Berlinale 2020: Bis an die Grenze (Police)

Drei Pariser Polizist:innen und ein tadschikischer Abschiebehäftling – das ist das „Ensemble“ von Anne Fontaines Drama Bis an die Grenze. Das „Ensemble“ steht hier in Anführungszeichen, weil uns die Regisseurin ihre Figurenkonstellation als solches verkaufen möchte, es sich bei genauerer Hinsicht jedoch eher um eine „European Savior“-Geschichte als ein gleichberechtigtes Miteinander der verschiedenen Charaktere handelt.

Aristide und Virginie in Polizeiuniform. Virginie läuft ein paar Schritte vor Aristide und er schaut ihr hinterher.

© Thibault Grabherr / F comme Film / Ciné@

Virginie (Virginie Efira), Erik (Grégory Gadebois) und Aristide (Omar Sy) erhalten jeweils ein mit ihrem Namen betiteltes Kapitel, das ihre Sicht auf den Tag der Filmhandlung darstellt. Virginie ist ungewollt schwanger und zwar nicht von ihrem Ehemann, sondern ihrem Geliebten und Kollegen Aristide. Der wiederum kämpft infolge der traumatischen Polizeiarbeit mit Panikattacken. Auch Eriks Privatleben ist auf Grund der beruflichen Belastung von Dramen überschattet, denn seine Ehe ist gerade drauf und dran in die Brüche zu gehen. Gemeinsam erleben sie einen Arbeitstag mit häuslicher Gewalt und Kindsmord und als ob das noch nicht reichen würde, sollen sie vor Feierabend noch den tadschikischen Geflüchteten Tohirov (Grégory Gadebois) im Rahmen seiner Abschiebung zum Flughafen geleiten – eine Aufgabe, die alle drei an ihre moralischen Grenzen bringt.

Während wir also über die drei französischen Polizist:innen jede Menge persönliche Informationen erhalten, ja sogar mehrere romantische Rückblicke in die Liason von Virginie und Aristide genießen dürfen, erfahren wir über Tohirov nur das, was Virginie später aus der Zeugenaussage vorlesen wird. Zwar steht auch Tohirovs Name einmal kurz im Bild, doch beinhaltet sein „Kapitel“ hier nicht wie bei den anderen den Tagesablauf bis zum Aufeinandertreffen mit den anderen Figuren, sondern lediglich eine geschätzt minutenlange Szene, in der ihm ein Gefängniswärter eine Rasierklinke abnimmt.

Tohirov auf der Rückbank eines Autos. Sein Gesichtsausdruck ist sehr ernst. Er ist blass, wirkt müde und erschöpft.

© Thibault Grabherr / F comme Film / Ciné@

Tohirov hat in Bis an die Grenze weder eine Geschichte, noch eine Stimme. Die wenigen Dialogzeilen, die ihm vergönnt sind, erhalten keine Untertitelung, was die Perspektive dieses Films noch einmal unmissverständlich markiert: Es geht hier nicht um Tohirov, sondern Virginie, Erik und Aristide. Nun mag deren moralischer Konflikt ja auch eine Form von Relevanz besitzen, Tohirov in diesem Film jedoch nur als funktionales Werkzeug zu missbrauchen, dass die moralische Integrität der privilegierten Hauptfiguren unter Beweis stellen soll, ist haarsträubend.

Ein bisschen erinnert dieses Prinzip an White Savior – The Movie der US-amerikanischen TV Show Late Night with Seth Meyers, den Trailer eines fiktiven Films, der die Klischees des rassistischen, aber bedauerlich verbreiteten Hollywood-Narrativs aus komödiantische Weise entlarvt. Und ebenso wie es bei Filmen über den White Savior eben immer nur scheinbar um Schwarze Personen geht, während es eigentlich die weißen Charaktere sind, die als handelnde Subjekte Ruhm, Ehre und Empathie ernten, beschränkt sich auch Anne Fontaine in Bis an die Grenze auf die Perspektive der europäischen Polizist:innen.

Ein Portraitfoto von Aristide (Omar Sy)

© Thibault Grabherr / F comme Film / Ciné@

Dabei ist Aristide zwar streng genommen Senegalese, doch seine eigene Migrationsgeschichte vertieft Fontaine nicht und es ist lediglich ein Telefon mit der im Senegal lebenden Großmutter, das überhaupt einen Bezug zu diesem Land herstellt. Nur weshalb wirft Anne Fontaine das Thema dann überhaupt auf? Entweder ist Aristide ein französischer Polizist und das Thema Migration, das ja offensichtlich im Zentrum dieses Films steht, hat mit seiner Person genauso wenig zu tun wie mit Virginie und Erik. Oder aber Aristides Perspektive auf die Abschiebung von Tohirov ist von seiner eigenen Migrationsgeschichte geprägt. Dass der der Film zwischen ihm und den französischen Figuren eine Unterscheidung markiert, aus dieser jedoch keinen dramaturgischen oder inhaltlichen Mehrwert generiert, lässt Aristide auf höchst zweifelhafte Weise als Schwarze Quotenfigur erscheinen.

Grundsätzlich ließe sich natürlich auch die Frage formulierten, ob wir 2020 wirklich einen Film über den harten Alltag von Polizist:innen brauchen oder nicht vielleicht doch eher Filme aus der Perspektive von Menschen wie Tohirov, die gewaltsam in jene Lebensumstände zurückgeschickt werden, vor denen sie einst aus Todesangst geflohen sind.

Kinostart: 30. Juli 2020

Autor

Sophie Charlotte Rieger
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