Berlinale 2019: Retrospekt

Wie von Gewalt erzählen, ohne selbst Gewalt auszuüben – an den Figuren, am Publikum, an Menschen, die Ähnliches erlebt haben? Wie geht das und geht es überhaupt? Gibt es so etwas wie eine nicht-voyeuristische Darstellung von Gewalt? Ich habe noch keine abschließende Antwort auf diese Fragen gefunden, aber einen Film, der sich ihnen annähert.

Retrospekt von Esther Rots nähert sich diesem Problem durch eine herausfordernde, fragmentarische Erzählung. Recht frühzeitig sehen wir die Konsequenzen dessen, was passieren wird: Eine Überlebende, im Rollstuhl sitzend, stotternd. Nicht nur ihr Körper trägt die Zeichen von Gewalt, auch ihre Sprache, ihre Stimme ist in Mitleidenschaft gezogen. Doch was ist passiert zwischen diesen Bildern und jenen, in denen Mette hochschwanger in einer Umkleidekabine Zeugin des Gewaltausbruchs eines Mannes* gegen seine Partnerin wird?

© Lennert Hillege

Vielleicht auch weil die Entwicklung von Gewalt nicht zwingend linear verläuft, verschachtelt Esther Rots die Zeitebenen ihrer Erzählung über Sozialarbeiterin Mette (Circé Lethem), die während ihrer Elternzeit eine ehemalige Klientin, Miller (Lien Wildemeersch), bei sich aufnimmt und im Zuge dessen zwischen die Fronten gerät. Montage und Kamera vermitteln dabei die Gefühlslage der Protagonistin: Durch die Übernahme ihrer Perspektive können wir bedrohliche Situationen als solche wahrnehmen, die gefühlte Gefahr spüren, die beispielsweise von einem größeren, aufgebrachten Mann* ausgeht. Die Nähe der Kamera zur Hauptfigur vermittelt darüber hinaus ein Gefühl der Bedrängnis, das sich zunehmend intensiviert, eine sich enger ziehende Schlinge, die unsere Nerven fast wie in einem Horrorfilm strapaziert. Denn wie in einem solchen wissen wir bereits, dass etwas Furchtbares geschehen wird. Allein was es ist, wie es abläuft, wer involviert ist, können wir über weite Strecke nur vermuten.

Auf diese Weise erzeugt Rots, die auch das Drehbuch zu Retrospekt verfasst hat, einen kontinuierlichen Spannungsbogen, der die verschiedenen Zeitebenen und Momentaufnahmen miteinander zu einer schlüssigen Narration verbindet, einer neuen Geschichte, in der es weniger um kausale Abläufe als um Erleben geht – um das Erleben von Gewalt auf unterschiedlichen Ebenen.

Denn eines macht Retrospekt unmissverständlich klar: Millers Geschichte ist kein Einzelfall. An Mettes Arbeitsplatz, einer Beratungsstelle für von häuslicher Gewalt betroffene Menschen, ist das aggressive Verhalten eines verärgerten Ehemannes* auf der Suche nach seiner Frau* Alltag. Während wir als Zuschauer_innen in Anbetracht seines Auftritts noch fassungslos sind, gehen die Angestellten sofort wieder zur Normalität über. Nicht weil dieser Ausbruch angemessen wäre, sondern weil jene Form von Gewalt ihr täglich Brot darstellt, auf traurige Weise zur Normalität geworden ist. Doch es gibt noch weitaus mehr Formen übergriffigen Verhaltens, das Mette auch zunehmend in ihrem eigenen Ehemann* Simon (Martijn van der Veen) erkennt, beispielsweise wenn dieser ihre Vorbehalte gegen eine Impfung der Kinder übergeht und sie heimlich vornehmen lässt. Oder wenn er nach einer längeren Geschäftsreise zurückkehrt und als erste väterliche Amtshandlung, noch vor liebevollen Worten des glücklichen Wiedersehens, Mettes Kindererziehung kritisiert.

Miller wie auch Mette können sich aus ihren abusiven Beziehungsverhältnissen nur schwerlich befreien. Während erstere trotz körperlicher Gewalt immer wieder zu ihrem Ex-Freund Frank (Matteo van der Grijn) zurückkehrt, driftet Mette in einen depressiven Rückzug, für den sie sich selbst die Schuld gibt. Das Erzählen verschiedener Bewältigungsstrategien ist dabei ebenso positiv zu sehen wie die Tatsache, dass keine der beiden Heldinnen mit den stereotypen Bildern einer geschlagenen Frau* inszeniert wird: Kein hinter der Sonnenbrille verstecktes blaues Auge, keine Duschszene mit blutrotem Wasser.

Die Duschszene kommt dann an einer anderen Stelle. Auch sie hat mit einem versehrten Körper zu tun und auch sie ist, wie die meisten Duschszenen, völlig überflüssig. Mette sitzt bereits im Rollstuhl, ist nicht in der Lage, sich selbst zu waschen. Wir sehen sie weinend und zitternd in einem Duschlift – zwar vornehmlich von hinten, aber dafür ausgiebig. Kurz zuvor hat ihr Zimmernachbar die fehlende Privatsphäre kritisiert, die ihnen nun als Menschen mit Behinderung zugestanden wird, und doch verletzt die Regisseurin eben diese Privatssphäre mit ihrer Inszenierung dann selbst. Ist diese Duschszene wirklich weniger übergriffig als das visuelle Auserzählen körperlicher Gewalt? Warum darf der behinderte Körper nackt gezeigt werden, wo der Film sonst so überaus vorsichtig mit dem voyeuristischen Blick auf seine Figuren umgeht?

Der Film strauchelt aber noch an einer anderen Stelle: Mette und Miller geraten miteinander in eine problematisches, co-abhängiges Verhältnis. Nicht umsonst ziehen Sozialarbeiter_innen in der Regel eine strenge Grenze zwischen Berufs- und Privatleben. Es ist ohnehin nicht ganz klar, weshalb Mette ihre Klientin bei sich aufnimmt, von der Betreuerin zur Freundin wird. Der Rollenmischmasch führt zu einer neuen Angriffsfläche, es kommt zu Streit und verbaler Gewalt. Einerseits vermeidet Esther Rots hier eine sexistische Zuordnung, die eskalierende Aggression nur Männern* zuordnen würde, andererseits aber droht sie auch den Weg zum Victim Blaming zu ebnen. Es sei ja auch nicht ganz einfach mit ihr, wird der gewaltbereite Frank nämlich später über Miller sagen. Und das Fazit aus den zuvor gezeigten Streitigkeiten der Frauen* kann dies nur bestätigen.

© Lennert Hillege

Überhaupt überzeugen die Entwicklungen der Figuren sowie ihrer zwischenmenschlichen Dynamiken in diesem Film bedauerlich wenig. Mette ist schon vor dem Unfall, der ihr Leben schließlich in eine unerwartete Richtung lenkt, eine äußerst ängstliche und schreckhafte Person. Als Außenstehende können wir nur darüber mutmaßen, ob das mit ihren beruflichen Erfahrungen, ihrer Schwangerschaft oder ganz anderen Faktoren zusammenhängt. Auch die Eskalation der verschiedenen Beziehungen, zwischen Mette und Miller wie auch zwischen Mette und Simon wirken konstruiert, ergeben sich nicht logisch aus der vorhergehenden Interaktion dieser Menschen. Es wirkt, als wäre Gewalt ein zwangsläufiger Teil zwischenmenschlicher Beziehungen. Ist das eine bewusste Aussage der Regisseurin oder eine unfreiwillige Botschaft?

Retrospekt beeindruckt vor allem auf der handwerklichen Ebene durch eine herausfordernde und zugleich treffsichere Inszenierung. Nicht nur Montage und Kamera verlangen dem Publikum Einiges ab und verhindern damit einen zurückgelehnten voyeuristischen Blick auf die Ereignisse, auch die Musikuntermalung – klassische, opernähnliche Gesänge in meist unpassender Tonalität – fungiert als permanente Brechung. So findet Esther Rots ein rundes, audiovisuelles Konzept für die Vermittlung ihrer Inhalte, ihrer Geschichte und der damit verknüpften Emotionen. Schade dass die konstruiert wirkenden Konflikte dann doch einen zu großen Wermutstropfen bilden, um den Film hier geradeheraus zu empfehlen.

Die allerletzte Szene immerhin macht Retrospekt trotz der genannten Kritikpunkte emanzipatorisch wertvoll. Der Unfall, die erlebte Gewalt, die körperliche Behinderung – all das ist nicht das Ende. Es ist nur ein neuer Anfang, ein neuer Weg, auf dem Mette sich sogar einen Kindheitstraum erfüllen kann.

Screenings bei der Berlinale 2019