FFMOP 2026: Hygge

War 2025 das Paradies? In einer nicht allzu fernen Zukunft mag es so erscheinen, das legen zumindest die Filmemacherinnen Lena Fakler und Zarah Schrade mit ihrem Spielfilm Hygge nahe. Ressourcenknappheit bestimmt den Alltag der Menschen, die auf beengtem Raum leben, in mehreren Jobs schuften und kaum Kinder bekommen können oder dürfen. Ein Lichtblick in diesem Alltag ist die Reality-Show Hygge. Abgeschirmt vom dystopischen Festland leben ausgewählte Paare den Traum der Kleinfamilie auf einer Insel im durchgestylten Skandi-Setting, das die gute alte Zeit einer Instagram-Version von 2025 nachahmen soll.

©AntoniaPepitaGiesler ©klinkerfilm

Zu den ausgewählten Paaren gehören als Neuzugänge im Cast Levi (Eva Maria Jost) und Minu (Bayan Layla), das erste queere Paar bei Hygge”. Ihren Wunsch nach einem Baby durch künstliche Befruchtung kann nur die Produktion der TV-Show verwirklichen. Dafür geben sie weitreichende Rechte an diese ab. Erst nach und nach wird deutlich, wie weitreichend.

Hygge spielt mit Elementen aus dem Horror-Genre. Eine abgeschlossene Gemeinschaft, die nach ihren eigenen Regeln lebt, wie im Folk-Horror. Ein Eindringling im sonst so sicher scheinenden Heim, wie in der Home Invasion. Diese Motive treten jedoch schnell hinter eine plakative Gesellschaftssatire zurück, die sich an kapitalistischen Zuständen von Konkurrenz, Verknappung, Abschottung, Heteronormativität und Selbstvermarktung abarbeitet.

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Das Hygge-Idyll funktioniert ausschließlich als geschlossenes System, in dem sich alle anpassen. Lena Fakler und Zarah Schrade spitzen zu, wie gesellschaftliche Normierung funktioniert. Gespräche über unangenehme oder kritische Themen werden sanft, aber bestimmt durch die Produktion unterbrochen. Widerstand, Unangepasstheit oder auch nur Unbeliebtheit beim Publikum können jederzeit zum Ausschluss führen. Vielleicht ist es gar kein Zwang, wenn ich es für uns mache, überzeugt Levi sich selbst, als sie gegen ihren eigentlichen Wunsch zustimmt, das Kind der beiden auszutragen und eine neue, femininere Rolle anzunehmen.___STEADY_PAYWALL___ 

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Hygge spielt mit den Träumen der Teilnehmenden ebenso wie mit denen der Zuschauenden der Show. Jedes Paar übernimmt eine spezifische Rolle, wie die des ehrgeizigen Sport-Paares oder des gebildeten Kunst-Paares. Es sind Schablonen, mit denen sich unterschiedliche Gruppen identifizieren sollen. In spielerischen Wettkämpfen treten sie gegeneinander an und kämpfen um Privilegien. Ihre Hauptaufgabe ist es, sendefähiges Material zu produzieren. Material, das den neoliberalen Gedanken, das Individuum müsse sich nur genug anstrengen, auf die Festlandbildschirme sendet.

Lena Fakler und Zarah Schrade verurteilen nicht, dass Hygge erstrebenswert scheint, aber sie hinterfragen das Glücksversprechen und die Alternativlosigkeit.

Die Uraufführung von Hygge findet im Rahmen des Filmfestivals Max Ophüls Preis 2026 statt, wo der Film im Wettbewerb Spielfilm läuft.

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