The Other Side Of The River – Regisseurin Antonia Kilian im Interview

Filmemacherin Antonia Kilian ging nach Rojava, um zu erfahren, was das Versprechen der kurdischen Frauenrevolution im Alltäglichen ausmacht. Vor Ort traf sie Hala Mustafa. Um einer Zwangsheirat zu entkommen, floh Hala als 19-jährige aus der vom Islamischen Staat (IS) besetzten Stadt Minbij. In Rojava schloss sie sich der kurdischen Frauenverteidigungseinheit an. Als Polizistin möchte sie für die Freiheit ihrer Schwestern und aller Frauen in Minbij kämpfen.

In Rojava fand Antonia Kilian neben ihrer Protagonistin auch das Team für ihr Filmprojekt: Die syrisch-kurdische Filmemacherin und Ko-Direktorin von „Komina Film a Rojava“, Sevinaz Evdike, und den iranischen Aktivisten und Journalisten, Arash Asadi. Zusätzliche Unterstützung erhielt sie von der Filmemacherin Guevara Namer aus Berlin.

Im Rahmen des Kurdischen Filmfestivals sprach Antonia Klian mit Lea Gronenberg von FILMLÖWIN darüber, unter welchen Bedingungen The Other Side Of The River entstand und was sie von der kurdischen Frauenbewegung gelernt hat.

Lea Gronenberg: Was hat dich dazu bewegt, nach Rojava zu gehen?

Antonia Kilian: Ich bin nach Rojava gegangen, weil ich schon Teil einer Solidaritätsbewegung war. Ich hatte mich schon länger mit der Region beschäftigt und insbesondere mit dem Versprechen einer Frauenbefreiung und der autonomen Frauenorganisation vor Ort. Da ich Filmemacherin bin, war das schon immer mein Zugang. Die Idee war es einen Dokumentarfilm über die Frauenrevolution zu machen. Ich hatte mir auch schon ein Konzept dafür gemacht, nachdem ich viel recherchiert und gelesen und auch andere Frauenakademien z.B. in der Osttürkei besucht hatte. Ich hatte immer den Wunsch in einer Akademie anzufangen, den ideologischen Hintergrund der kurdischen Frauenbewegung dort zu verstehen und dann zu begleiten, wie Frauen geschult werden und dann mit ihnen gemeinsam rauszugehen und zu schauen, was das in der Realität für sie bedeutet. Was das auch in Reibung vielleicht mit der Familie und der Gesellschaft bedeutet. Das war die Grundidee. Mir war überhaupt nicht klar, ob das ein realistisches Vorhaben ist. Ob ich einreisen kann und ob ich es schaffe, vor Ort einen Film zu machen.

Als es dann möglich war, bist du zunächst allein nach Rojava gereist.

Ursprünglich wollte ich nur eine erste Recherchereise von vielleicht einem Monat machen. Es war eine Mischung aus Faszination und der Erkenntnis, dass ich eigentlich gar nichts weiß und wenn ich diesen Film machen will, ich einfach dableiben muss. Ich hatte das Gefühl, ich muss die ganze Zeit vor Ort sein und immer wieder hinfahren, um zu erfahren, was ich erzählen wollte. Mich hat nicht die Front interessiert oder der bewaffnete Kampf, sondern was das Versprechen einer Frauenbefreiung im ganz Alltäglichen bedeutet.

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Du warst über ein Jahr in Rojava. Was hast du gemacht, wenn du nicht an deinem Film gearbeitet hast?

Nach dem Ende der Akademie und dem Zeitpunkt, an dem ich Hala hinterherreisen durfte, lagen zwei Monate. In der Zeit habe ich angefangen Workshops im Kontext der Rojava Filmkommune zu geben. Sevinaz Evdike, deren Familie mich aufgenommen hat, ist eine der Leiterinnen. Wir haben mit jungen Filmemacherinnen Kurzfilme rund um Frauenrechtsthemen gemacht. Eine von denen wollte dann unbedingt ihren eigenen Dokumentarfilm machen. In Rojava gibt es so ein Dorf, das heißt Jinwar, wo nur Frauen leben, die patriarchale Gewalt erlebt haben. Im Prinzip wie ein Frauenhaus, nur als Dorf. Sie hat einen Dokumentarfilm über dieses Dorf gemacht. Ich habe ihr dafür meine Kamera gegeben, ihr beim Drehen geholfen und so kleine Clips gemacht, die man jetzt auf YouTube sehen kann.

Wie siehst du selbst das Verhältnis von deinem Aktivismus in der Solidaritätsbewegung und dir als Filmemacherin?

In dem Fall war das sogar Voraussetzung, um überhaupt arbeiten zu können. Sonst hätte ich da nie so drehen dürfen, wie ich gedreht habe. Klar wurde viel geschaut, aber ich habe irgendwann schon ein sehr großes Vertrauen entgegengebracht bekommen von der Frauenbewegung.

Der Aktivismus war eine Motivation, den Film überhaupt zu machen, nämlich die Frage: Wie kann ich und wie können andere denn überhaupt aktivistisch für etwas einstehen, wenn wir eigentlich nicht wirklich wissen, wofür? Und ich glaube das ist auch der Grund, warum ich meine eigene Person in den Film eingebracht habe. Stellvertretend und total selbstkritisch als eine von vielen, die mehr verstehen will. Und hier kommen eben meine Co-AutorInnen ins Spiel: Ohne die Kooperation mit Guevara Namer und Arash Asadi wäre dieser Film natürlich total an einer Oberfläche geblieben, die ich als sehr idealistisch, naiv und sehr weiß bezeichnen würde. 

Warum hast du dich dafür entschieden, Halas Geschichte zu erzählen?

Eigentlich war das vom allerersten Gespräch an klar. Das Gespräch ist auch im Film zu sehen, wo sie sagt: „Wenn du hierbleibst, erzähle ich dir meine ganze Geschichte“. Dann ist sie aufgestanden, hat mir zugelächelt und ist weggerannt. Ich bin dann kurz weggefahren und am nächsten Morgen direkt wiedergekommen. Mir war klar, sie ist super sympathisch und charismatisch und sie will gerne gedreht werden. Das war mir extrem wichtig, weil ich niemals meine Kamera auf jemanden halten würde, der das nicht möchte. Sie hatte ein großes Mitteilungsbedürfnis und kam eben aus Minbij. Sie ist als Araberin den kurdischen Streitkräften beigetreten und das fand ich auch total spannend.

Wie hat sich der Film dann entwickelt?

Es war immer wieder so, dass ich mich gefragt habe, ob der Film so funktioniert. Ich war die ganze Zeit voll da und habe wenig Kontakt gehabt. Bei Filmen macht man oft Feedbackrunden oder hat Mentor:innenschaft von außen. Aber hier waren es nur wir, die vor Ort waren und immer wieder überlegt haben, ob das Sinn macht. Da war extrem viel Zweifel mit verbunden, auch weil die Situation so prekär war. Die meiste Zeit habe ich wie gesagt allein gedreht. Ich spreche kein Arabisch und nur wenig Kurdisch. Das heißt ich habe viel beobachtend gedreht, ohne genau zu wissen, was eigentlich passiert. Das bedeutet dann auch eine sehr begrenzte Form von Regieführung.

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Hattest du eine klare Vision davon, wie der Film zum Schluss aussehen soll?

Ich habe einfach Bilder gemacht, ohne mir vorher ein visuelles Konzept überlegt zu haben. Dadurch, dass ich die Kamera mache, ist das immer mein Auge und ganz eng geknüpft an meine Beobachtung. Die Situation, in der ich war, hatte natürlich Auswirkungen auf den Film. Allein nach Minbij zu kommen war immer eine große Herausforderung. Eigentlich bin ich immer schon völlig erschöpft angekommen und habe dort auch in der Polizeistation gelebt, mit der Kommandantin in einem Zimmer. Ich war immer froh anzukommen und habe dann einfach gedreht, was da ist. Die Filmsprache hat sich aus der Situation natürlich und organisch entwickelt und dann war es ein ewig langer Schnittprozess gemeinsam mit Arash. Da ging es dann darum, möglichst dialektisch, die verschiedenen Ebenen herauszuarbeiten, ohne in eine ideologische Narration zu verfallen, sondern möglichst offen die Geschichte von Hala zu erzählen. Die für mich schwierigste Entscheidung war: Wie präsent soll ich im Film sein, soll ich überhaupt im Film sein? Ich glaube es war aus verschiedenen Gründen richtig, dass ich doch im Film bin.

Was waren deine Erwägungen dafür?

Es war wichtig, um die Perspektive mit zu erzählen, aus der das gedreht ist. Von einer deutschen, weißen Frau, die als Aktivistin dort hingegangen ist, die lange geblieben ist und viele Fragen hatte an die Situation, an Hala, an das Land, die Geschichte, den Ort. Aber auch um die Geschichte zwischen Hala und mir zu erzählen, weil immer die Frage war, warum Hala ihre Geschichte erzählt. Ich wurde so oft gefragt, ob das Filmemachen ein Katalysator dafür war, dass alles so gekommen ist, wie es im Film zu sehen ist. Das glaube ich nicht, aber ich fand es schon interessant, diese Beziehung zu zeigen. Auch wenn das nicht so prominent im Film ist, gibt es immer wieder kleine Momente, in denen man sieht, wie wir miteinander kommunizieren, ohne dass ich Arabisch spreche. Ein anderer Grund war, dass ich nicht nur für mich individuell stehe. Es haben sich viele Menschen dafür entschieden nach Rojava zu gehen, sogenannte Internationalistinnen und Internationalisten. Weil ich mich als Teil davon sehe, war mir wichtig, das auch zu erzählen.

Du hast dich auch aus feministischer Perspektive mit der Situation in Rojava beschäftigt. Konntest du vor Ort auch etwas für dich als Feministin mitnehmen?

Ich glaube schon. Erstmal habe ich viel von der Frauenbewegung gelernt. Das sind beeindruckende Persönlichkeiten, mit sehr großem Wissen und einer großen Militanz. Nicht unbedingt im militärischen Sinne, sondern überhaupt sich als Frauen zu organisieren mit einer großen Stärke und unterschiedlichen Methoden, was autonome Frauenorganisierung im Alltag bedeutet. Aber auch im Umgang, im Verständnis über sich selbst und in Beziehung mit den Männern. Da habe ich sehr viel gelernt, aber in Abgrenzung zu meiner eigenen Lebensrealität auch sehr viele Unterschiede festgestellt.

© Antonia Kilian

Fließt dein Feminismus auch ins Filmemachen ein?

Ja klar, voll! Sowohl bei der Themenauswahl als auch in der Zusammenarbeit. Feminismus ist nichts war hier anfängt und da aufhört, sondern etwas, das alle Lebensbereiche betrifft und Filmemachen ist ein großer Teil meines Lebens. Ich arbeite hauptsächlich mit Frauen zusammen und ich könnte mir gar nicht vorstellen, mit Mackern zusammenzuarbeiten. Ich bevorzuge Männer, die einen sensiblen Umgang mit feministischen Themen haben und eine kritische Perspektive auf ihr eigenes Mann sein und ihre Privilegien darin.

Es gibt in der Filmbranche ein verstärktes Bewusstsein dafür. Parallel zu meinem Filmprojekt, bei dem ich ja auch von der Frauenbewegung lernen wollte, gab es in Deutschland und vielen anderen Ländern Debatten rund um #metoo und ein stärkeres Bewusstsein für politische Themen. Das hat nach meinem Gefühl mit einer stärkeren Politisierung der Jugend zu tun und einem historischen Moment, in dem die Intervalle zwischen Extremen politischen Ereignissen immer kürzer werden. Das fand ich spannend und auch ein bisschen beruhigend, weil man nicht mehr auf einsamem Posten ist.

 

Aktuell ist The Other Side Of The River im Rahmen des Kurdischen Filmfestivals zu sehen. Ein Kinostart ist für 2022 geplant.

Autor

  • Lea Gronenberg ist Politikwissenschaftlerin und Nerd. Filme und Serien sind für sie ein Ort der Zuflucht und zugleich ein Ort für Gesellschaftsanalyse und -kritik.

Lea Gronenberg