Nur eine Frau

Das Drama Nur eine Frau portraitiert Hatun Aynur Sürücü (Almila Bağrıaçık), die 2005 von ihrem jüngsten Bruder erschossen wurde. Regisseurin Sherry Horman zeigt Aynur als selbstbewusste, kämpferische und lebensfrohe Frau. Ihr Film beschreibt Aynurs Leben und geht dabei der Frage nach, wie es so weit kommen kann, dass eine junge Frau durch ihre eigene Familie hingerichtet wird.

© Mathias Bothor

Mit 16 Jahren nehmen Aynurs Eltern sie vom Gymnasium und verheiraten sie gegen ihren Willen mit einem Cousin in der Türkei. Als sie mit ihrem Sohn Can schwanger ist, verlässt die junge Frau ihren gewalttätigen Ehemann und kehrt zur Familie in Berlin zurück, wo sie eingesperrt in der beengten Wohnung der Eltern mit ihren Geschwistern lebt. Der Wunsch nach einer eigenen Wohnung, einem eigenständigen und selbstbestimmten Leben führt zum Bruch mit Aynurs traditioneller Familie. Nur eine Frau begleitet die schrittweise Emanzipation der jungen Protagonistin, die mit einer zunehmenden Ablehnung und Bedrohung durch ihre Familie einhergeht.

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Das Drehbuch orientiert sich an Zeug:innenaussagen und Akten. Über dokumentarische Aufnahmen aus der Berichterstattung über Hatun Aynur Sürücüs Tod nimmt Sherry Horman immer wieder Bezug auf das reale Geschehen. Das Archivmaterial fügt sich organisch in den Spielfilm ein, der als solcher immer klar zu erkennen bleibt. Nur eine Frau rückt eine Interpretation der Geschehnisse in den Mittelpunkt, die der Rechtssprechung im Fall Sürücü widerspricht: 

Anders als die Gerichte im realen Fall bezieht Horman mit Nur eine Frau die Position, dass der Mord an Aynur zweifelsohne ein sogenannter “Ehrenmord” war und der jüngste Bruder nicht im Alleingang handelte. Für Aynurs Tod tragen also in erster Linie ihre Familie und deren religiöser Glaube die Schuld. Zugleich thematisiert der Film, dass auch deutsche Behörden nicht auf die Hilferufe des Opfers reagierten oder nicht ausreichend Schutz bieten konnten.

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Das Drehbuch ergreift dabei ganz klar Partei für Aynur und nutzt insbesondere die Aussagen von Freund:innen des Mordopfers als Quelle.Dennoch macht Homan deutlich, dass es sich um nur eine von vielen Interpretationen der Geschehnisse handelt.

Sherry Horman wählt einen persönlichen, emotionalen Zugang. Almila Bağrıaçık führt als Aynur im Rückblick durch die letzten sieben Jahre ihres Lebens. Ihre Worte richtet sie direkt an die Zuschauer:innen. An Deutsche, die ihren Tod bereits vergessen haben, die weder die Sprache noch Kultur ihrer Familie verstehen. Ihre Ansprache ist direkt und authentisch, als würde sie gemeinsam mit dem Publikum durch Kreuzberg spazieren. Aynurs Lebendigkeit im Film betont die Dramatik der Geschehnisse nachhaltig ohne sie reißerisch auszuschlachten.

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Die mediale Empörung über sogenannte Ehrenmorde mag inzwischen abgeklungen sein, wie auch Aynur gleich zu Beginn des Films einwirft: “Alles schon so lange her. Kann die nicht einfach tot bleiben? Stimmt, ich bin tot. Hab ich mir auch anders vorgestellt”. Für die junge Frauist es zu spät, doch das Thema bleibt aktuell. Offizielle Zahlen zu Zwangsehen in Deutschland existieren kaum. Kriseneinrichtungen wie Papatya die Mädchen und junge Frauen bei häuslicher Gewalt oder (drohender) Zwangsheirat unterstützen, schätzen die Dunkelziffer betroffener und bedrohter Frauen auf mehrere Tausende. Der Film ist ein deutlicher Appell, in dieser Hinsicht gesamtgesellschaftlich Verantwortung zu übernehmen.

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Der sogenannte Ehrenmord an Aynur machte Schlagzeilen. In der nachfolgenden öffentlichen Debatte ging es jedoch weniger um Gewalt gegen Frauen, sondern vielmehr um den religiösen und kulturellen Hintergrund der Täter. Nur eine Frau benennt sehr deutlich die religiösen Motive für den Mord an Aynur, tappt aber nicht in Falle einer Verallgemeinerung. Die Familie Sürücü wählt den sunnitischen Islam als ihre Glaubensrichtung, die Brüder besuchen gezielt Predigten mit einer strengen Auslegung des Koran. Daneben jedoch zeigt der Film auch ein Spektrum des muslimischen Glaubens, in dem Frauen selbstbestimmt leben.

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Nur eine Frau drängt Frauen nicht in eine Opferrolle. Der Film gibt Aynur eine Stimme und verhilft ihr damit, ein Stück ihrer Selbstbestimmtheit zurück zu erobern. Gleichzeitig würdigt der Film jene Frauen, die Aynur in ihrer Emanzipation unterstützten und verhinderten, dass ihr Sohn bei der Familie aufwächst, die seine Mutter ermordet hat.

DVD-Veröffentlichung: 24. Oktober 2019

Lea Gronenberg