FILMLÖWINkino: Generation Zukunft – Interview mit Monica Koshka-Stein

Monica Koshka-Stein realisiert neben der künstlerischen Leitung des Internationalen Kurzfilmfestivals für Kinder und Jugendliche in Berlin – kurz: KUKI – jährlich den im Rahmen des Festivals stattfindenden Girls* Riot Workshop. Für diesen stellt eine Gruppe junger Frauen zwischen 15 und 17 Jahren aus einer Vorauswahl ein eigenes Kurzfilmprogramm für die jeweilige Festivalausgabe zusammen. Das Programm aus dem vergangenen Jahrgang, also 2019, ist nun noch einmal am 26. September 2020 im Rahmen von FILMLÖWINkino zu sehen.

Monica Koshka-Stein

© Patrick Thülig

FILMLÖWIN Bianca J. Rauch hat mit Monica Koshka-Stein über den Girls* Riot Workshop, feministische Anliegen einer “Generation Zukunft” sowie über gesellschaftspolitische Potenziale des Kurzfilms gesprochen.

Coole Filme über Menstruation und Masturbation

Bianca: Für das FILMLÖWINkino präsentierst du mit Teilnehmerinnen des Girls* Riot Workshops aus dem vergangenen Jahr noch einmal eure Kurzfilmauswahl. Wie genau läuft die Zusammenstellung des Programms eigentlich ab?___STEADY_PAYWALL___

Monica: Wir gestalten den Vorauswahl-Pool immer so vielfältig und international wie möglich. Wir hatten ca. 25 Filme mit verschiedenen Themen, Genres, Formen, Stilen, es gab Animations-, Dokumentar- , Experimentalfilme und Fiktionales. Die Basis bildeten die Einreichungen zu den Festivals interfilm Berlin & KUKI und unsere Recherchen über Plattformen anderer Festivals und Filminstitute.

Nach Abschluss eines Workshops fragen wir außerdem die Girls* Riot-Kuratorinnen, welche Themen ihnen in unserem Vorauswahl-Pool gefehlt haben, um dann im nächsten Jahr solche Filme aufzuspüren. Nach unserer ersten Ausgabe zum Beispiel sagten die Mädchen, sie hätten sich coole Filme über Menstruation und Masturbation gewünscht. Damals, vor drei Jahren, hatten wir noch keine geeigneten Kurzfilme zu diesen Themen gesehen. Und jetzt strömen sie herein! Das ist so wunderbar zu sehen!

Haben die Teilnehmerinnen noch andere Themen aufgeworfen, die du als feministische Themen der “Generation Zukunft” betrachten würdest?

Oh Gott, ja! Wir Oldies im KUKI-Team lernen SO viel von den GR-Mädchen! Viele von ihnen sind entwaffnend, inspirierend selbstbewusst und entspannt in Bezug auf Körperbild und Sexualität. Sie feiern die authentische und unapologetische Darstellung aller möglichen Themen von lesbischer Liebe und Sexualität über Körperbilder bis hin zu Essstörungen und Missbrauch. Wenn ich es auf nur eine Idee eingrenzen könnte, dann würde ich sagen, diese aufstrebende Generation von Feministinnen hat viel weniger die Tendenz sich zu entschuldigen als wir damals.

© Silke Mayer

Eine weitere offensichtliche positive Entwicklung ist, wie diese Generation sich eines größeren Zusammenhangs bewusst ist und wie hungrig sie danach ist, ihn zu verstehen. Sie beschäftigen sich z.B. mit der Frage danach, welche Rolle der Kapitalismus beim Festhalten an patriarchalen Unterdrückungsstrukturen spielt. Zumindest die jungen Frauen, mit denen wir in Berlin gearbeitet haben, sind mehr mit dem Konzept einer globalen Schwesternschaft verbunden als die Generationen von Feministinnen vor ihnen. 

Eine sehr erfreuliche und äußerst therapeutische Entwicklung, die ich im Alter von 51 Jahren beobachten kann, ist zudem, wie diese jungen Frauen Diktate über das Aussehen von Feministinnen verweigern. Alles ist möglich! Körperbehaarung, keine Körperbehaarung, Make-up, schick, schlampig, jungenhaft, glamourös, sportlich, nerdy. Ich finde es total befreiend zu sehen, dass das Körpergewicht keine entscheidende Rolle dabei spielt, wie freizügig oder extravagant sie sich kleiden. 

Kamen während der Workshops auch feministische Themen auf, die deiner Meinung nach schon lange präsent sind?

Tragischerweise betrifft dies die meisten der Hauptthemen. Gerade in diesem Jahr diskutierte die GR-Gruppe über ihre Erfahrungen mit gruseligen Lehrern in der Schule und darüber, dass es an jeder Schule mindestens ein oder zwei männliche Lehrer zu geben scheint, die mit zu intensiven Berührungen und unangebrachten Bemerkungen Grenzen überschreiten, und dass die Betroffenen, selbst wenn sie mutig genug sind, Unterstützung bei Schulberater:innen zu suchen, ermutigt werden, das Ganze einfach zu ignorieren und sich nicht weiter damit zu beschäftigen. Und das in Berlin im Jahr 2020!

Andere offensichtlich brennende Fragen, die seit Generationen zu stagnieren schienen, sind natürlich die Gefahren des nächtlichen Alleinseins, ob Frauen Vergewaltigungen durch provokantes Anziehen fördern, ungleiche Bezahlung, Hausarbeit… Die Liste scheint in der Tat endlos zu sein. Es liegt noch so viel Arbeit vor uns. 

Jüngere Frauen können durch soziale Medien auch befreit werden

© Silke Mayer

Wie denkst du über die Beziehung einer jungen Generation zu (Film-)Bildern? Schließlich sind sie von klein auf ständig mit Medien konfrontiert. Erlangen sie dadurch eher eine kritische Wahrnehmung oder lastet der Druck dieser Bilder auf den jungen Frauen viel stärker als zuvor?

Beides ist wahr. Sie sind sich offensichtlich der Bildmanipulation viel bewusster als wir, und ja, sie sind oft mit narzisstischen Selbstdarstellungen in Reality-TV-Formaten und sozialen Medien aufgewachsen. Aber jüngere Frauen können durch soziale Medien auch befreit werden. Körperpositivität auf Instagram ist eine mächtige und sehr hippe Sache. Erstaunlicherweise bewegen sie sich den ganzen Tag lang zwischen dem Konsum der größten Extreme der Schönheitsideale und ihrer Antithese – paradox. Wohin das führen wird, wird interessant zu sehen sein. Wir stehen noch ganz am Anfang eines längeren Prozesses. [Anm. d. Red: Zu genau diesem Thema hält FILMLÖWINkino eine weitere Veranstaltung para: “Instafeminismus” – am 15. Oktober 2020 im Kino Wolf]

Worin siehst du die Potenziale des Formats Kurzfilm – gerade was gesellschaftspolitische Themen und deren Reflexion anbelangt?

Positive gesellschaftliche Entwicklungen wie Body Positivity sind fast nur auf Instagram, in der Popmusikwelt und bis zu einem gewissen Grad und in der Zeitschrift Missy zu finden. Werbung, Filme und Serien brauchen waaaaaaaay zu lange, um aufzuholen. Und hier kommt der Kurzfilm ins Spiel. Er ist ein viel unmittelbareres Medium. Er ist billiger und schneller zu produzieren als eine Serie oder ein Spielfilm, und im Allgemeinen wird er meist gemacht, weil die Filmemacher:innen etwas Dringendes mitzuteilen oder zu erforschen haben.

Schwesternschaft, Gemeinschaft und Ermächtigung

© Silke Mayer

Angesichts der großen Vielfalt an Themen: War es ein schwieriger Prozess, sich als Workshop-Gruppe auf eine Auswahl zu einigen?

Zu Beginn jedes Workshops legen wir sehr strenge Richtlinien über Vertrauen und Respekt fest, über den Versuch, offen und neugierig auf die Meinungen anderer zuzugehen. Der Workshops soll zu einem vertraulichen Raum werden, in dem Ideen und Probleme gemeinsam erkundet und gelöst werden können. Keine Tabus. Kein Spott. Keine Arroganz. Und was bei Girls* Riot passiert, bleibt bei Girls* Riot!  In einer solchen Atmosphäre zu arbeiten, macht den Entscheidungsprozess unendlich einfacher, denn dann geht es bei der endgültigen Filmauswahl nicht um individuelle Egos, sondern um Schwesternschaft, Gemeinschaft und Ermächtigung. Aber natürlich gibt es immer noch schwierige Entscheidungen und Opfer, die jede:r Kurator:in in einer Gruppenarbeit bringen muss. Aber bis jetzt konnten alle am Ende ihrer Arbeit hinter ihrem Programm stehen. Und das ist wichtig, denn sie präsentieren es, und es repräsentiert sie.

Einen sicheren Vertrauenskreis für junge Frauen zu schaffen, in dem es buchstäblich keine Tabus gibt, war sicher die aufregendste Errungenschaft in meinem Arbeitsleben. Denn das ist im Grunde alles, was man braucht, um zu beginnen, Dinge zu verändern und zu verstehen.

Wird es noch weitere Ausgaben des Workshops geben?

Der Girls* Riot wird auch im nächsten Jahr weitergehen. Das Bedürfnis danach ist zu stark, um jetzt aufzugeben. Wir hatten bisher das Glück, von den innovativen Entscheidungsträger:innen des Deutschen Kinderhilfswerks Mittel für diesen Workshop zu erhalten. Hoffen wir, dass er weitergeht! Aber wenn nicht, werde ich einfach einen anderen Weg finden müssen, ihn zu finanzieren.

Dieses Jahr fand der dritte Girls* Riot Workshop statt und die Mädchen haben noch zwei Module zu absolvieren: ein Moderationstraining mit einem professionellen Coach im Oktober und dann die Präsentation der Premiere ihres Programms während der Festivals interfilm Berlin (10. – 15. November) & KUKI (08. – 20. November).

Viel Erfolg dabei und danke für das inspirierende Gespräch!

Autor

  • Bianca J. Rauch macht gerade ihren PHD in Filmwissenschaft und arbeitet nebenbei hinter der Kamera - beim Film und als Fotografin. Sie lebt zwar in Wien, treibt sich aber am liebsten auf Filmfestivals in aller Welt herum.

Bianca Jasmina Rauch
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