim Jamal

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Die Handlung konzentriert sich im weiteren Verlauf zunehmend auf Jeans Untergang. Ihre aktivistische Entschlossenheit vom Anfang des Films wird später nicht mehr thematisiert, verpufft in Floskeln und ihrer beendeten Affäre mit Hakim, dem sie bis dahin noch Schecks für die Black Power-Bewegung ausgestellt hatte. Der Protagonistin fehlt es an Tiefe. Ihre Inszenierung als Star und ihre charakterliche Entschlossenheit dienen lediglich als Fallhöhe, die ihren Absturz in Folge der FBI Manöver ermöglicht. 

Wenn es den Filmemacher:innen darum ginge, sensibel die Erfahrungen der Person Jean Seberg zu erzählen, hätten Regie und Drehbuch (Jean Shrapnel und Anna Waterhouse) von Innen heraus mehr auf Jean fokussieren und auf Jacks Erzählstrang verzichten müssen – und vielleicht auch auf die wiederholte Inszenierung Stewarts nackter Brüste.

Der FBI-Typ meint es ja nur gut!

Neben der Geschichte der Titelfigur, erzählt Jean Seberg  auch die Geschichte von Jack, der gerade frisch vom FBI angeheuert wurde. Er bekommt den Auftrag, Jean Seberg zu überwachen und findet sich zunehmend im moralischen Zwiespalt im Angesicht der Skrupellosigkeit der Operation und seiner Kollegen. Wir haben es mit einem klassischen, guten amerikanischen Helden zu tun, dem sein Sinn für Gerechtigkeit und Anstand anzusehen ist, sodass er Sympathien auf sich zieht und am Ende selbst als Mittäter noch die Herzen erwärmt. Weil er sich ja an anderer Stelle moralisch und lieb gezeigt hat, erhält er für seine Taten schließlich den moralischen Freipass.

Jack liest Zeitung, seine Frau küsst ihn auf den Kopf.

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Die wesentliche Frage, die diesen Erzählstrang betrifft, ist aber: Warum erzählt der Film die Story auch aus seiner Perspektive? Es spricht mehr dagegen als dafür, doch das Standardrezept einer patriarchalen Erzählkultur ist zu verlockend: Jean Seberg ist ein Spionagethriller über die weiße Frau, die von weißen Männern verfolgt und beobachtet wird. Doch um die Überwachung Jeans durch das FBI zu erzählen sind Szenen wie jene, in der Jack Jean aus dem Hinterhalt fotografiert, ebenso unnötig wie die nostalgische Bewunderung des Polizisten für Captain America Comics. Haben weiße, wohlständige FBI-Agenten nicht schon genug Präsenz auf unseren Bildschirmen und Leinwänden? Wenn schon ein zweiter Erzählstrang – wäre es dann nicht viel interessanter gewesen, inhaltlich und emotional mehr über den Black Panther-Aktivisten Hakim Jamal zu erfahren oder über seine Frau?

Diversität ist kein Zuckerstreußel

In den engeren Blick des FBI gelangt Jean Seberg erst durch ihr Verhältnis mit dem Black Power-Aktivisten Hakim Jamal, der den Herren der alten Ordnung natürlich ein Dorn im Auge ist. Die eindimensionale Figur des Hakim dient vorrangig als Katalysator für die dramaturgischen Plotpoints, die zum Untergang Jeans hinführen. Obwohl in den ersten Minuten dokumentarische Aufnahmen von Black Panther-Aktivist:innen einen verhältnismäßig großen Raum einnehmen, dienen die meisten Schwarzen Charaktere lediglich als Statist:innen und Randfiguren. Es scheint, als sei der Black Panther-Teil der Erzählung lediglich eine zeitgeschichtliche Schablone und als erfüllten emanzipatorische sowie gesellschaftskritische Aussagen Jeans oder Hakims lediglich ein Story-Punkteprogramm. Die formulierte Kritik an Machtverhältnissen und Diskriminierungsformen jedenfalls wird nicht Teil der Geschichte, sondern ist über die aus weißer, männlicher Perspektive konstruierte Handlung lediglich drübergestreut wie bunte Streusel auf einen nach Rezept gefertigten Kuchen.

Platz für LGBTQI+ Charaktere, ältere Menschen oder disabled persons schienen die Filmemacher:innen ebenso nicht machen zu wollen, die einzige hispanische Person ist Jean Sebergs Bedienstete, die für ein paar Sekunden auftauchen und einmal „Señora!” rufen darf. Das müsste eine US-amerikanische Produktion aus dem Jahr 2019 doch besser können. 

Kirsten Stewart und Regisseur Benedict Andrews.

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Die mangelnde Diversität in Jean Seberg zeigt sich auch durch die Auswahl thematisierter feministischer Anliegen. Diese beschränken sich nämlich auf die Karriereschwierigkeiten weißer Mittelschichtsmütter, die sich  auf der Gartenparty von Jacks Kollegen versammeln. Doch wie steht es um Schwarze Frauen, wie etwa Hakims Partnerin Dorothy (Zazie Beetz)? Welchen intersektionalen Diskriminierungsformen ist sie ausgesetzt? Eine Szene mit ihr und um ihr Leben herum hätte den Film um eine Perspektive über einen weißen, wohlständigen Feminismus hinaus erweitern können. 

Zugute zu halten ist dem Film trotz zahlreicher Kritikpunkte, dass er Jeans Position weißer Privilegiertheit und der zweischneidigen Problematik ihres Einsatzes für die Black Power-Bewegung durchaus Dialogteile widmet: Denn sie schwankt zwischen White Saviorism und dem durchaus produktiven Nutzen ihrer Publikumsreichweite für gesellschaftspolitischen Aktivismus. Dies formuliert auch Dorothy Jamal in Reaktion auf Jeans Hilfsangebote: “Das macht dich nicht zu einem besseren Menschen, sondern zu einer Touristin.” Dennoch bleibt der Film bezüglich dieser Problematik recht distanziert. Das Fehlen eines tieferen rassismuskritischen Verständnisses für diese Zusammenhänge ist deutlich spürbar. Manch (sozial-)romantisierende Aussage, wie „Wenn Menschen sich verlieben, sind sie farbenblind.“ (Jean) stammen allzu offensichtlich aus der Feder weißer Drehbuchautor:innen. Ein Blick auf die Stabsliste bestätigt dann auch den Verdacht: In den Schlüsselpositionen befindet sich keine Person of Colour. Und das bei diesem Thema? Es bleibt viel Luft nach oben.

Kinostart: 17. September 2020

Bianca J. Rauch