Remake 2018: Bett und Sofa (Tretya meshchanskaya)

Bett und Sofa ist ein weiteres Kapitel aus der Reihe „Wir waren doch schon mal weiter“. Der russische Stummfilm aus dem Jahr 1927 ist in vielerlei Hinsicht um so vieles progressiver als ein Großteil des zeitgenössischen Kinos, dass es mir schier Tränen in die Augen treibt. Am spannendsten aber ist die große Ähnlichkeit zum mexikanischen Film La mujer de nadie aus dem Jahr 1937. Beide Filme erzählen eine Liebesgeschichte jenseits der monogamen Paarbeziehung, anhand derer patriarchale Besitzstrukturen offen gelegt werden.

Im russischen Film von Regisseur Abram Room handelt es sich um das kleinbürgerliche Ehepaar Liuda und Kolia, die mit Volodia einen Freund in Wohnungsnot bei sich aufnehmen. In dem ohnehin schon beengten Zimmer gerät nun einiges durcheinander. Bislang hatten Liuda und Kolia eine klare und klassische Rollenverteilung: Während er auf der Baustelle das Familieneinkommen besorgt, ist sie für Haus und Heim verantwortlich. Doch kaum begibt sich Kolia auf eine Geschäftsreise, öffnet Volodia seiner Gastgeberin die Türen zur Welt – im übertragenen Sinne, durch eine Zeitung, wie auch im tatsächlichen Sinne, durch einen Kinobesuch und gar einen Rundflug über die Stadt. Kein Wunder, dass sich Liuda in den noch dazu außerordentlich schönen Mann* verguckt und mit ihm ein Verhältnis beginnt. Dennoch möchte sie Kolia ungerne vor die Tür setzen und bittet ihn bei seiner Rückkehr, nun anstelle Volodias den Schlafplatz auf der Couch einzunehmen. Das kann natürlich nicht lange gut gehen, insbesondere als Liuda feststellt, dass sie schwanger ist.

© Lobster Films

Wie in La mujer de nadie verändern sich die Beziehungsstrukturen aller Beteiligten maßgeblich durch den Umstand, dass die Frau* in den Augen ihrer Partner von einer eigenständigen Person zum Besitz, zum Statussymbol, zum Beweis männlicher* Potenz und Überlegenheit wird. Auch der zunächst so auf Gleichberechtigung bemühte Volodia beginnt plötzlich, Liuda anzuherrschen und wachsende Eifersucht an den Tag zu legen. Regelmäßig stattfindende Brettspiel-Duelle, ausgerechnet der Sorte „Dame“, verweisen auf den stattfindenden Konkurrenzkampf der Männer*, innerhalb dessen Liuda zu einer Trophäe verkommt. Doch nicht nur das: Die Konkurrenten sind so in ihren „Schwanzvergleich“ vertieft, dass sie Liuda vollkommen aus dem Blick verlieren.

Die aufmerksame Frau* merkt schnell, dass sich die Strukturen zu ihrem Nachteil verändern, doch erst ihre Schwangerschaft erzeugt die alles entscheidende Krise. Als die potentiellen Väter verlangen, sie solle das Kind abtreiben, um keinem von ihnen ein „Kuckuckskind“ zuzumuten, schafft Liuda den Absprung. Wie La mujer de nadie überlässt sie ihre Partner einem toxisch männlichen* Schicksal – festgefahren in Konkurrenzdenken und unfähig, die homoerotische Nuance ihres kompetitiven, aber zugleich auch zärtlichen Zusammenlebens als solche zu erkennen und wertzuschätzen. Im Gegensatz zu ihrer mexikanischen Schwester, muss Liuda bei diesem Befreiungsschlag jedoch nicht zur Märtyrerin werden, sondern darf glücklich und selbstbewusst in eine unabhängige Zukunft blicken.

Doch es ist nicht nur das Finale, das erquicklich feministische Züge trägt. Auch die Verhandlung des Themas Abtreibung erweist sich als der eigenen Zeit über hundert Jahre voraus, denn eine derartige Schilderung ist selbst im zeitgenössischen Kino des Jahres 2018 noch rar. Zwar entscheidet sich Liuda dafür, das Kind zu behalten, doch handelt es sich bei dieser Entscheidung klar um eine Version des Pro Choice Slogans „Mein Bauch gehört mir“, da die Heldin trotz männlicher* Gegenwehr die Macht über den eigenen Körper behält. Zudem ist die Idee des Schwangerschaftsabbruchs in der Logik des Films keine abwegige. Die entsprechende Privatklinik ist kein gruseliges Hinterzimmer, sondern eine helle Praxis mit freundlichem Personal, und die Legitimität des Schwangerschaftsabbruchs bleibt ausschließlich (!) über die Position der betroffenen Heldin, nicht aber über eine moralische Ebene definiert. Liuda entscheidet sich nicht für das Kind, weil sich das so gehört, sondern weil sie es so möchte!

Und eigentlich ist es nicht nur die Abtreibung, die hier eine Legitimation erfährt. Das klar als unangemessen inszenierte Konkurrenzverhalten der Männer* formuliert eine Kritik patriarchaler Besitzansprüche und rückt somit die ménage à trois in den Raum möglicher Beziehungsformen. Liuda jedenfalls scheint im Grunde von beiden Kandidaten angetan. Dass sie sich dennoch für einen von ihnen entscheiden muss, entspringt auch hier nicht einer im Subtext verankerten moralischen Ordnung, sondern der Unfähigkeit der beiden Männer* über die patriarchale Beziehungsnorm hinauszuwachsen. Auch hierin ähnelt Bett und Sofa dem mexikanischen Pendant La mujer de nadie, in dem die Viererbeziehung nicht am Konzept Polyamorie an sich, sondern der Unfähigkeit der Männer* scheitert, die Frau* als Menschen statt als Auszeichnung des eigenen Egos anzusehen.

© Lobster Films

Und so sitze ich einmal mehr ratlos im Kino und frage mich, wie es denn sein kann, dass wir seit nun knapp hundert Jahren dieselben Kämpfe um Gleichberechtigung kämpfen und uns dabei eher zurück statt nach vorne bewegen. Das zeitgenössische Unterhaltungskino, in dem die heterosexuelle, monogame Ordnung noch immer den Dreh- und Angelpunkt nahezu aller Liebesgeschichten und –dramen bildet, inszeniert männliche* Konkurrenzkämpfe um die Gunst oder vielmehr den Besitz der Frauen*, als ultimativ romantisch. Als gäbe es keine Alternative zu der vermeintlich natürlichen Ordnung, dass jede Frau* an die Seite eines Mannes* gehöre.

Vielleicht ist der Schlüssel zu dieser Misere ja in Bett und Sofa zu finden. Vielleicht ist unser Fehler jener, den auch Liuda zu Beginn noch begeht, wenn sie zwischen den Männern* zu vermitteln sucht, nur um plötzlich aus zwei Richtungen auf „ihren Platz“ verwiesen zu werden. Vielleicht sollten wir damit einfach einmal aufhören und wie die Heldin dieses Films die Männer* ihrem toxischen Schicksal überlassen, um ohne sie glücklich und selbstbewusst in eine unabhängige Zukunft zu blicken.