Berlinale 2026: Heysel 85
Selbst in Kreisen von Fußballfans spielt die Katastrophe vom Landesmeisterpokalfinale von 1985 kaum noch eine Rolle im kollektiven Gedächtnis. Zu schnelllebig ist das Geschäft um den runden Ball, zu unbekannt sind heute die Namen, die damals dort beteiligt waren. Deswegen ergibt es Sinn, dass Heysel 85 von Teodora Ana Mihai nicht als minutiöse Nacherzählung eines Sportdramas daherkommt, sondern als anklagende Zurschaustellung von Macht, die keine Verantwortung übernehmen will und menschlicher – vor allem männlicher – Hybris.
Am 29. Mai 1985 reisen zehntausende italienische und englische Fans ins belgische Brüssel, um das Finale des Landesmeisterpokals – dem Vorläufer der heutigen Champions League – zwischen Juventus Turin und dem Liverpool FC im Heysel-Stadion zu verfolgen. Die belgische Politik und der belgische Fußballverband sehen die Austragung dieses wichtigen Spiels als Chance, um Belgien wieder stärker auf der europäischen Landkarte zu verorten. Bedenken um den maroden Zustand des alten Stadions und die aufgeheizte Stimmung zwischen italienischen und englischen Hooligan-Gruppierungen werden dementsprechend abgewiegelt: Fußball soll die Menschen doch einen und nicht entzweien. So weit und so realitätsgetreu inszeniert die rumänische Regisseurin Teodora Ana Mihai in ihrem Film, die Ausgangslage die letztendlich in einer der größten Stadion-Katastrophen der Fußballgeschichte enden sollte: 39 Menschen sterben, als Ausschreitungen zwischen Fans eine Mauer im Stadion zum Einsturz bringen und eine Massenpanik ausbricht. Hunderte werden schwer verletzt ins Krankenhaus gebracht. Das Spiel wird mit deutlicher Verspätung angepfiffen – ja, wirklich.

© Menuetto Toon Aerts
___STEADY_PAYWALL___Heysel 85 erzählt die Geschehnisse des Abends durch die Wahrnehmung von Marie (Violet Braeckman). Sie ist nicht nur die Presseattachée des Brüsseler Bürgermeisters Marc Dumont (Josse De Pauw), sondern auch seine Tochter. Sie begleitet die Pressekonferenz vor dem Spiel, in der Verbandschef und Bürgermeister die Sicherheitsrisiken runterspielen. Sie irrt für verschiedene Botengänge ihres Vaters durch die Tunnelgänge des Stadions, während die Situation auf den Rängen mehr und mehr außer Kontrolle gerät. Sie hilft dem italienischen Journalisten Luca Rossi (Matteo Simoni), seine Familie zu finden, dolmetscht in den Konflikten, die hochrangige Funktionäre in der sicheren VIP-Area des Stadions austragen und sie hilft den Verletzten und Angehörigen so gut es geht. Zu guter Letzt mischt sie sich als Stimme der Moral und der Vernunft in die Diskussion um die Frage ein, ob das Spiel letztendlich stattfinden sollte oder nicht – ohne Erfolg.
Filmisch gesehen hat Heysel 85 seine Stärken in den klaustrophobischen und beunruhigenden Sequenzen, in denen vor allem die hämmernde Geräuschkulisse die Ausmaße der Katastrophe und ihre Eskalation vermittelt. Nach und nach erscheinen mehr Anzeichen dessen auf der Leinwand: Erste gestresste Einsatzkräfte, dann frühe blutige Wunden durch fliegende Steine, Menschen verlassen das Stadion, ein wichtiger Schlüssel wird nicht gefunden, die Funkgeräte der Polizei funktionieren nicht, weil niemand sie aufgeladen hat.
Während die Anspannung im Film stetig steigt und der Stress, den Marie in ihrer oft machtlosen Lage erlebt, für das Publikum mehr und mehr spürbar wird, schleicht sich erst leicht und irgendwann sehr deutlich die Erkenntnis ein, dass all dies hätte verhindert werden können. Doch mächtige Männer in hohen Positionen waren zu sehr damit beschäftigt, Zuständigkeiten hin und her zu schieben und von sich zu weisen, während andere mächtige Männer aus Angst davor, die falsche Entscheidung zu treffen, lieber keine Entscheidung treffen. Die Szenen, in denen Heysel 85 diesen Aspekt des menschlichen Versagens aushandelt, sind lang, dialoggetrieben und auf eine Weise unerträglich, die den Stress um die Katastrophe zu einer starken Darstellung von den Folgen machtinduzierter Unverantwortlichkeit ergänzt. Teodora Ana Mihai hat schon in ihren vorherigen Filmen (La Civil von 2021 und Traffic von 2024) Genreformeln genutzt, um pointierte Analysen gesellschaftlicher Machtverhältnisse und ihrer Folgen zu präsentieren. Heysel 85 reiht sich in diesen Anspruch ein.
Heysel 85 ist als Weltpremiere bei der Berlinale 2026 zu sehen.
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