FFMOP 2020: Live

Dystopische Filme sind für ihre Radikalität bekannt. Sie erdichten Visionen, in denen Ungerechtigkeit, Zerstörung und Wahn herrschen, in denen Menschen zu Spielbällen größerer Mächte degradiert und ihrer Würde und Rechte beraubt sind. Wenn es darum geht sich eine schreckliche Zukunft auszumalen, scheint der filmischen Fantasie keine Grenzen gesetzt zu sein, sodass es in diesem Genre auch immer wieder Filme gibt, die neue und überraschende Wege gehen. Live, das Langfilmdebüt von Lisa Charlotte Friederich, ist einer dieser Filme. Er überrascht gerade dadurch, dass er seine dystopische Radikalität in einem Setting findet, das sich subtil aus Ängsten des gegenwärtigen Lebens speist. 

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In einer nicht genau bezifferten Zukunft herrscht in Deutschland strenges Versammlungsverbot. Menschen dürfen sich in keiner Form in der Öffentlichkeit zusammenfinden – nicht zum Kaffee trinken, nicht zum Einkaufen im Supermarkt und erst recht nicht für Veranstaltungen oder Konzerte. Grund dafür ist die wahnhafte Angst vor terroristischen Anschlägen, die das Land heimsuchen. Claire (Karoline Marie Reinke) arbeitet als Psychologin in der Betreuung für Anschlagsopfer. Als sie eines Abends einen Mann behandelt, der sich auf einem illegal veranstalteten Konzert aufgehalten und einen Anschlag überlebt hat, keimt in ihr zum ersten Mal der Gedanke auf, selbst ein Konzert zu veranstalten. Zusammen mit ihrem Bruder Aurel (Anton Spieker) beginnt sie die Veranstaltung zu planen. Die Geschwister erhoffen sich, die Menschen wieder zusammenbringen und ihre Entfremdung für einen Moment unterbrechen zu können. 

Claire schaut in das Licht eines Scheinwerfers.

© LIKEFILME

Die Dystopie in  Live greift also nicht die großen zivilisatorischen Mindeststandards an, deren Verlust in Klassikern des Genres wie Brazil oder der Mad Max-Reihe die Grundlage der Erzählung bildet. Es ist auch nicht die Einschränkung des Menschenrechts aufs Versammlungsfreiheit, welches den Schrecken des dargestellten Szenarios ausmacht, sondern viel mehr der Zusammenbruch des kulturellen und gemeinschaftlichen Lebens. “Einfach neben jemandem rumstehen, dabei sein, wenn sich was verändert, wenn sich ein Gesicht verändert.”, “Ich glaube dass sich alles verändert, wenn Menschen aufeinander treffen.”, “Ich hab seit einer Ewigkeit niemanden mehr angefasst. Ich weiß noch nicht mal mehr wie Menschen riechen.” Diese Aussagen von Claires Patient zeugen von einem Leben, das nicht nur von großer Einsamkeit, sondern auch von starker Sehnsucht geprägt ist – sozialer, körperlicher, aber auch sexueller Natur. Damit schlägt der Film eine spannende Brücke zwischen seinem großen, gesellschaftlichen Entwurf und dem Innenleben der Figuren. Das ist ambitioniert – zu ambitioniert vielleicht, denn gerade diese Brücke versäumt der Film konsequent zu Ende zu denken. Stattdessen verläuft er sich in nur unzureichend nachvollziehbaren zwischenmenschlichen Konflikten.

Dass es sich bei Live nicht um einen  klassisch handlungsgetriebenen Genrefilm handelt, der wiederverwertbaren Grundmustern folgt, ist spätestens dann bemerkbar, wenn der Film seine angedeutete Klimax – das geplante Konzert – ohne große Spannungsmomente abhandelt. Der Film lässt damit Raum und Zeit für die Verhandlung zwischenmenschlicher Themen jenseits des gesellschaftlich dystopischen Settings. Claire und ihre Beziehungen stehen hierbei im Mittelpunkt. Da wäre die polyamorös-körperliche Beziehung zu dem Hackerpärchen Ada (Sonja Dengler) und Maximus (Corbinian Deller), die unaufgeregt die Normativität hetereosexueller Paarbeziehungen hinterfragt. Oder das Verhältnis zwischen Claire und ihrer Mutter, das durch körperliche Distanz und rein digitale Kommunikation geprägt ist. Mit der Verbindung zwischen Claire und ihrem Bruder Aurel wiederum möchte die Regisseurin nach eigener Aussage die biblische Geschichte um Kain und Abel neu erzählen. Alle Beziehungen Claires sind dabei von ungleichen Erwartungen und Enttäuschungen geprägt. Dabei ist es aber an den meisten Stellen nicht nachvollziehbar, warum die Heldin auf die eine oder andere Weise so handelt . Warum wird sie wütend auf Aurel, als sie herausfindet, dass dieser ein zusätzliches Konzert gespielt hat? Warum verheimlicht sie ihm diese Wut? Der Film versäumt es, diese spannenden, zwischenmenschlichen Konflikte in Ruhe aufzuarbeiten. Die Konfrontationsszenen leiden im Film unter miesen Dialogen und fehlendem schauspielerischen Talent. So bleiben zu viele offene Fragen zurück. Allerdings nicht die Art offener Fragen, die Zuschauenden zu angeregtem Nachdenken motivieren könnte, sondern eher lähmende Verwirrung.

Aurel steht vor einem Mikrofon.

© LIKEFILME

Die große Stärke von Live liegt aber an anderer Stelle. Lisa Charlotte Friederich beweist in ihrem Erstlingswerk ein formidables Talent in Bild- und Sounddesign. Die dunkle und kühle Gestaltung der Kulissen, die stets die Figuren und deren Mimik suchende Kamera und der durchgehend unter die Haut gehende Soundtrack vermitteln eine Atmosphäre der Beklemmung und stetigen Angst. Vor allem die Musik ist hierbei hervorzuheben. Mal ist es ein klopfender Beat, mal eine kreischende Trompete und mal ein sphärisches Raunen, das nicht nur den filmischen Raum beherrscht, sondern sich auch sensorisch in den Vordergrund drängt und starke Gefühlsregungen auslöst. So schafft Lisa Charlotte Friederich dann doch an vielen Stellen ein Filmerlebnis, das mit seiner dichten Atmosphäre über die Schwächen des Drehbuchs hinwegtäuschen kann.

 

 

 

Sophie Brakemeier
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