Berlinale 2026: If Pigeons Turned to Gold

If Pigeons Turned to Gold ist die vielschichtige Dokumentation einer Familie, die unter Sucht und Wohnungslosigkeit leidet. Die tschechische Filmemacherin Pepa Lubojacki begleitet sich und ihre Familie 5 Jahre lang filmisch, woraus ein herausragend starker Film entstanden ist, der sich genreübergreifend zwischen Dokumentation und Experimentalfilm bewegt. 

Lubojacki ermöglicht mit ihrem Film einen extrem persönlichen Einblick in ihr Leben, in dem Suchterkrankungen und Wohnungslosigkeit schon immer eine Rolle spielen, so generiert sie Sichtbarkeit für die gesamtgesellschaftlichen und stigmatisierten Probleme. Ihr Bruder und ihre Cousins sind von Wohnungslosigkeit betroffen und leiden unter schwerer Alkoholsucht; ihr Vater und Stiefvater sind an ihrer Alkoholkrankheit verstorben; Pepa Lubojacki kämpft selbst mit Sucht und Co-Abhängigkeit. Ihre eigene Scham spielt im Film eine wiederkehrende Rolle. 

Collagenhaft verbindet Pepa Lubojacki dokumentarische Aufnahmen mit einer sichtbaren und bewegten Handkamera, KI-generierten Videos, eingeblendeten Fotos, Schrift und hochaufgelösten, inszenierten Sequenzen. Unterlegt ist alles mit treibender, rhythmischer Musik von Adam Matej und organisiert durch einen dynamischen Schnitt von Lubojacki selbst. So entsteht ein rauschhaftes Seherlebnis, was die Thematik des Films treffend widerspiegelt.

Zu Beginn des Films werden die beiden Kinderportraits eingeblendet, die auf dem Filmplakat zu sehen sind. Sie lächeln und sehen glücklich und gesund aus. Dann beginnen die Kinder auf den Fotos zu sprechen. Es handelt sich um die Filmemacherin und ihren Bruder. Mit Hilfe von KI lässt Lubojacki die Kinderfotos lebendig werden und ihre Geschichte erzählen. Dies hat einen provokanten Effekt, da die Kinder hoffnungsvoll und ahnungslos erscheinen, während sie von den Folgen der Alkoholsucht berichten. Sie schildern das zerstörerische Verhalten ihrer beiden Väter, die Anfänge der eigenen Suchtproblematik, sowie die verheerenden Auswirkungen des Alkohols auf den menschlichen Organismus und die Suchtfaktoren. Es entsteht der schmerzliche Eindruck, die schutzbedürftigen Kinder wären im Stich gelassen worden, was das gesamtgesellschaftliche Versagen in dieser Problematik verdeutlicht. Eine weitere KI-generierte Video-Ebene ist eine sprechende Taube. Die Taube hat den Mund und die Augen von Pepa Lubojacki, durch die diese ungefiltert und schonungslos ihre Gedanken und Ängste über ihren Bruder, ihre Cousins und den Film selbst formuliert. Diese Gedanken und Ängste werden durch eingeblendete Schrift in verschiedener, auffälliger Typografie verstärkt.___STEADY_PAYWALL___

© CLAW films

Ein wiederkehrendes Thema der Filmemacherin ist das Nachdenken über das Filmemachen und Sichtbarmachen ihrer Geschichte. Dabei formuliert sie eine doppelte Scham. Zum einen die Scham, durch ihre Zugehörigkeit zu ihrem Bruder und ihren Cousins ebenfalls als wohnungslos gelesen zu werden. Sie merkt immer wieder, dass sie nicht in der Lage ist, sich gänzlich vor dem abwertenden, gesellschaftlich internalisierten Blick auf wohnungslose und suchtkranke Menschen zu schützen. Zum anderen belastet sie die Scham über ihre Scham. Sie schämt sich dafür, sich selbst dieses abwertenden Blicks auf ihre Familie zu bedienen. Durch die Sichtbarmachung ihrer Scham und der Zugehörigkeit zu ihrer Familie dreht sie den abwertenden Blick jedoch um: Sie stellt Sucht und Wohnungslosigkeit als persönliche Themen ins Zentrum ihrer Arbeit und geht so aktiv gegen ein kollektives Wegschauen und einen objektifizierenden Blick vor. Deshalb ist If Pigeons Turned to Gold nicht nur ein extrem guter, sondern auch ein sehr wichtiger Film.

Den Kern des Films stellen die dokumentarischen Aufnahmen dar. Pepa Lubojacki filmt selbst mit einer bewegten Handkamera, die sich schließlich als Handykamera herausstellt. Durch die Verwendung des Alltagsgegenstandes als Kamera stellt sie eine Vertrautheit her, die dem Film sehr zuträgt. So filmt sie fröhliche und unbeschwerte Szenen, in denen sie mit ihrem Bruder in seinem improvisierten Unterschlupf Kaffee trinkt oder mit ihren Cousins quatscht, aber auch intensive und tragische Szenen wie Streits unter dem Einfluss von Alkohol. Besonders mitreißend ist die wiederkehrende Hoffnung auf einen Ausweg aus der Sucht und den Einstieg zurück in die Gesellschaft, die mehrfach enttäuscht wird. Das zeigt die Dynamik einer Alkoholsucht und die Frustration der Co-Abhängigkeit. Die repetitiven Motive des Films, wie die wiederkehrenden KI-Videos, verdeutlichen das Auf und Ab der Sucht.

Ruhe und Frieden gibt es in If Pigeons Turned to Gold eigentlich nur in den hochaufgelösten Szenen, die Pepa Lubojacki allein in der Natur zeigen. In diesen Sequenzen läuft sie entweder durch einen Wald, treibt auf uferlosem Wasser oder taucht schwerelos unter. Hier herrscht Stille.

Die Identität der Protagonisten im Film wird durch ihre Wohnungslosigkeit dominiert. “a desk”, “a sink”, “a bed“ sind Wörter, die vermehrt im Film eingeblendet werden und immer wieder die Vorfreude von Lubojackis Bruder verdeutlichen, wenn er phasenweise eine eigene Wohnung bezieht. Eine eigene Wohnung dient nicht nur als Status-Upgrade, sondern ist überlebenswichtig. Der große gesellschaftliche Unterschied zwischen einer wohnungslosen und einer wohnungsbeziehenden Person, der das gesellschaftliche Stigma begründet, manifestiert sich einzig und allein in diesem Gebilde. Diese einfache Rechnung exemplarisiert Pepa Lubojacki mit ihrem Film immer wieder, indem sie die Grenze zwischen Wohnung und keine Wohnung wiederholt überschreitet und somit aufhebt. 

© CLAW films

Die treibende Kraft hinter der Wohnungslosigkeit ist wie so oft auch in Lubojackis Familie die Alkoholsucht. Als transgenerationales Trauma frisst sie sich durch ihre Familienbiographie, Lubojacki kennt nicht mal ihren Ursprung. Die Sucht lähmt ihre Opfer und beraubt sie ihrer Handlungsmacht. Ihr Bruder wird unter Einfluss von Alkohol destruktiv und launisch, ihr Cousin hat seine beiden Beine an den Alkohol verloren und regelmäßig sterben Bekannte der Protagonist*innen an den Folgen ihres Alkoholkonsums. Diese Sucht ist schwer zu begreifen, was es für Co-Abhängige wie Lubojacki so wahnsinnig schwer macht, mit ihr umzugehen. Immer wieder steht die Genesung in Aussicht und es werden große Schritte in Richtung Zuverlässigkeit, Wohnung und Arbeit gemacht, nur um sich dann doch wieder mit einem morgendlichen Drink in Luft aufzulösen.

Die Co-Abhängigkeit hinterlässt schließlich so tiefe Wunden in der mentalen und physischen Gesundheit Pepa Lubojackis, dass sie sich diesbezüglich in einer psychiatrischen Einrichtung behandeln lässt. In dieser verletzlichen Situation richtet sie die Kamera auf sich selbst und wird so von der Erzählerin zur Protagonistin. Dadurch beweist sie erneut die Solidarität mit ihrer Familie. Ihr Blick durch die (Handy-)Kamera und die Montage ist kein objektifizierender, sondern ein subjektiver Blick von innen nach außen, ein Aufzeigen und Verständlichmachen. 

Pepa Lubojackis Film If Pigeons Turned to Gold ist schonungslos und dadurch sehr hart. Er ist ebenfalls voller Liebe und Emanzipation und ein Appell an alle, nicht die Augen zu verschließen. Lubojacki macht sehr deutlich, wie einige Menschen in unserer Gesellschaft gelernt haben, mit Schmerz umzugehen. That’s it.

If Pigeons turned to gold, they would decorate our streets and houses. But they aren’t. They are not even silver. They are just what they are. Can that not be okay? (Zitat aus dem Film)

If Pigeons Turned to Gold ist als Weltpremiere bei der Berlinale 2026 zu sehen.


© privat

Über die Gast-Löwin:

Greta Jebens macht zur Zeit ihren Master in Kulturwissenschaften an der Universität Leipzig. Sie arbeitet zu medien- und queertheoretischen Themen wie Sehgewohnheiten, Blickregimen und Zeitlichkeiten. Außerdem arbeitet Greta im Szenenbild Department bei unterschiedlichen Filmen und in einem Buchladen.