Blockbuster-Check: Star Wars: The Rise of Skywalker

Weil der Bechdel-Test zwar ziemlich cool ist, aber dennoch manchmal zu kurz greift, nehme ich im Blockbuster-Check Mainstream-Filme hinsichtlich einzelner Elemente kritisch unter die Lupe.

Achtung: Auf Grund der Herangehensweise kann der Blockbuster-Check nicht spoilerfrei sein

 

Held:innen

In Star Wars: The Rise of Skywalker von J.J. Abrams ist die Entwicklung spannender Frauenfiguren, die wir vom ersten zum zweiten Film der aktuellen Trilogie beobachten konnten leider wieder rückläufig. Rey (Daisy Ridley), die waise Schrottsammlerin und mutmaßliche Jedi-Nachfahrin, spielt zwar wieder die erste Geige im Ensemble, doch die Relevanz und die Existenz anderer weiblicher Held:innen nahm dafür stark ab. Das hat eine Ambivalenz zur Folge, die sich durch den ganzen Film, seine Charaktere und seine Handlung zieht. Weniger Screentime für Frauenfiguren wie Leia Organa (durch den traurigen Tod von Carrie Fisher während der Dreharbeiten), Rose Tico (Kelly Marie Tran) oder Zorii Bliss (Keri Russell) und Jannah (Naomi Ackie), die in diesem Film zum erstes Mal auftauchen und kleinere Rollen im Kampf des Widerstandes spielen – dafür endlich eine Held:innenreise für Rey, in der sie nicht nur von heroischer Aktion zu heroischer Aktion springt, sondern sich auch mal den Schattenseiten ihrer neuen Macht stellen muss.

Die Widerstandskämpfer:innen blicken in die Ferne

© Disney 2013

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Leider traut sich der Film nicht, dieser Held:innenreise mit radikalen Entscheidungen die letzte Würze zu verpassen, sondern verweigert immer wieder die Auflösung derbinären und für das Star-Wars-Universum so typischen Gut-Böse-Dichotomie. Als Rey versucht das Raumschiff, auf dem Chewbacca (Joonas Suotamo) gefangen gehalten wird, mithilfe ihrer Macht auf den Boden zurückzuziehen, explodiert es. Die Annahme, ihr Kontrollverlust bringt eine beliebte und sympathische Figur um, wirftan dieser Stelle interessante Fragen über die Macht und die Verantwortung, die sie für Rey mit sich trägt, auf:  Sollte jemensch überhaupt solche Fähigkeiten besitzen? Sind die Jedi vielleicht sogar eine Bedrohung für die Galaxie? Deswegen ist es schon fast enttäuschend als sich wenige Minuten später herausstellt, dass Chewbacca noch lebt und Rey sich nichts zu Schulden hat kommen lassen. Die Zeitspanne zwischen der Explosion und Chewbaccas Wiederauftritt ist zu kurz, um auf Reys Charakterentwicklung einzuwirken.  An anderer Stelle bietet Darth Sidious (Ian McDiarmid) Rey den Sith-Thron an, wodurch Rey das Leben all ihrer Freund:innen und Mitkämpfer:innen retten könnte.  Hier bewahrt der Film Rey davor diese Entscheidung überhaupt in Erwägung zu ziehen, in dem er sie mit einem billigen Drehbuchkniff aus der Misere zieht und Ben Solo zur Rettung eilen lässt. Spätestens hier wird deutlich, dass der Film lieber auf eine aufregende Dramaturgie setzt, als auf die Darlegung komplexer Figuren. Die große Offenbarung, um Reys Herkunft – sie ist Nachfahrin von Imperator Palpatine/Darth Sidious – ist deswegen zwar ein nettes, kanonisches Gimmick, aber bleibt konsequenzlos für Rey und ihre Geschichte.

Das Star Wars-Universum leidet schon seit dem ersten Film aus dem Jahr 1977 unter dieser starren Schwarz-Weiß-Zeichnung. Den männlichen Figuren wurde immer mal wieder der Sprung von einer Seite auf die andere zugemutet – bestes Beispiel hierfür ist Anakin Skywalker/Darth Vader – doch ein „dazwischen“ gab es seither nie. Vor langer Zeit in einer weit, weit entfernten Galaxie sind Graustufen nicht erwünscht. Mit Luke Skywalkers (Mark Hamill) Auftritt in Star Wars: The Last Jedi gab es Hoffnungen auf Besserung in dieser Hinsicht (wie Sophie im Blockbustercheck zum zweiten Teil der neuen Trilogie beschreibt), doch diese müssen leider für den aktuellen Film wieder begraben werden.

Leai umarmt Rey

© Disney 2013

Die restlichen Mitglieder des Held:innenensembles, allen voran natürlich Finn (John Boyega) und Cameron Poe (Oscar Isaac), machen so ihr Ding im finalen Kampf gegen die Sith-Bedrohung – und sie machen es gut! Sie begleiten Rey auf ihrer Reise und spielen eine zentrale Rolle in der finalen Schlacht mit der Sith-Bedrohung. Doch letztendlich dienen sie im Film lediglich als Rückendeckung und Flankenschutz für Reys Kampf gegen und mit Kylo Ren (Adam Driver). Zwar zehren ihre Figuren noch immer von den ersten beiden Filmen der Trilogie, die sie zu interessanten Figuren stilisierten, doch bekommt ihr Innenleben in Star Wars: The Rise of Skywalker nahezu keine Aufmerksamkeit. Ebenso steht es um Leia Organa und Rose Tico, die kaum noch handlungstragend zum Einsatz kommen und erst Recht keine Motivationen oder Gefühle ausdrücken. Es ist schon ein Armutszeugnis, wenn einer der ergreifendsten Momente des Films den eigentlich emotionslosen Androiden C3PO (Anthony Daniels) zeigt, wie er kurz vor der geplanten Löschung seines Gedächtnisses ein letztes Mal seine Freund:innen anschaut.

Gegenspieler:innen

Was für die Held:innen gilt, gilt größtenteils auch für die Schurken des Films. Darth Sidious bzw. Imperator Palpatine (Ian McDiarmid) und General Pryde (Richard E. Grant) sind durch und durch böse, aber ohne erkennbaren Grund. Als Feindbilder sind diese alten, weißen Männer keine Etablierung mehr wert. Sie sind da und wollen die Macht an sich reißen. Es ist Teil ihres Naturells. Das ist die langweiligste Art von Bösewicht-Konstruktion, aber dennoch sehr effektiv. Vor allem, weil ihre größte Widersacherin eine Frau ist, erweist sich die Beseitigung dieser beiden Oberschurken alsreine Genugtuung.

Komplexer geht es dann in der Causa Kylo Ren bzw. Ben Solo zu. Star Wars: The Rise of Skywalker bestätigt endlich, was viele bereits ahnten: Der Sohn von Han Solo (Harrison Ford) und Leia Organa, der Nacheiferer seines Opas Darth Vader und Posterboy der First Order ist tief in seinem Herzen ein guter Typ, dem eigentlich nur … ja, was eigentlich? Dass Kylo Ren den Schritt auf die Seite der Jedi wagt, ist keine Überraschung, immerhin gab es schon in Star Wars: The Force Awakens Anzeichen dafür, dass er nicht komplett von der dunklen Seite der Macht korrumpiert ist. Überraschend ist es auch nicht, dass Kylo/Ben und Rey, die sich schon im Laufe von Star Wars: The Last Jedi annähern, letztendlich ihre Gefühle füreinander entdecken und sich kurz vor Kylos Märtyrertod (dazu später mehr) sogar noch küssen dürfen. Wieder ordnet sich die Charakterentwicklung der Dramaturgie unter, denn die Vorhersehbarkeit dieses Kusses bereitet der  Film akribisch als großen Moment vor. Bezüglich Kylos Charakter wirkt diese die Machtseiten transzendierende Liebe, aberauch die Handlungsmotivation, die aus ihr folgt, konstruiert und unglaubwürdig. Warum sollte er sich gerade in die Frau verlieben, die er zuvor noch umbringen wollte? Was motiviert den Bruch zwischen Kylo Ren und Darth Sidious? Wo genau wurden seine Erwartungen an die Sith und ihre Macht enttäuscht? Der Film liefert nur unzureichend Antworten auf diese Fragen.  Und dass ihn gerade das gute Zureden seines von ihm selbst getöteten Vaters,von der bösen Seite lossagen lässt, bleibt fraglich, denn sein bisheriger Werdegang schien vor allem von der Abneigung gegen seine Eltern geprägt.

Kylo Ren kämpft mit seinem roten Lichtschwert

© Disney 2013

Die bekannte Gut-Böse-Dichotomie des Franchises manifestiert sich auch im Laufe dieser Reise. Für Kylo Ren gibt es keine moralischen Grautöne. In einem Moment der begeisterte Sithboy, der Rey töten will, im nächsten der verliebte Jedi, der selbst sein Leben für sie gibt. Der Film nimmt sich nicht die Zeit diese Entwicklung tiefer zu beleuchten, sondern eilt einem Finale entgegen, welches durch und durch auf Fanappeasement und Bedürfnisbefriedigung ausgelegt ist. Die Charaktere, die bösen als auch die guten, scheinen zweitrangig unter der Dramaturgie des Films. Dies wird besonders deutlich, wenn sich der in den vorherigen Filmen schon als absoluter Unsympath präsentierte General Hux (Domnhall Gleeson), urplötzlich als Maulwurf des Widerstands herausstellt. Es ist offensichtlich, dass diese Offenbarung nicht mehr ist als ein Mittel zum Zweck, um die Held:innen aus einer zwicklichen Lage zu befreien, schließlich wird Hux kurz darauf unspektakulär aus dem Ensemble rausgeschrieben.

Nach dem Tod von Captain Phasma (Gwendoline Christie) in Star Wars: The Last Jedi gibt es keine benannte weibliche Gegenspielerin mehr im Cast. Zwar tauchen in den Versammlungsräumen der First Order immer wieder hochrangige Frauen auf, doch bleiben diese namen- und charakterlos. Der Film bleibt sowohl bezüglich der Quantität einer Geschlechterquote auf der dunklen Seite als auch im Hinblick auf die Qualität der Charakterzeichnungen und hinter den Chancen zurück, die in den vorherigen Filmen angelegt sind. Das ist sehr schade, denn als voraussichtlich letzter Film der Hauptreihe des Franchises, wäre ein versöhnliches Ende, ein Aufbruch der Gut-Böse-Dichotomie und die Einführung neuer Figurentypen – weiblich, wie auch männlich – eine schöne letzte Erinnerung gewesen.

Die Androiden BB8 und D-O

© Disney 2013

Dresscode und Sexappeal

Was die äußerliche Repräsentation der Figuren angeht, lässt sich Star Wars: The Rise of Skywalker mit dem ersten Teil der neuen Trilogie vergleichen: Reys Ausstrahlung wird durch ihre mentale Stärke, nicht durch ihr Äußeres bestimmt. Der Film verzichtet auf unnötige Sexualisierungen und selbst der bereits vor Veröffentlichung des Films prominent gewordene lesbische Kuss zwischen Commander Larma D’ Acy (Amanda Lawrence) und einer nicht benannten Pilotin wird herrlich unaufgeregt und wenig voyeuristisch inszeniert. Die neu eingeführte Zorii Bliss ist, obwohl für sie die “norm”schöne Schauspielerin Keri Russell engagiert wurde, fast nur im klobigen Ganzkopfhelm zu sehen, was sehr hilft, ihre Figur unabhängig von ihrem Aussehen und stattdessen auf Basis ihrer Taten schätzen zu lernen.

Dramaturgie

Die Dramaturgie des Films ist linear und stringent. Der Widerstand um Rey und die anderen Held:innen formuliert sein Ziel von Anfang an und verfolgt es eisern. Kylo Rens Gesinnungswechsel stellt den einzigen Umbruchmomentdar. Spannung entsteht hauptsächlich durch die Andeutung von Rückschlägen für die Held:innen, die stets in letzter Sekunde  abgewehrt werden. Der Film traut sich radikale Schritte nicht zu und vor allem nicht Rey. Sie bleibt – charakterlich wie dramaturgisch – die makellose Heldin mit weißer Weste. Ärgerlich wird das spätestens, wenn ihr – wie zahllosen weiblichen Heldinnen vor ihr – der Märtyrertod verwehrt bleibt, indem (zu diesem Zeitpunkt wieder) Ben Solo seine Macht nutzt, um sie nach dem Kampf mit Darth Sidious ins Leben zurück zu holen. Genauso wie Chewbaccas Tod darf auch ihrer das Ende nicht überdauern. Wer Star Wars: Revenge of the Sith gesehen hat, weiß, dass Menschen wieder zum Leben zu erwecken selbst für Jedi und Sith ein nahezu unmögliches Unterfangen ist. Diese Szene klaut also nicht nur Rey den Märtyrertod, sondern stilisiert gleichzeitig Ben Solo als den überaus mächtigen Retter, während die Protagonistin die Gerettete bleibt – eine Trope, die gendermäßig so dermaßen negativ aufgeladen ist, dass sie Reys komplette Rolle als zentrale Figur der neuen Trilogie bedroht. Ben steht als tragische Figur plötzlich im Fokus der Handlung und beerbt damit Luke und Anakin Skywalker als männlicher Mittelpunkt des Star Wars-Franchise.

Rey, Cameron und Finn stehen vor dem Wrack des Todessterns

© Disney 2013

Es passt nicht in die epische Geschichte von Star Wars: The Rise of Skywalker, dass in den entscheidenden Momenten  eine kaum nachvollziehbare, heterosexuelle Liebe zwischen Rey und Ben die Kehrtwende im Kampf gegen die Sith einläutet. Statt Zusammenhalt, Freund:innenschaft und Gerechtigkeit ist es ausgerechnet die öde schnöde romantische Märchen-Liebe, die den Unterschied macht. Eine Liebe, die aus dem Nichts zu kommen scheint, – schlimmer noch! – die vor dem Hintergrund, dass Ben Rey bis zu seinem Tod selbst töten wollte, einen ganz faden Beigeschmack besitzt. Darüber hinaus entpuppt sich Reys Zuneigung quasi als Bens Drehbuchbelohnung – eine Belohnung dafür, dass er zweieinhalb Filme lang Angst und Terror verbreitet und sich dann zum Glück umentscheidet. Und womit wird Rey für ihre Stärke und Integrität belohnt? Mit dem Tod ihrer plötzlichen Liebe und einem Nachnamen – Skywalker – der auf ewig verbunden sein wird mit Typen, deren Familiendrama eine ganze Galaxie aufgemischt und dabei mehr Leid als Frieden mit sich gebracht hat.

 

Botschaft:

Die (Gender-)Macht ist einfach nicht ins Gleichgewicht zu bringen.

Gesamtwertung: 5

von 0 (Sexistische Kackscheiße) bis 10 (Emanzipatorisch Wertvoll)

 

Sophie Brakemeier

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