Berlinale 2020: The Roads Not Taken

„Redet doch nicht über Dad, als wäre er nicht hier!“ mit diesem Satz kämpft Molly um Respekt für ihren Vater Leo. Aber ist er wirklich hier? Und wo ist dieses „hier“ eigentlich?

In ihrem neuen Film The Roads Not Taken erzählt Regisseurin Sally Potter einen Tag im Leben von Vater und Tochter. Molly (Elle Fanning) ist bereits erwachsen und tritt als Journalistin in die Fußstapfen von Leo (Javier Bardem), der einst als Autor gearbeitet hat. Einst, denn nun fällt es Leo schwer am täglichen Leben teilzunehmen. Seine Motorik ist stark eingeschränkt, das Sprechen fällt ihm schwer und zudem kann er die Realität kaum von seinen Vorstellungswelten unterscheiden. Warum dies so ist, erzählt uns Sally Potter nicht und es ist im Grunde auch vollkommen nebensächlich. Fakt ist, dass Leos Alltag durch beträchtliche Hürden gekennzeichnet ist und Menschen wie Molly, die ihm dabei zur Seite stehen, an ihre Belastungsgrenze geraten. Es ist dieser letztere Aspekt, der sich für das Gesamtkonzept von The Roads Not Taken allerdings als problematisch erweist.

Molly und Leo sitzen auf der Rückbank eines Taxis. Leo hat die Augen geschlossen und lehnt an Mollys Schulter. Sie sieht besorgt aus.

© Adventure Pictures

Einerseits erzählt Sally Potter mit den insgesamt drei Handlungssträngen sowohl die Realitätsebene wie auch zwei von Leos Vorstellungswelten, die keine Erinnerungen darstellen, sondern alternative Szenarien der Gegenwart, die titelgebenden Roads Not Taken. Für Leo haben sie alle denselben Wahrheitswert, er kann (oder will?) nicht zwischen ihnen unterscheiden, und so kommt es immer wieder zu Überlagerungen und fließenden Übergängen der verschiedenen Narrative. Während er mit Molly durch New York zum Zahn- und Augenarzt fährt und wegen eines Unfalls im Krankenhaus landet, sucht er als Schriftsteller im griechischen Exil in einer jungen Touristin (Milena Tscharntke) nach Ersatz für seine verlorene Tochter und weint mit seiner mexikanischen Ehefrau Dolores (Selma Hayek) am Grab des gemeinsamen Sohnes.

Die dramaturgische Struktur also orientiert sich an Leos Erleben, doch Sally Potter bleibt dieser Perspektive nicht treu, sondern widmet sich auch Mollys Herausforderungen, ihrem Jonglieren mit Sorge- und Lohnarbeit und dem moralischen Konflikt, wie weit sie sich aufzuopfern bereit ist. Damit aber macht The Roads Not Taken ein thematisches Fass auf, dem der Film nicht gerecht werden kann. Es ist die eine Frage, wie Leo mit seiner ganz eigenen Wahrnehmung der Welt im Alltag funktionieren kann, inwiefern die Gesellschaft ihn diskriminiert und behindert. Und es ist eine ganz andere, aber selbstredend ebenfalls wichtige Frage, welche Belastung die Sorge und Pflege für die ihm nahestehenden Menschen verursacht und ab welchem Punkt auch diese das Recht auf ein unabhängiges Leben haben. Die beiden Fragen in nur 85 Minuten Filmlaufzeit zu vermischen, schwächt jedoch leider den Kontakt zu jener Perspektive, die wohl der großen Mehrheit des Publikums fremd sein dürfte und daher mehr Aufmerksamkeit verdient: die von Leo.

Einerseits formuliert The Roads Not Taken ein Statement für das unabhängige Leben von Menschen mit Behinderung und kritisiert den fehlenden Respekt, mit denen nicht-behinderte Personen ihnen häufig begegnen. Molly, die sich voll und ganz auf die Perspektive ihres Vaters einlässt, dient dabei ebenso als Vorbild wie Pflegerin Xenia (Branka Katic), die stets darauf achtet, Leos Würde und Selbstbestimmung zu wahren. Andererseits folgt Sally Potter diesen Vorbildern leider nur teilweise. So wäre beispielsweise die erniedrigende Szene, in der Leo sich in die Hose pinkelt, definitiv verzichtbar gewesen, hat sie doch über mitleidigen Voyeurismus hinaus keinerlei Funktion. Auch lässt die Außenperspektive auf den be_hinderten Leo die Hauptfigur oftmals hilflos und in Gefahr erscheinen und stärkt damit eher das Argument, der erwachsene Mann müsse in einem Pflegeheim statt in seinen eigenen vier Wänden leben. Wobei ohnehin fraglich ist, wo sich Leo wohler fühlt, da einzig Molly über seine Wohnsituation entscheidet.

Zweifelsohne stellt Leo für sein soziales Umfeld ebenso eine Herausforderung dar wie für die Kinozuschauer:innen. Es ist nicht leicht, die verschiedenen Erzählebenen als eine einzige zu begreifen, und so wie die Menschen dem be_hinderten Leo oft mit Ungeduld begegnen, sind auch wir Zuschauende versucht, uns der zunächst konfus wirkenden Mischung der verschiedenen Narrative zu verweigern. Sally Potter macht es ihrem Publikum an dieser Stelle bewusst schwer und das ist richtig so. Letztlich sind wir als Zuschauer:innen dieses Kinofilms mit großer Mehrheit eben nicht in seiner Position, sondern es ist Mollys Perspektive, in die hineinzuversetzen uns deutlicher leichter gelingt. Insofern macht es eben doch Sinn, auch ihre Sicht auf die Ereignisse anzubieten. Gemeinsam mit ihr können wir dann über die dargestellten 24 Stunden hinweg sukzessive begreifen, dass Leo hier ist, auch wenn er woanders ist, dass die Unterscheidung von „hier“ und „woanders“ nur in unserem Kopf existiert und als solche nicht mehr oder weniger sinnvoll ist als Leos Blickwinkel, in dem alle Realitäten ohne hierarchische Abstufung parallel existieren können. In dem Moment, in dem uns das als Zuschauende gelingt, fließen nicht nur alle drei Narrative auf magische Weise zu einem einzigen zusammen, sondern sie ergeben auch einen zutiefst berührenden Einblick in Leos emotionale Welt.

Interessanter Weise liegt hierin schon fast ein Meta-Kommentar auf das „Lesen“ des Films an sich, das ja dem „Lesen“ der Welt nicht unähnlich ist: Zu denken, es gäbe nur eine einzige, eine objektiv richtige, eine hierarchisch überlegene Lesart, entspringt einem patriarchalen Macht- und Denksystem, in dem manche Perspektiven mehr zählen als andere. Und so werden sich an The Road Not Taken vermutlich die Geister scheiden in diejenigen, die sich anderen Blickwinkeln öffnen oder sie sogar suchen, und diejenigen, die lieber in ihrer eigenen kleinen Welt leben und dabei glauben, als einzige wirklich „hier“ zu sein.

Danke an Raul Krauthausen für das Sensitivity Reading

Autor

Sophie Charlotte Rieger
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