Berlinale 2026: In A Whisper
Zur Beerdigung ihres Onkels Daly reist Lilia (Eya Bouteraa) in ihre tunesische Heimat. Im Kreis dreier Generationen von Frauen betrauert sie sein vorzeitiges Ableben. Was steckt hinter dem Tod des heimlich homosexuellen Mannes? Trotz der innigen Vertrautheit Lilias mit Mutter, Tante und Großmutter bleibt vieles ungesagt. Die Liebe Dalys zu anderen Männern ist „das Unaussprechliche“, das omnipräsent im Raum steht, ohne benannt zu werden, und gerade dadurch eine unheilvolle Macht entwickelt. Dabei beschäftigen Lilia nicht nur die mysteriösen Umstände von Dalys Tod, sondern auch ihre eigene sexuelle Identität. Denn während sie im Haus der Familie die traditionellen Gedenkriten vollzieht, wartet ganz in der Nähe ihre Lebensgefährtin Alice (Marion Barbeau) in einem Hotel auf das nächste heimliche gemeinsame Treffen.
Ganz nah ist die Kamera, erforscht die Mimik und Blicke der Figuren, um zu erzählen, was ungesagt bleibt. Regisseurin Leyla Bouzid und ihr Kameramann brauchen zu Beginn von In A Whisper nur wenige Einstellungen, um dem Publikum die Hintergründe der Geschichte zu vermitteln. Ja, es bedarf gar nur eines einzigen Blickwechsels zwischen Lilia und Alice, um deren Verhältnis zu begreifen.
Mit großer Sensibilität sowie Liebe zu den Figuren ebenso wie zu Sousse als tunesischen Spielort erzählt Leyla Bouzid von Identität, Familie und einer homophoben Gesellschaft im Außen und Innen. Nicht nur in den Straßen von Sousse gibt es eine queere Subkultur, die gesetzlich verboten, gleichzeitig stillschweigend toleriert und doch immer von Gewalt bedroht ist. Auch in Lilias Familie existert, eine klare offizielle Haltung zum Thema Homosexualität, verkörpert durch die großmütterliche Matriarchin, und gleichzeitig divergierende Meinungen und Lebensrealitäten. In A Whisper beobachtet Lilia dabei, wie sie sich durch dieses Labyrinth aus Verbundenheit, Geheimnissen und Ängsten manövriert. Wie kann sie ihren eigenen Weg finden, ohne dabei Alice aus dem Blick zu verlieren?___STEADY_PAYWALL___

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Die große Stärke von In A Whisper sind die überzeugenden Charaktere und deren souveräne Inszenierung durch Leyla Bouzid. Die Regisseurin entlockt den Schauspielerinnen durch subtile Mimik und kleinste Gesten große Gefühle und macht diese für das Publikum spür- und erfahrbar. Damit gelingt Bouzid eine Nähe zu allen weiblichen Hauptfiguren, unabhängig von deren Positionierung im queeren Diskurs. So wie Lilias Familienmitglieder sich in ihren divergierenden Meinungen stillschweigend erkennen und trotzdem einander stets in Liebe und Wertschätzung begegnen, fällt auch Leyla Bouzid in ihrem Film keine Urteile über sie. Als Zuschauer*innen dürfen und sollen wir alle Frauen gleichsam ins Herz schließen. Und doch hat In A Whisper zum Thema Homosexualität eine klar befürwortende und spürbar politische Haltung. Damit gelingt Leyla Bouzid etwas, das in der heutigen Zeit selten ist: die liebevolle Anerkennung der Gleichzeitigkeit der Dinge.
Lilia kann ihre Partnerin Alice und die queerfeindliche Großmutter gleichzeitig lieben. Vielleicht ist das Ende des Films in dieser Hinsicht ein wenig zu kitschig und utopisch geraten. Aber vielleicht brauchen wir manchmal gerade diesen Kitsch und diese Utopie, um selbst die Gleichzeitigkeit der Dinge aushalten zu können.
In A Whisper ist Teil des Wettbewerbs der Berlinale 2026.
- Berlinale 2026: Traces – Kurzkritik - 19. Februar 2026
- Berlinale 2026: Was an Empfindsamkeit bleibt - 16. Februar 2026
- Berlinale 2026: Siri Hustvedt – Dance Around the Self – Kurzkritik - 15. Februar 2026




