Die Misswahl – Der Beginn einer Revolution

Die Miss-World-Show von 1970 ging in die Geschichte ein – dafür sorgte nicht nur der feministische Protest während ihrer Live-Übertragung aus London, sondern auch die Krönung von Jennifer Hosten, der Kandidatin aus Grenada, als erste Schwarze Siegerin der weiß-dominierten sogenannten World Show – eine unverdiente Bezeichnung im Hinblick auf die nicht vorhandene Globalität und Diversität der Veranstaltung. Philippa Lowthorpe verstrickt diese tatsächlichen Begebenheiten in einer facettenreichen Erzählung, indem sie Perspektiven verschiedener Figuren verbindet und so ein bereicherndes und unterhaltsames Filmerlebnis schafft.

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Der Slogan der zweiten feministischen Welle – the personal is political – lässt sich in vielen Szenen des Films sofort wiederfinden, so auch gleich zu Beginn: Die für den größten Teil der Erzählung im Zentrum stehende Sally Alexander (Keira Knightley) spricht an der Londoner Universität für ein PHD-Studium vor. Nachdem das ausschließlich männliche Auswahlkomitee Sally in scheinbar gut gemeinter väterlicher Manier nach ihrem Privatleben fragt und ihre emanzipierten Antworten nicht gerade bejubelt, sehen wir den Weg zu ihrer erfolgreichen Aufnahme bereits versperrt. Doch Lowthorpe verweigert sich mit ihrer Erzählung eindimensionalen Ursache-Wirkungs-Schemata und Schubladisierungen und lässt die Geschichte ganz anders verlaufen. In ihrem Film gibt es mehr als starr positionierte Charaktere an der Front “Patriarchat gegen Anti-Patriarchat” – innerhalb vieler Szenen durch eine räumlich Gegenüberstellung visualisiert  – und zwar auch Lebenswelten und Haltungen dazwischen. 

An der Universität lernt Sally die in einer Kommune lebende Jo (Jessie Buckley) kennen und schließt sich der Frauenbewegung an. Gemeinsam beschließen die Aktivistinnen, das Fernsehen- eigentlich Sprachrohr des Establishments – für ihre eigene Message zu nutzen und die bevorstehende Misswahl zu sabotieren. Dabei sind die Haltungen und Strategien der Aktivistinnen aber oft so unterschiedlich wie ihre Biografien: Reicht allein die Anwesenheit einer weiblichen Person, um das universitäre Männerestablishment zu entthronen oder braucht es radikalere Umbrüche?

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Diskrepanzen gibt es auch, allerdings nuancierter, zwischen dem Paar, das die Miss-Veranstaltung leitet, und zwischen Sally und ihrer Mutter – Konflikte, die aber nie eskalieren und zu dramatischen Höhepunkten oder lächerlichen Pointen führen müssen. Der Film ermöglicht auf diese Weise nicht nur Empathie für die Aktivistinnen, sondern genauso für Figuren auf der “Gegenseite”. 

Der Erzählstrang um die Kandidatinnen lässt die Ereignisse und die Bedeutung des Schönheitswettbewerbs an sich auch in einem anderen Licht erscheinen. Jennifer Hosten (Gugu Mbatha-Raw als Miss Granada) ist sich des politischen Gehalts der Show wohl bewusst: Nicht allein Körpermaße determinieren die Entscheidung über die Siegerin, sondern viel stärker noch Identitätspolitiken und internationale Beziehungen. Als Frau of Color beispielsweise sind ihre Gewinnchancen – vermeintlich – gleich null. Jennifer nimmt sich der schüchternen Pearl Jansen (Loreece Harrison als  Miss Africa South ) an, die nach der Kritik eines Anti-Apartheitsaktivisten als zweite Repräsentantin Südafrikas in letzter Sekunde in den Wettbewerb nachrücken darf. 

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Für die einen symbolisiert die Misswahl v.a. den Sexismus des Patriarchats in einer fiesen, verführerisch-glitzernden Unterhaltungsform, während sie für die anderen die Hoffnung bedeutet, den durch einen Podestplatz erlangten Ruhm und das Preisgeld für eine Karriere über die Welt der Schönheitswettbewerbe hinaus nutzen zu können. Jennifer, Miss Grenada, hebt aber auch die Bedeutung hervor, die sie als Role Model für Mädchen außerhalb des weißen Establishments spielen könnte – Dinge, denen sich Sally und die weiß dominierte zweite feministische Welle erst bewusst werden müssen.

Eine weitere reale Figur, die im Film repräsentiert wird, ist der US-amerikanische Entertainer Bob Hope (Greg Kinnear), dessen sexistische Sprüche während der Sendungsmoderation erstaunlicherweise keine freie Erfindung sind. Archivisch gestaltete Aufnahmen von Hopes Auftritten suggerieren bereits zu Beginn historische Verknüpfungen. Seinen Vergleich des Schönheitswettbewerbs mit einem Viehmarkt nimmt Lowthorpe in ihrer Inszenierung visuell und sprachlich immer wieder auf. So kommentiert, neben Hope, auch der Sendungsverantworliche die Körper der Frauen wiederholt wie leblose Objekte und treibt sie wie eine Schafherde zusammen. Hier punktet der Film mit seinen Totalen und Blickinszenierungen, indem er genau jene Fallen der objektifizierenden Kameraperspektiven und Montagen vermeidet, in die ein Film mit vielen Frauen in Badeanzügen tappen könnte.

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Stattdessen führt er sexualisierende Blicke als solche vor. In einer Szene etwa folgen den musternden Blicken der Jury  nicht die erwartbaren “Point of View”-Einstellungen auf die Körper der Kandidatinnen, Kamerafahrten von den Füßen bis zur Brust beispielsweise, sondern im Gegenteil Aufnahmen der strahlenden Gesichter der Frauen. Diese Montage bricht also mit den auf unseren Seherfahrungen basierenden Erwartung einer klassischen Subjekt-Objekt-Blick-Montage und lässt sich in Kombination mit den übertrieben fröhlichen Mimiken der Mädchen als Kritik  des voyeuristischen Bewertungsprozesses lesen. 

Die Misswahl schafft es facettenreich, komödiantisch und ermächtigend – dafür sorgen nicht zuletzt Musikklassiker wie Aretha Franklins Respect – historische Ereignisse zu erzählen und zugleich die unveränderte Aktualität der Problematik unter Beweis zu stellen. Denn das Ganze ist kein Thema von gestern. Das zeigt sich unmissverständlich durch einzelne Filmszenen, die sich im Jahr 2020 in TV-Formaten wie Germany’s Next Topmodel problemlos ebenso abspielen könnten. Heute jedoch sind wir zusätzlich Bildern in (sozialen) Medien ausgesetzt, die wir nicht mehr per Knopfdruck ausschalten können, sondern die 90-60-90-Politiken durch ihre erbarmungslose Omnipräsenz sehr subtil als Norm etablieren. Eine Norm, die viel mehr aufgerüttelt gehört.

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Lowthorpe verzichtet darauf, zu viele Klatschpresse-Gerüchte und Konflikte, die sich rund um die Juryentscheidung und den Sendungsablauf der damaligen Miss-World-Show formierten, in die Erzählung miteinzubeziehen. Damit entgeht sie neben einer Überbetonung dieser Nebenschauplätze auch der Gefahr, den Film zu überladen. Ihre Inszenierung weist eine vielfältige und zugleich übersichtliche Kombination aus Charakteren und Perspektiven auf, ohne dabei eine Wertung vorzunehmen. Unterschiedliche Lebensentwürfe stehen existenzberechtigt nebeneinander, Schwesternschaft über Feindschaft. Am Ende lässt die Regisseurin dann genau die zentralen Personen vor die Kamera treten, die tatsächlich Teil der historischen Ereignisse waren, unter ihnen Pearl Jansen und Sally Alexander.  Durch sie werden wir als Publikum über das Jahr 1970 hinaus ins Heute mitgenommen und erfahren auch, wie die Biografien der Frauen weitergingen. Die Songtexte des Soundtracks hallen dabei noch in den Ohren wider. You don’t own them, dear patriarchy.

Kinostart: 01.10.2020

Autor

  • Bianca J. Rauch macht gerade ihren PHD in Filmwissenschaft und arbeitet nebenbei hinter der Kamera - beim Film und als Fotografin. Sie lebt zwar in Wien, treibt sich aber am liebsten auf Filmfestivals in aller Welt herum.

Bianca Jasmina Rauch
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