Space Dogs

Am 3. November 1957, inmitten des kalten Krieges, des atomaren Wettrüstens und des Wettlaufs um die Eroberung des Weltraums, ging die sowjetische Raumfahrtbehörde einen drastischen Schritt und schickte das erste Lebewesen ins All. Die russische Straßenhündin Laika flog an Bord des Satelliten Sputnik 2 mehrere Stunden in der Erdumlaufbahn, bevor sie an Überhitzung und Stress starb. Ihre sterblichen Überreste gelangten nie auf die Erde zurück – sie verglühten im April des folgenden Jahres, als der Satellit wieder in die Atmosphäre eintrat. Unsterblich wurde die Hündin dennoch; in der Sowjetunion wurde sie zur Nationalheldin, die internationale Presse kürte sie zu einer Pionierin der Raumfahrt und ihr Flug kurbelte eine Entwicklung an, die letztendlich in der menschlich besetzten Raumfahrt gipfelte. Der Dokumentarfilm Space Dogs von Elsa Kremser und Levin Peter geht ausgehend von dieser Geschichte jedoch einer anderen – poetischeren und subtileren – Entwicklung nach. Einer russischen Legende zufolge kehrte nämlich nicht Laikas Körper, aber sehr wohl ihr Geist auf die Erde zurück und streunert seitdem mit den Straßenhunden durch die Gassen Moskaus. 

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Die Geschichte um Laikas Geist eröffnet den Film und begleitet ab dann als Motiv die Bilder, die größtenteils dichte und unkommentierte Aufnahmen von Moskauer Straßenhunden zeigen. Diese Straßenhunde stehen im Mittelpunkt von Space Dogs. Sie sind wild und dreckig und hungrig – weit entfernt von dem Ruhm und der Bedeutung, die Laika zuteil wurde, und doch sind auch sie Entdecker. Der Film suggeriert, dass sie Laikas Pioniergeist in ihren Wesen in sich tragen. Die Kamera begleitet sie auf ihrer Suche nach Nahrung, Artgenossen und Plätzen zum Schlafen und offenbart dabei eine Welt, in der Menschen kaum und wenn nur eine untergeordnete Rolle spielen. Ebenso wie Laika auf ihrer Reise, sind auch diese Hunde auf sich allein gestellt. Sie zeigt die Hunde dabei, wie sie sich gegenseitig annähern und misstrauen, wie sie miteinander jagen und die Straßen erkunden. Die Bilder, die dabei entstehen, sind außerordentlich. Außerordentlich schön, außerordentlich traurig, aber auch außerordentlich brutal und schonungslos. Vollkommen unaufgeregt zeigt der Film beispielsweise wie zwei Hunde eine Katze zu Tode beißen und anfangen zu verspeisen. Die Szene ist unerträglich, denn sie kaschiert diesen Akt des Überlebenskampfs in keiner Weise, weder mit Musik, noch mit Schnitt oder Kommentar. Der visuelle Stil erweist sich hier als so direkt und ungeschönt, wie er in zeitgenössischen Dokumentarfilmen selten noch zu finden ist.

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Was Space Dogs durch diese Aufzeichnungen, die sich stets auf Augenhöhe mit den Hunden befindet, und den immer wieder dazwischen montierten Archivaufnahmen von Labortests mit Hunden in der sowjetischen Raumfahrtforschung auslöst, sind Emotionen, die im besten Fall zum Nachdenken anregen. Die Zuschauer:innen erleben den Überlebenskampf der Straßenhunde als brutal, sie finden Laikas Geschichte tragisch und trauern um die tote Hündin und sie nehmen die Beziehung zwischen den Straßenhunden als intensiv und ambivalent wahr. Diese Projektion von Emotionen, die zwar nicht nur rein menschlich sind, aber durch Menschen mit Bedeutung aufgeladen werden, offenbart eine Kluft in der Lebensrealität von Menschen und Tieren, die uns oft – vor allem im Kontext von Filmen – nicht direkt bewusst ist. Tiere, besonders Hunde, sind im Film oft sowohl die Empfänger:innen als auch die Träger:innen von Emotionen menschlicher Natur. Es gelingt oft mit Leichtigkeit, Freude, Trauer oder Mitgefühl auf sie zu projizieren, denn wenn sie mit Menschen zusammen auftreten, existieren sie außerhalb der bewährten Skalen, auf denen wir filmische Figuren oft einordnen. Sie sind nicht gut, sie sind nicht böse, sie tragen keine Schuld oder Unschuld in sich, sie sind zu umsorgende Subjekte, die oft den Machenschaften des Menschlichen unterworfen sind. 

Dass es allerdings auch anders geht, zeigt Space Dogs in der Gegenüberstellung von Hunden im Labor und Hunden auf der Straße. Ihnen ist das Mitgefühl oder die Trauer der Menschen egal, sofern sie einer solchen Form von Gleichgültigkeit überhaupt fähig sind. Laika schert die nationale und internationale Bewunderung für ihre Reise nicht, deswegen kehrte ihr Geist auch nicht in die Sphäre der Menschen, sondern in die Lebensrealität jener Hunde zurück, die abseits und unabhängig von der Domestizierung leben. Elsa Kremser und Levin Peter gelingt ein beeindruckender Einblick in diese Realität, obwohl selbst sie sich wohl letztendlich eingestehen müssen, dass es uns Menschen und unseren Kameras niemals gänzlich gelingen kann sie zu fassen. 

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Doch der Versuch ist da und er ist mitunter einer der poetischsten, schönsten und aufwühlendsten Kinoerlebnisse der letzen Jahre. In der Komposition aus einer Ästhetik, die an den Direct-Cinema-Stil der 60er und 70er Jahre erinnert und dem subtilen Einsatz von Musik und Stimme schafft es Space Dogs zu fesseln, selbst wenn im Filmbild nicht viel passiert. Dass dabei durchaus auch ein reges Interesse für den Einsatz von Hunden in der Raumfahrt entstehen und vieles gelernt werden kann, ist dabei bemerkenswert, aber fast nur Nebensache, denn Space Dogs ist vor allem eins: große Dokumentarfilmkunst und ergreifendes Filmhandwerk.

Kinostart: 24.09.2020

 

Autor

  • Sophie Brakemeier hat Medienwissenschaft studiert und sich währenddessen lange im kommunalen Kinobetrieb engagiert. Seit ihrem Masterabschluss arbeitet sie redaktionell in der Medien- und Kulturbranche, schreibt über Film und an ihrem ersten Buch. Kino liebt sie seitdem sie im Alter von vier vor Aufregung den Saal bei Free Willy 2 leergeschrien hat. Die Emotionalität für Filme blieb ihr, den kritischen Blick hat sie allerdings geschärft.

Sophie Brakemeier
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