Gast-Löwin: Quer durch die Berlinale 2019 mit Lida Bach

Ein Text von Gast-Löwin Lida Bach

Aus dem Programm der 69. Berlinale hat euch Gastlöwin Lida Bach kleine und große Filmperlen ausgegraben. Ein Trip quer durch die Sektionen in drei Kritiken.

© Letizia Battaglia / Lunar Pictures

Shooting the Mafia (Panorama Dokumente)

Wenn Letizia Battaglia eines in ihrem Leben vermisst, sind es weitere Fotos – Fotos, die nicht existieren, weil die Fotografin und Reporterin sie nie gemacht hat. “Sie schmerzen mich am Meisten“, resümiert die furchtlose Frau* hinter der Kamera und zugleich vor der Kim Longinottos. Die britische Regisseurin ist bekannt für ihre konzisen Filmgrafiken komplexer Frauen*figuren; Persönlichkeiten in Synergie mit sozialpolitischem Fortschritt. Von dem spürte die Protagonistin nichts während ihrer behüteten Kindheit, die nach der Zufallsbegegnung mit einem Perversen abrupt endete. Es folgten Jahrzehnte der Gefangenschaft, erst im Haus ihres paranoiden Vaters, dann in einer vorbestimmten Ehe und ununterbrochen im übergreifenden systempolitischen Gefängnis des Patriarchats.

Letztes wurde ein ähnlich verbissener Gegenspieler wie die Mafia für die entschlossene Protagonistin. Sie erlangte erst mit 40 private und berufliche Unabhängigkeit als Journalistin für D’Ora, wo sie statt trivialer Familienthemen Mafia-Morde ablichtete. Ihre brutalen Zeitdokumente fixieren Öffentlichkeit und Obrigkeit mit totenstarrem Blick oder Augen, ausgerissen in der Hand eines Mordopfers. Blutrünstige Archivaufnahmen stehen in kontrastivem Wechsel mit sentimentalen Filmszenen, deren Italien-Stereotypen lasziver Weiblichkeit* und romantisierten Chauvinismus in sich zusammenstürzen wie Mafia-Größen schließlich unter der stummen photografischen Anklage einbrachen. Jetzt ist es Battaglia, die enthüllt: die Mafia, das Macho-System und die Machtstrukturen, gegen die sie sich bis heute behauptet.

Screenings bei der Berlinale 2019

© Epiphany Films

House of Hummingbird (Generation 14+)

Psychischer und physischer Schmerz fließen unmerklich ineinander wie flüchtige Momente der Leichtigkeit in die tägliche Quälerei. Sie ist einzige Konstante im zerrütteten Mikrokosmos Eun-hees (Park Jihu). Die 14-Jährige zieht einen masochistischen Trost aus dem Gefühl einer Sicherheit, die sonst in ihrem privaten und sozialen Umfeld abwesend ist. Jeden Tag könnten der durch die eigene Loser-Existenz frustrierte Vater (Jeong Ingi) und die gleichgültige Mutter (Lee Seungyeon) sie endgültig ausschließen: aus der Familie, dem beengten Apartment und einem Leben, aus dem Kim Bo-ras Erinnerungen an ihre Jugend im Seoul Mitte der 90er wie scharfkantige Splitter herausstechen.

In ruhigen Bildern, über denen blasse Schleier der Niedergeschlagenheit liegen, und bewusst reduziertem Tempo inszeniert die Regisseurin die semi-biografische Geschichte eines im figürlichen und praktischen Sinn schmerzvollen Heranwachsens. Die Gewalt des von den Eltern favorisierten großen Bruders Daehoon (Son Sangyeon), die Schikanen der Lehrer und Verachtung der Eltern – erträgt die verschlossene Hauptfigur mit einer stoischen Ergebenheit, die ihre Peiniger weiter provoziert. Was ihr Umfeld für Trotz hält, ist ein überwältigendes Ohnmachtsgefühl. Das und das sinnlose Abrackern für ein sozialsystematisches Fleiß- und Erfolgsideal machen Eun-hee unendlich müde. Einen Überdruss, den Park Jihu mit schlafwandlerischer Kongenialität verkörpert. 

Erst die Beziehung zu Lehrerin Youngji (Kim Saebyuk) weckt Eun-hee aus der resignativen Apathie. Beider zärtliche Vertrautheit gibt der Jugendlichen, was sexuelle Experimente mit Jungen* und Mädchen* nicht geben können. Doch Kims fesselndes Spielfilmdebüt ist kein koreanischer Lady Bird, eher dessen realistischer Gegenentwurf. Soziale und emotionale Kälte verschmelzen in destruktiver Synthese. Ein Halt, eine Freund_innenschaft, eine Brücke – alles kann unvermittelt einbrechen. Familie ist wie ein nominell „gutartiger“ Tumor, der Nervenlähmung auslöst. Es braucht tiefe Einschnitte für einen vagen Ausblick auf Heilung. In der hintergründigen Studie einer Persönlichkeit und einer ungewissen Ära reißt Kim die Narben wieder auf.

Screenings bei der Berlinale 2019

© Acorn Studio

A Dog Barking At The Moon (Panorama)

Der Titel von Zi Xiangs gesellschaftskritischem Spielfilmdebüt liefert nicht nur einen Ausblick auf die symbolistische Expansion der Inszenierung, sondern einen zynischen Kommentar auf das vergebliche Einfordern von Anteilnahme seitens der Protagonistin. Ihr Opfer ist eines, für das die Gesellschaft um sie herum blind ist und das sie sorgsam verborgen hält, vor anderen und schließlich sich selbst. Lange spielt die Regisseurin das Versteckspiel mit, bevor sie die Ursache der tiefen Verbitterung ihrer Hauptfigur offenbart. Von der ersten Szene an ist die ausgefeilte Struktur des Familiendramas gespickt mit Rückblenden. Sie zeigen Li Jiumei, ewig vorwurfsvolle Mutter einer erwachsenen Tochter und zanksüchtige Gattin, als verliebte Studentin.

Ihre Zimmernachbarin erkennt, dass die Ehe mit Huang Tao der Weg in stilles Unglück ist. Aber Jumei knickt unter dem omnipräsenten Druck ein. Sie ist anfällig für Indoktrination, wie ihr Sektenglaube in der Gegenwartshandlung betont, ob esoterischer, religiöser oder staatlicher Art. Letzte sitzt am tiefsten und befiehlt ein rigides Konzept von „Familie“. Männer* müssen den Familiennamen weiterführen, Frauen* einen Sohn gebären, beides möglichst jung. Jumei versagt in einem unbewussten Protestakt; statt des erwarteten Sohnes bekommt sie später eine Tochter, der sie dafür ewig Vorwürfe macht. Konfrontiert mit der Lebenslüge ihres homosexuellen Mannes*, wird die tragische Sadistin schließlich an ihre eigene erinnert.

Nicht einmal da gibt es ein Entkommen aus dem Gefängnis (selbst)aufoktroyierter Konformität. Also quält sie Huang und ihre Tochter mit Vorwürfen, um ihren Kummer zu rächen und sich im geteilten Leid weniger einsam zu fühlen. Unterdessen vollzieht die Regisseurin in der Adaption magisch-realistischer Elemente Jumeis unterdrücktes Aufbegehren. Miros titelgebendes Gemälde illustriert eine Fabel, in der ein Hund den Mond ankläfft. Der Mond erwidert kalt: „Kümmert mich einen Dreck.“ Der Staatsapparat, ihr Umfeld, die Sekte sind Jumeis Mond. Ähnlich Miros Kunst, die ästhetischer Widerstand gegen bourgeoise Strukturen war, ist Zi Xiangs Rebellion lautlos, doch unmöglich zu übersehen.

Screenings bei der Berlinale 2019