Berlinale 2026: Vivi Li über Two Mountains Weighing Down My Chest

Viv Li’s erster Langfilm Two Mountains Weighing Down My Chest ist eine Suche nach Zugehörigkeit, über Kontinente, Community und Geschlecht hinweg. In der Sektion Panorama Dokumente feierte der Film auf der 76. Berlinale seine Weltpremiere. Filmlöwin Lea Lünenborg hat Viv Li für ein Interview am Tag nach ihrer Premiere getroffen. 

Lea: Viv, dein Dokumentarfilm bewegt sich zwischen Beobachtung und persönlicher Erzählung. Wie ist diese Art von Filmemachen bei dir entstanden? 

Viv Li: Ich habe für meinen Master-Abschluss zwei Jahre lang Dokumentarfilm studiert. Im letzten Drittel des Studiums war ich total blockiert und wusste nicht, was ich tun sollte. Ich fühlte mich einfach nicht kreativ. Also beschloss ich, nach China zurückzukehren, nahm meine neue Kamera mit und filmte einfach. Nach zehn Tagen kam ich zurück  und zeigte das Material meinem Mentor. Er unterstützte mich dabei, aus dem Material einen Film zu machen. Er kam auf Festivals sehr gut an, es war mein erster Film, der es in die Festivalwelt geschafft hat. Das hat mich wirklich zum Nachdenken gebracht: Vorher habe ich mich immer daran orientiert, wie andere Leute Filme machen oder wie ein guter Dokumentarfilm sein sollte, und dabei ist nie wirklich ein Film entstanden. Ich habe mich im Anschluss entschieden, meine Art des Filmens weiter zu vertiefen, sehr intim zu sein und mich selbst auch vor die Kamera zu stellen.___STEADY_PAYWALL___

Wer hat dich als Filmemacher*in inspiriert?

Viele Menschen inspirieren mich. Besonders inspiriert war ich von Sophie Bédard Marcotte, sie ist eine unabhängige Filmemacherin aus Kanada. Ihren Film LA Tea Time habe ich 2019 auf dem Internationalen Dokumentarfilmfestival in Amsterdam gesehen. Und ein anderer Film, den ich wieder und wieder sehe, ist Frances Ha. Ich konnte mich so gut mit dem Film identifizieren, weil ich auch nicht dateable bin. Ich war Anfang 20, als ich den Film zum ersten Mal entdeckt habe. Ich fühle mich einfach verstanden und verbunden mit anderen einsamen Menschen auf der Welt. Das gibt mir das Gefühl, gesehen zu werden.

© Viv Li, Corso Film

In deinem Film geht es um Heimat, um Zugehörigkeit.  In einer Szene sagst du “Ich gehöre nicht hierher.” Hast du das Gefühl, irgendwo dazuzugehören?

Ja, ich komme immer besser damit klar. Oder ich lerne, die Tatsache zu akzeptieren, dass mein Zuhause vielleicht nur eine statische Bewegung ist, an verschiedenen Orten auf der Welt. Früher habe ich mich darauf konzentriert, einen physischen Raum oder ein starkes Zugehörigkeitsgefühl in einer Gemeinschaft oder an einem Ort zu finden. Aber dann habe ich erkannt, dass das in der heutigen Welt unmöglich ist. Wir sind fluide und werden jeden Tag von Dingen beeinflusst, die unser Leben verändern können. Wir bewegen uns nicht nur an verschiedenen Orten, sondern auch in verschiedenen Gemeinschaften. In Berlin habe ich dank meiner Freund*innen aus der Film- und Kunstbranche eine Gemeinschaft. Aber ich fühle mich auch mit meinen chinesischen Freund*innen verbunden. Das Gefühl der Zugehörigkeit besteht für mich darin, dass ich mich frei bewegen kann und nicht irgendwo dazugehöre – das ist mein gutes Gefühl der Zugehörigkeit.

Während wir über Zugehörigkeit sprechen, wird mir klar, dass es sich dabei um etwas Ähnliches wie Selbstdefinition handelt. Denn wenn mich jemand fragt, wo ich mich zugehörig fühle, dann ist es fast so, als würde die Person fragen, wie ich mich selbst definiere. Wenn ich sage, dass ich mich der queeren Community zugehörig fühle, ist das als würde ich sagen, dass ich queer bin oder zur chinesischen Community gehöre und mich als Chinesin fühle. Das ist eine interessante Erkenntnis für mich.

Fällt es dir schwer, dich zur Zugehörigkeit zu einer Community zu bekennen?

Nein, überhaupt nicht. Ich bin Chinesin, ich gehöre zur chinesischen Gemeinschaft. Aber ich habe einfach das Gefühl, dass Zugehörigkeit und Definition sich ziemlich überschneiden. 

Queer als Begriff beinhaltet dieses Fluidität der Community. 

Unser Film ist beim Teddy Award nominiert und ich habe gedacht, dass unser Film dafür eigentlich nicht queer genug ist. Aber ich bin total glücklich, nominiert und anerkannt zu sein. Ein Freund hat mir dann gesagt: “queer ist ein spirit, keine Definition!” Und er sagte, dass mein Film vor allem von der Form her sehr queer ist. Das war auch für mich eine gute Lernerfahrung. 

Du hast schon auf vielen Orten dieser Welt gelebt. Wie kam es dazu, dass du jetzt schon so lange in Berlin lebst? 

Ich kam nach Berlin während der Pandemie. Damals hatte ich mein Studium abgeschlossen und es war wirklich chaotisch in der Welt, vor allem was das Reisen angeht. Also beschloss ich, ein bisschen zu bleiben, bis sich die Lage beruhigt hat. Ich habe das Berliner Künstlervisum bekommen, ansonsten wäre es für mich sehr schwierig gewesen, nach dem Studium in Europa zu bleiben. Ich habe eher zufällig viele Freund*innen getroffen und begonnen, meine Filme hier zu entwickeln. Also blieb ich. Als ich heute Morgen aufgewacht bin, habe ich mich ein wenig leer gefühlt und gedacht: Ich bin wegen dieses Films geblieben, und jetzt ist der Film fertig. Vielleicht sollte ich etwas Neues finden. 

© Daniel Chein, Corso Film

Gestern war die Weltpremiere deines Films. Wie war das für dich? Auch vor dem Hintergrund, dass dein Film sehr persönlich ist. 

Ich habe mich wirklich wohl gefühlt, weil gestern alle meine Freund*innen da waren, deshalb hatte ich gar keine Zeit, über den Film oder die Situation nachzudenken. Ich sehe mich im Film nicht wirklich als mich selbst, auf der Leinwand ist nur ein ganz kleiner Ausschnitt von mir zu sehen. 

Mein Ziel beim Filmemachen bestand darin, mit dem Film zu sein, den Prozess zu durchlaufen und zu sehen, wie sich etwas immer weiterentwickelt. Und ich denke, jetzt geht es um die Verbindung zum Publikum und darum, dessen Reaktion zu sehen. Das kann mich auch dazu bringen, meinen Film anders zu sehen. So entwickelt sich das auf einer anderen Ebene weiter, auch ohne dass sich der Film weiter verändert. Das finde ich ziemlich spannend.

Hat deine Familie deinen Film schon gesehen? 

Meine Großmutter hat den Film gesehen, sie ist kürzlich verstorben und ich habe ihr einige Szenen gezeigt, bevor sie verstorben ist. Ich war sehr nervös, ihr den Film zu zeigen, aber sie hat ihn wirklich gerne gesehen. Manchmal erwartet man etwas, aber dann kommt es ganz anders. Sie hat gefragt, warum die Menschen im Film so nackt sind und ob es nicht kalt ist, nackt in Berlin zu sein! Ich habe viel an sie gedacht, während ich mir den Film angesehen habe.

Wenn du mit deinem Material in den Schnittraum gehst, hast du dann ein Skript im Kopf oder orientierst du dich an einer Aussage, die du mit deinem Film treffen möchtest? 

Ich glaube, das ist es, was mich an Dokumentarfilmen wirklich fasziniert: Für mich als Regisseurin ist es eine Art Cheat-Code, dass ich mich wirklich auf die Realität verlassen kann, die mich leitet und mich irgendwohin führt. Als ich den Film gedreht habe, hatte ich eine gewisse Vorstellung davon, wohin das führen würde. Aber dann habe ich gemeinsam mit meinem Cutter, meinem Dramaturgen und meinem Produzenten festgestellt: In diesem Film geht es um all diese Meinungen, die kommen und gehen. Ich hatte zuerst das Gefühl, dass es in dem Film darum geht, verloren zu sein oder nach einem Ort zu suchen, aber dabei ist mir nie bewusst geworden, dass es in diesem Film so viele Meinungen gibt und es letztendlich darum geht, dass keine Meinung wirklich zählt. Nichts ist richtig. Nichts ist falsch, und alles ist nur eine Erfahrung. 

© Viv Li, Corso Film

Deine Meinung zu vielen Themen bekommen wir im Film nicht zu hören. 

Ich wurde jeden Tag mit Meinungen überschüttet. Wenn ich an einem neuen Ort bin, in einer neuen Umgebung, muss ich zuhören und ich höre gerne zu. In Two Mountains Weighing Down My Chest höre ich viel zu und beobachte viel. Es ist auch eine Art, neugierig auf die Meinungen und Gedanken anderer Menschen zu sein. Jede Person, auch wenn sie keine ausgebildete Dokumentarfilmerin ist, wird von Dingen inspiriert, die sie erlebt, von Dingen, die sie im Kopf hat, von Erinnerungen oder von dem, was sie sieht. Letztendlich sind alle Filme eine Art Dokumentarfilm. Für mich bedeutet das Dokumentieren einen Teil deiner Erinnerung, einen Teil deiner Erfahrungen auf eine andere Art und Weise auszudrücken. 

Vielen Dank für das Gespräch.