FHH 2019: Katrin Gebbe im Gespräch über PELIKANBLUT

Pelikanblut, der zweite Langfilm von Katrin Gebbe, feierte seine internationale Premiere 2019  bei den Filmfestspielen in Venedig und dann seine Deutschlandpremiere beim Filmfest Hamburg. Ein Jahr später, verzögert unter anderem durch die Kinoschließungen im Zuge der Covid19-Pandemie, kommt er im September 2020 endlich bei uns ins Kino.

Portrait von Katrin Gebbe

© DCM

Pelikanblut erzählt die verstörende Geschichte einer Adoptivmutter (Nina Hoss), deren Tochter auf Grund ungezügelter Aggressionen immer mehr zur Gefahr für sich und andere wird. Dabei nehmen die Entgleisungen des kleinen Mädchens immer gruseligere Formen an: Handelt es sich hier um eine heranwachsende Psychopathin oder vielleicht doch um ein von Dämonen besessenes Kind?

Dass Katrin Gebbe auf diese Frage keine eindeutige Antwort gibt, ist eine der Stärken ihres Films. Aber natürlich auch recht verwirrend. Deshalb freute ich mich umso mehr, dass sie mir im vergangenen Jahr nach dem Festival in Hamburg ein ausführliches Telefoninterview gegeben hat, in dem wir nicht nur über die Entstehung des Films, sondern auch über ihre beeindruckende Kinderdarstellerin und strukturellen Sexismus in der Filmbranche sprachen.

Sophie: Dein erster Spielfilm Tore Tanzt basierte ja auf einer wahren Begebenheit. War das bei Pelikanblut auch so oder woher kam da die Idee für den Film? 

Katrin Gebbe: Ich hatte mich für Tore Tanzt viel mit dem Guten und dem Bösen befasst. Für mich war das Thema auch danach noch nicht ganz ausgereizt. Mich interessierte, wo das, was wir das Böse nennen, herkommt, bzw. wie ein Mensch „böse“ wird.

Das Böse hat seinen Ursprung also im Kindesalter?

Ich habe recherchiert, dass Psychopathie auf Grund von Traumata im Kindesalter entstehen kann aber manchmal auch angeboren ist, sodass das Gehirn also von Anfang nicht dazu fähig ist, Empathie und Ängste zu empfinden. Und dann habe ich ein altes Interview entdeckt, das hieß Child of Rage. Da erzählt ein fünfjähriges Mädchen fast mit gewisser Freude, wie es seinen Bruder missbraucht hat. Das Kind ist wie Raya in Pelikanblut durch verschiedene Adoptions- beziehungsweise Pflegefamilien gegangen und war sozusagen das Vorbild für meine Figur.

„Ich wollte weg vom Sozialdrama“

Aber im Zentrum von Pelikanblut steht ja eigentlich nicht das Kind, sondern die Mutter. Warum?

Als ich recherchierte, wurde mir immer mehr klar, dass das Kind eigentlich nicht im Vordergrund steht. Das Kind ist Opfer seiner Umstände. Man kann ihm keine Schuld zusprechen oder eine aktive Entscheidung für ein bestimmtes Leben. Aber die Mutterfigur kann sich natürlich entscheiden, ob sie weiter für das Kind da sein möchte oder kann.

Geht es also um das Thema Mutterschaft?

Das Thema wurde immer größer. Ich wollte weg vom Sozialdrama, weg von dem konkreten Fall und größere Fragen stellen. Also wie ist eigentlich überhaupt unsere Einstellung dazu, wenn jemand in unserem Zusammenleben die Grenzen sprengt und uns mental und physisch überfordert? Das müssen ja nicht unbedingt problematische Kinder, sondern können auch allgemein randständige Personen in unserer Gesellschaft sein, wie Menschen mit geistigen Behinderungen.

„Horror ist von Natur aus ein politisches Genre“

Du erwähntest gerade den Begriff „Sozialdrama“. Genau das ist Pelikanblut ja nicht, sondern eher ein Film, der mit den Genres Psychothriller und Horror spielt. Gerade in Hinblick auf Musik und Montage arbeitest Du auch eindeutig mit Gruseleffekten.

Gleich als ich diese Geschichten von den Müttern mit problematischen Kindern gelesen habe, hatte ich das Gefühl, dass es ganz viel um Angst geht – Angst, als Mutter zu scheitern, das Kind nicht in den Griff zu kriegen, bis hin zu echten Überlebensängsten, also dass das Kind den Geschwistern, den Eltern oder sich selbst etwas antun könnte. Mich hat berührt, wie Familienheime für mehr Sicherheit verändert wurden, von Alarmgeräten bis hin zum Streichen der Wände mit feuerfester Farbe, so dass man nachts ruhiger schlafen konnte. Das war für mich schon eine totale Albtraumvision. Horror ist auch nicht nur entertaining, sondern von Natur aus auch ein politisches Genre, das einem die Möglichkeit gibt, den Film eher als Kunstwerk zu sehen und über seine Fragen abstrakter zu fabulieren.

Wiebke, verkörpert von Nina Hoss, trägt ihre Adoptivtochter auf den Rücken gebunden. Beide tragen Mützen, Schals und Jacken. Es ist kalt.

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Welche Fragen sind das für Dich in diesem Film?

Das Thema hinter Pelikanblut ist für mich so etwas wie eine Glaubensfrage danach, wie wir unser Leben leben. Das ist eine ganz existentielle Frage, die wir uns in Extremsituationen beantworten müssen. Meine Hauptfigur kann eigentlich nur scheitern: Entweder gefährdet sie ihr Leben und das ihrer anderen Tochter und gerät in die totale Isolation oder sie muss Raya in ein Heim geben. In dieser Situation ist ihr einziger Ausweg der Glaube daran, dass ihre Eingebung, ihrem Herzen zu folgen, sie zu etwas führen wird, das besser ist.

„Man muss das Kind vor dieser Rolle auch schützen“

Raya, „das böse Kind“, ist in Pelikanblut tatsächlich furchteinflößend. Wie hast Du das mit der Darstellerin Katarina Lipovska erarbeitet? 

Sie war schon im Casting einfach am Besten für die Rolle geeignet. Kati hatte gerade die Milchzähne verloren und sah dadurch sehr jung und niedlich aus. Sie konnte sich toll in Kleinkindverhalten reindenken. Aber gleichzeitig hatte sie einen Zugang zu Aggression, zu einer Wildheit und einer Rohheit, die ich spannend fand. Und der Sechser im Lotto war letztendlich, dass ihre Mama, Simona, ein Kindercoach ist und in Bulgarien, wo sie herkommt, ein Kindertheater hat. Kati kannte es schon, vor einem gewissen Publikum zu spielen.

Raya an einem Marktstand. Sie lacht fröhlich.

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Aber wie machst Du einem Kind diesen Alters klar, was in dem Film und in einzelnen Szenen passiert?

Simona Popova hat das Kindercoaching übernommen. Ich habe mich mit ihr abgesprochen, ihr erzählt, was ich in der Szene erreichen und sehen möchte und sie hat mit Kati alles so vorbereitet, dass ich am Set dann mit ihr alleine arbeiten konnte. Denn mit einem Kind in dem Alter muss man alles übersetzen, weil man das Kind vor dieser Rolle auch schützen möchte. Das haben wir zum Beispiel so gelöst, dass Kati zum Teil für die deutschen Sätze – sie konnte vor dem Dreh überhaupt kein Deutsch – eine falsche Bedeutung gelernt hat. Und insgesamt war der Überbau für die ganze Geschichte, dass sie die Hauptrolle spielt, Veterinärin wird und während des Films die Sprache der Tiere und das Reiten lernt. Und das hat super funktioniert, denn so hatte sie immer irgendeine andere Geschichte, einen anderen Fokus im Kopf.

„Es ist nicht nur an den Festivals, etwas zu ändern.“

Irgendwas machst Du mit Deinen Filmen offensichtlich richtig: Der erste, Tore Tanzt, feierte Premiere in Cannes, der zweite, Pelikanblut, in Venedig. Was meinst, woran liegt es, dass Deine beiden Spielfilme jeweils bei den großen Festivals gelaufen sind?

Ich schätze mal, dass diese Festivals für ein bestimmtes Kinoereignis stehen. Die suchen nach besonderen Stimmen und erzählerischen Haltungen, nach einem besonderen Blick. Und dass ich mich nicht so einfach in die gängigen deutschen Strömungen einordnen lasse, ist vielleicht für die Festivals interessant. Dass ich versuche, meine eigene Sprache und Stimme zu finden.

Beschäftigt Dich die Tatsache, dass so wenige Regisseurinnen bei diesen Festivals vertreten sind?

Für mich ist das ein wichtiges Thema. Ich bin auf eine Kunst- und auf eine Filmhochschule gegangen und erst danach ist mir klar geworden, dass es ein strukturelles Problem in der Filmbranche oder insgesamt im weiblichen Berufsleben gibt. Das wusste ich vorher alles nicht. Natürlich sind Festivals ein ganz wichtiger Teil davon. Man kann jetzt nicht verlangen, dass Festivals Filme nehmen, die nicht interessant wären. Die Frage ist aber natürlich immer, wer beim Festival auswählt. Aber auch vorher schon, wer die Produktion macht, wer die Drehbücher auf den Weg bringt. All diese Stationen. Auch welche Kritiker die Filme auf Festivals kommentieren. Frauen sind in all diesen Positionen wahnsinnig wichtig, damit auch etwas Neues wachsen kann. Letztendlich ist klar, dass auf Festivals genauso viele Filme von Frauen gezeigt werden sollten wie Filme von Männern. Aber es ist nicht nur an den Festivals, etwas zu ändern.

Welchen Rat würdest Du jungen Filmemacherinnen mit auf den Weg geben?

Ich finde es lohnt sich, wenn man sich auf das konzentriert, was man gut kann und wenn man auf seine eigene Stimme hört. Ich habe auch mal den Fehler gemacht, anderen gefallen oder irgendwie was „richtig“ machen zu wollen. Und ich glaube, dass genau das falsch ist. Es ist natürlich nicht immer einfach, aber man muss sich die Leute suchen, die ein Teil davon sein wollen, die sowas unterstützen wollen. Ich glaube, es ist völlig falsch, schnell nach einem Ast zu greifen und sich dann ewig verbiegen zu müssen. Filmemachen ist schon anstrengend genug und dauert lange genug. Deshalb muss man versuchen, die richtigen Partner zu finden.

Autor

Sophie Charlotte Rieger
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