Berlinale 2020: Shirley

Mit ihrem neuen Film Shirley wagt sich Regisseurin Josephine Decker (Madeleine’s Madeleine) sowohl an ein Bio-Pic, nämlich einen Blicks ins Leben der Schriftstellerin Shirley Jackson, als auch an eine Literaturadaption, nämlich die des gleichnamigen Romans von Susan Scarf Merrell. Und so reiht sich Shirley in die Reihe jener Mehrheit von Bio-Pics berühmter Künstlerinnen, die ausschließlich mit ihrem Vornamen benannt sind. Damit ist nun aber auch die Kritik vorgetragen und wir können zum Lob dieses hypnotischen und verstörenden Films übergehen.

Durch die Handlung führt größtenteils nicht die Titelfigur, sondern Rose (Odessa Young), die in den späten 1940er Jahren mit ihrem frisch angetrauten Ehemann Fred (Logan Lerman) nach Vermont zieht, damit dieser dort an der Universität in den Dienst für den Literaturprofessor Stanley Hyman (Michael Stuhlbarg) treten kann. Dieser wiederum ist zufällig der Ehemann von Shirley Jackson (Elizabeth Moss), einer Autorin, die Rose zutiefst für deren morbide Kurzgeschichten bewundert. Weil im Haushalt Hyman-Jackson gerade eine Haushaltshilfe fehlt und Fred und Rose noch keine eigene Bleibe haben, bleibt das junge Paar vorerst bei seinen Mentor:innen wohnen. Rose, die ein Kind erwartet, wollte zwar eigentlich noch ein paar Monate studieren, ist nun aber als Sorgearbeiterin nicht nur gezwungen, die Rolle der Haushälterin anzunehmen, sondern auch die unerwartet launige und angriffslustige Schriftstellerin zu betreuen. Doch aus gegenseitiger Skepsis und Antipathie wird schließlich eine emanzipatorisch wertvolle Freundinnenschaft.

Shirley und Rose im Wald. Shirley berührt Rose am Kinn und fordert sie damit auf, sie anzublicken.

© 2018 LAMF Shirley Inc.

Mit Blick auf Deckers letzten Film Madeleine’s Madeleine verfügt Shirley über eine vergleichsweise lineare Dramaturgie. Doch auch hier bricht das Surreale immer wieder in das Reale herein, wenn die albtraumhaften Visionen im Zuge von Shirleys literarischem Schaffensprozess sich sukzessive mit der Wirklichkeit vermischen. Auch der systematische Perspektivwechsel zwischen den beiden weiblichen Hauptfiguren sorgt für Verwirrung: Ist dies ein Film über Shirley aus der Perspektive von Rose oder nicht vielleicht doch ein Film über Rose aus der Perspektive von Shirley? Und inwiefern ist Rose überhaupt eine real existierende Person und nicht doch – zumindest teilweise – eine Ausgeburt des künstlerischen Genies der Schriftstellerin?

Mit schiefen Kamerawinkeln, verschwommenen Bildern und Traumsequenzen erschafft Josephine Decker in ihrem Film eine Atmosphäre der permanenten Verunsicherung. Und im Auge dieses Orkans der Surrealitäten thront Elizabeth Moss mit einer Darstellung für die Filmgeschichtsbücher. Ihr Schauspiel oszilliert gekonnt zwischen Genie und Wahnsinn, transportiert Schmerz, Wut und Sehnsucht. Moss spielt mit dem ganzen Körper, um Shirley auf der Leinwand zum Leben zu erwecken und die schwer fassbare Person in einem schwer fassbaren Film für die Zuschauer:innen greifbar zu gestalten. Und es gelingt ihr.

Die Unterscheidung von Genie und Wahnsinn zieht sich auch motivisch durch Deckers Film. So drängt sich zum Beispiel die Frage auf, wie wohl ein männlicher Autor vom Kaliber Shirley Jacksons auf sein zeitgenössisches Umfeld gewirkt hätte. Unwahrscheinlich, dass dieser Mensch als grenzdebiler Hexer von anderen gemieden worden wäre. Naheliegender ist, dass die Gesellschaft jede seiner narzisstischen Entgleisungen als Beweis seines unendlichen Genies zelebriert hätte. Doch Shirley ist eben eine Frau und wie sie selbst es einmal formuliert: „The world is too cruel to girls.“

Das Überleben von selbstbewussten, klugen Frauen in einer sexistischen Gesellschaft ist definitiv ein weiteres Motiv des Films. Obwohl Shirleys Beziehung zu Stanley Hyman definitiv auf einer gegenseitigen Hassliebe basiert, so ist es doch stets er, der sie – mit einem arroganten Lächeln auf den Lippen – verbal erniedrigt und mit anderen Frauen hintergeht. Seine Sorge um Shirleys Depressionen entspringt ausschließlich der gefühlten Belastung für sich selbst, niemals aber tatsächlicher Hingabe an seine Partnerin: Shirley soll es doch bitte endlich wieder gut gehen, damit Stanley sich nicht um sie kümmern muss. Dabei ist es offensichtlich, dass Shirleys psychische Probleme vor allem in den restriktiven Strukturen ihrer Gesellschaft und Ehe wurzeln. Auch die zunächst noch so liebevolle Verbindung zwischen Rose und Fred gerät zunehmend aus dem Gleichgewicht, wenn sich Rose ohne ihr Zutun in der unliebsamen Rolle der eifersüchtigen Ehefrau wiederfindet. Nicht zuletzt ist es auch der enge Kontakt zu Shirley, der in der jüngeren Frau ein wachsendes Bewusstsein für das sexistische Gefängnis ihrer Gesellschaft (und Beziehung) entstehen lässt.

Stanley und Shirley sitzen nebeneinander im Bett. Sie schauen sich nicht an und machen ernste Gesichter.

© 2018 LAMF Shirley Inc.

Shirley ist ein zutiefst feministischer Film, der sich auf verschiedenen Ebenen und anhand verschiedener Themen der Ungleichheit der Geschlechter sowie sexistischen Rollen- und Wahrnehmungsmustern widmet. Irritierend ist dabei das Festhalten Shirleys an ihrer toxischen Beziehung zu Stanley, das ihre emanzipierte Grundeinstellung zu unterminieren droht. Vielleicht aber liegt die Emanzipation hier auch darin, innerhalb eines Systems der Unterdrückung, Freiräume zu konstruieren, zum Beispiel durch die Kraft der Kunst und Literatur.

In jedem Fall lässt Josephine Decker keinen Zweifel daran aufkommen, dass das Brandmarken von Frauen wie Shirley und auch Rose als verwirrt oder gar wahnsinnig parallel zu deren Emanzipation verläuft. Die befreite Frau war und ist für eine patriarchale Gesellschaft eben ganz klar eine Horrorvorstellung, der nur mit einer systematischen Pathologisierung begegnet werden kann. Doch der Wahnsinnig liegt ganz woanders. „That was madness!“, sagt Rose rückblickend über ihr Hausfrauendasein.

Autor

Sophie Charlotte Rieger
Letzte Artikel von Sophie Charlotte Rieger (Alle anzeigen)